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Geschichte des Stalinismus : Der Midas-Effekt

Die große Umverteilung: So luxuriös wie dieses Moskauer Torgsin-Geschäft sahen die ländlichen Filialen nicht aus. Bild: Picture-Alliance

Als Stalin seinen titanischen Industrialisierungsplan in Angriff nahm, waren die Staatskassen leer. Deswegen entstanden staatliche Valutaläden, die der Bevölkerung die „goldene Sahneschicht“ ihrer Ersparnisse abnahmen.

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          In Michail Bulgakows Roman „Der Meister und Margarita“ sind die Begleiter des Satans ganz begeistert vom Moskauer „Torgsin“, der hauptstädtischen Luxusausgabe der unter Stalin eröffneten Kette von Handelshäusern, die ursprünglich nur Ausländer oder Westreisende gegen Devisen bedienten. Bulgakow schickt den langen Kerl und den dicken Kater, die mit dem dämonischen Magieprofessor Voland die Kapitale des Sowjetstaats aufmischen, ins „Torgsin“ am Smolensker Platz, wo kesse Frauen sich einkleiden und Delikatessen aufgetürmt sind, während dem einfachen Sowjetvolk noch die künstlich erzeugte Hungersnot in den Knochen steckt. Die Beraubung und Zwangskollektivierung der Bauern, ist, zumal was den sogenannten Holodomor in der Ukraine betrifft, vergleichsweise gut erforscht; die Schlüsselrolle, die das Torgsin für Stalins Industrialisierung spielte, blieb hingegen bisher unterbelichtet.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die aus Moskau stammende Historikerin Elena Osokina, die an der University of South Carolina lehrt, schließt mit ihrem frühere Studien resümierenden, bisher nur auf Russisch erschienenen Buch „Alchimija sovetskoj industrializatsii – vremja torgsina“ („Alchemie der sowjetischen Industrialisierung – Torgsin-Zeit“, Moskau 2019) eine Lücke. Osokina beschreibt das Torgsin-Geschäftsmodell als „alchemistische“ Umwandlung einheimischer Lebensmittel in das für den Erwerb von Investitionsgütern dringend benötigte Gold.

          Als die sowjetische Parteiführung Ende der zwanziger Jahre beschloss, den Sozialismus in einem Land aufzubauen, das von einem Agrarland schleunigst in ein Industrieland umgewandelt werden musste, waren die staatlichen Gold- und Devisenreserven infolge von Bürgerkrieg und Emigration, aber auch durch Reparationen sowie die Unterstützung von Revolutionären im Ausland auf ein Minimum gesunken. Die ursprüngliche Hoffnung, den Import von technischem Gerät durch Getreideexport finanzieren zu können, zerbrach an der Großen Depression. Die Sowjetführung glich einerseits den Preisverfall durch größere Exportmengen aus, zerschlug Privathandel und Bauernwirtschaft. Sie suchte andererseits aber auch nach Methoden, die „goldene Sahneschicht“ der Bevölkerung abzuschöpfen.

          Legaler Devisenhandel mit Ausländern

          Dabei half der Hunger. Anfang der dreißiger Jahre unterstützte ein vom Staatssicherheitsdienst OGPU betriebenes „Kreditbüro“ Sowjetbürger dabei, ihre Auslandsguthaben heimzuführen – für eine beträchtliche Kommission. Es gab Zwangskonfiskationen. Oder die OGPU sperrte Leute mit Auslandsverbindungen so lange in „Dollar-Schwitzkammern“ genannte Gefängniszellen ein, bis ihre Verwandten sie mit einer Überweisung freikauften. Auch sanfterer Druck führte zum Ziel. Die von Bulgakow geschilderte Traumvision des Hausverwalters Nikanor Bossoj, worin Devisenbesitzer festgesetzt und durch gefühlvolle Musik sowie Haftandrohung gedrängt werden, ihre Geldverstecke preiszugeben, spiegelt, wie Osokina nachweisen kann, reale Techniken der damaligen Dienste. Am effektivsten aber erwies sich das Torgsin, wo die Bürger freiwillig ihren Erbschmuck für überteuerte Lebensmittel hergaben.

          Torgsin-Warengutschein im Wert von einer Kopeke: Für Feingold konnte man Lebensmittel zu Wucherpreisen kaufen.

          Das Torgsin, ein Kurzwort für „Handel mit Ausländern“, bot anfangs Antiquitäten und Delikatessen an Ausländer gegen Devisen feil, weshalb die ersten Läden 1930 im Herzen von Moskau und Leningrad sowie in Hafenstädten aufmachten. Doch schon im Folgejahr, als die Auslandsverschuldung der Sowjetunion auf fast anderthalb Milliarden Goldrubel anwuchs und der Staat de facto bankrott war, erlaubte die Regierung ihren Bürgern, im Torgsin zaristische Goldrubel und dann auch „Gebrauchsgold“ einzuliefern, Schmuck, Orden, Kreuzanhänger. Prompt erwirtschaftete das Torgsin schon im ersten Quartal 1932 mehr als durch den Handel mit Ausländern im gesamten Vorjahr. Seine Spitzenernte bescherte dem Torgsin das Hungerjahr 1933, in dem die notleidende Bevölkerung 45 Tonnen Feingold ablieferte, fast ebenso viel, wie die Goldgruben in Fernost förderten. In dieser Zeit wuchs die Zahl der Torgsin-Zweigstellen im Land auf ein Netz von anderthalbtausend Geschäften an, die nicht nur in Städten, sondern auch in Dörfern die Goldvorräte absaugten.

          Ihre Familienschätze, für die der Staat weniger als den Weltmarktpreis zahlte, tauschten die Leute vor allem gegen Mehl, Brot, Graupen ein, die im Torgsin teurer waren als selbst auf dem privaten Kolchosmarkt und deren Preise das Torgsin im Hungerwinter 1933 gleich zweimal erhöhte. Der Staat, der Marktspekulation strafrechtlich ahndete, betrieb selbst eine rücksichtslos spekulative Preispolitik.

          Radikale Konsumhaltung im Sowjetstaat

           Im Torgsin waren ferner Seife, Konfekt, Kleidung, Schuhe zu haben, nach dem Ende des akuten Hungers auch zunehmend Luxusgüter, was die sozialistische Moral allzu offensichtlich korrumpierte, weshalb die Ladenkette im Säuberungsjahr 1937 geschlossen wurde. Da Devisentransaktionen im Prinzip verboten waren, betraten viele die Torgsin-Läden ängstlich. Und tatsächlich kam es vor, dass Milizionäre oder GPU-Fahnder Torgsin-Kunden festnahmen, ihre Einkäufe konfiszierten, ihre Wohnungen durchsuchten oder auch die Direktion zwangen, Kundenguthaben an den „Industrialisierungsfonds“ zu überweisen. Andererseits ließen sich auch lokale Kader der Partei und der Staatssicherheit, die durch die Lebensmittelzuteilung ohnehin üppig versorgt waren, manchmal unentgeltlich mit Torgsin-Waren beliefern.

          Stalin verbuchte das der Bevölkerung abgenommene Gold als Teil der staatlichen Rohstoffausbeute. Anfang 1934 erklärte er gegenüber der „New York Times“ stolz, sein Land habe im Vorjahr mehr als achtzig Tonnen Feingold gefördert. Das lag über der Fördermenge der Vereinigten Staaten. Die westliche Welt wurde nervös. Osokina kann freilich zeigen, dass die sowjetischen Goldbergwerke – die GULag-Betriebe eingeschlossen – es nur auf gut fünfzig Tonnen gebracht hatten, dass der Diktator also die Torgsin-Einnahmen mitberechnete.

          Die Forscherin bescheinigt dem Sowjetstaat eine radikale „Konsumhaltung“ dem eigenen Volk gegenüber, begründet diese jedoch auch mit der Überzeugung des Regimes, ohne Industrialisierung verloren zu sein. Deswegen wurden die Bauern ausgepresst, deswegen wurden Museumsschätze verkauft, Rohstoffe und Geld in den Westen gepumpt. Diese Priorität zeigte sich auch in der Zuteilung der Lebensmittelkarten, die keineswegs sozial Schwachen half, sondern außer Militärs und der Parteielite Industriearbeiter und Ingenieure mitsamt Familienangehörigen begünstigte, während Bauern und deren Kinder leer ausgingen.

          Das Torgsin war jedoch auch ein Gleichmacher. Denn nachdem die Revolution die alten Eliten zerstört hatte, nahm der Devisenladen unterschiedslos allen ihre Ersparnisse ab. Außerdem bremste sein Erfolg den Export von Getreide, das – zum dreifachen Preis – Sowjetbürgern zugutekam und Menschen rettete. Osokina zitiert eine Passage aus der Autobiographie des in einem sibirischen Dorf aufgewachsenen Schriftstellers Viktor Astafjew, „Die letzte Verneigung“, worin er schildert, wie er das Jahr 1933 nur deshalb überlebte, weil seine Familie das letzte Andenken an seine tragisch verstorbene Mutter, ihre goldenen Ohrringe, in einem Büro namens Torgsin einlöste. Dessen Name sei, so Astafjew, von den Dorfbewohnern fortan geradezu ehrfürchtig ausgesprochen worden.

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