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Germanistentag in Saarbrücken : Literatur der Zeitarbeitswelt

  • -Aktualisiert am

Ist das Narrativ von der Krise des Lesens vielleicht doch eine Legende? Die Frankfurter Buchhandlung Land in Sicht ist in diesem Jahr einer von 118 Empfängern des Deutschen Buchhandlungspreises. Bild: Wolfgang Eilmes

Alle drei Jahre findet der Germanistentag statt. In Saarbrücken widmeten sich mehr als 600 Vertreter der größten Geisteswissenschaft der Betrachtung der Zeit und insbesondere der Gegenwart.

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          Vergangene Woche fand in Saarbrücken der 26. Deutsche Germanistentag statt – eine Veranstaltung, die alle drei Jahre ausgerichtet wird und in der Vergangenheit immer wieder Anlass für allerlei Abgesänge und Abrechnungen war. Schon 1997 konnte Ulrich Greiner in der „Zeit“ darüber spotten: „Die Krise der Germanistik ist zu Ende. Nicht etwa, weil es keine Krise gäbe (wir sind notabene in Deutschland), sondern weil es die Germanistik nicht mehr gibt.“ Nun sind seitdem einige Jahre vergangen, und nicht nur die Germanistik gibt es immer noch, sondern auch das ritualisierte Krisengerede.

          Eine der wichtigsten Aufgaben der Germanistik ist es, die liebgewonnenen Erzählmuster zu untersuchen, mit denen sich die Gesellschaft über sich selbst verständigt. Die Krise der Germanistik gehört zu diesen Narrativen, denn der größte geisteswissenschaftliche Studiengang bietet sich als Projektionsfläche für gesellschaftliche Ängste und Hoffnungen an. Es geht um die Massenuniversität, um Bildungsgerechtigkeit, um Fragen nach gesellschaftlichem Nutzen und der Freiheit von Wissenschaft.

          Für diese undankbare Rolle als Austragungsort bildungspolitischer Konflikte eignet sich die Germanistik vielleicht deshalb so gut, weil die scheinbare Frivolität des Gegenstandes in Kontrast zum infrastrukturellen Aufwand eines Massenfaches steht. So fragte etwa Martin Doerry in einem besonders ressentimentgeladenen Krisenartikel, der 2017 im „Spiegel“ veröffentlicht wurde: „Wer hat eigentlich entschieden, dass dieses Land mehr als 3000 Germanisten braucht?“

          Der Status der Bildung

          Man kann sich schwer vorstellen, dass Geschichtswissenschaft oder Soziologie mit solchen Fragen behelligt werden. Kulturpolitischer Furor entzündet sich vor allem an der Germanistik. Dahinter steht jedoch zumeist die viel größere Frage: Welchen Status hat Bildung in unserer Gesellschaft?

          Mit den spezifischen Inhalten des Faches hat diese Diskussion kaum noch etwas zu tun. Wer eine Veranstaltung wie den Germanistentag in Saarbrücken besucht, wo zwar nicht 3000, aber immerhin 600 Germanistinnen und Germanisten anwesend waren, der bemerkt schnell, dass auch eine Großerzählung wie die von der Krise der Germanistik ein Konstrukt ist – eine Erzählung, die sich vom Gegenstand, auf den sie sich bezieht, längst gelöst hat. Das zeigt sich auch daran, dass die Teilfächer Mediävistik, Linguistik und Fachdidaktik in diesen Abgesängen meistens großzügig ausgespart werden.

          Wenn es in Bezug auf eine Veranstaltung mit fast 100 Panels und einem üppigen Rahmenprogramm überhaupt eine kohärente Antwort auf die Frage gibt, was Germanistinnen und Germanisten eigentlich machen, dann lautet sie: Germanistinnen und Germanisten arbeiten.

          Videospiele gehören selbstverständlich dazu

          Unter dem weitgefassten Thema „Zeit“ präsentierte sich das Fach als extrem vielfältige und bewegliche Wissenschaft. Erörtert wurden Fragen nach Zeit und Zeitlichkeit in der Literatur vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Die längst etablierte kulturwissenschaftliche Öffnung hin zu Gegenständen, die nicht unmittelbar rigiden kanonischen Vorstellungen davon, was Literatur sei, entsprechen, hat keineswegs zu einer Verwässerung des sogenannten Kerngeschäfts – der Beschäftigung mit literarischen Texten – geführt. Stattdessen stehen klassische Untersuchungsgegenstände wie die Spielmannsepik, die Novelle, Romane wie „Der Nachsommer“ oder „Berlin Alexanderplatz“ in einem kulturellen Dialog mit anderen Text- und Erzählformen. Dazu gehören inzwischen wie selbstverständlich Filme, Videospiele, Kinderbücher, aber auch alltägliche Gebrauchstexte wie Briefe oder Kalender sowie digitale Medien.

          Auf einem von Alexander Honold (Basel) und Heinrich Kaulen (Marburg) ausgerichteten Panel zur „Poetik des Kalenders“ etwa ging es um die kalendarischen Effekte, die das Spiel mit Daten in literarischen Texten erzeugen kann. Ein Panel über „Geschmack und Zeit“ (Niels Penke, Niels Werber [Siegen]) behandelte den Ästhetiker Alexander Baumgarten, die Instapoetry einer Rupi Kaur und Dokumentarfilme zur „Flüchtlingskrise“. Ethel Matala de Mazza (Berlin) beleuchtete in ihrem Vortrag das Telegramm als epochemachende Innovation, die den Mediengeschmack stark verändert und den Hunger auf ein „Allerlei aus Fakten“ geweckt habe, dem wir die Rubrik „Vermischtes“ verdankten.

          Um verschiedene Zeitformen ging es auch im Eröffnungsvortrag des Soziologen Hartmut Rosa (Jena), der über die Unterschiede zwischen Alltagszeit, Lebenszeit und Weltzeit sprach. Angesichts dieser Tour de Force durch fast alle Bereiche der Gegenwartskultur (zur Sprache kamen unter anderem: Urnenbestattung, Social Freezing [das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinischen Grund], Fußball, aber auch Geburt und Tod) machte sich ein leichter Neid auf so viel soziologische Deutungsmacht bemerkbar.

          Den Erzählern geht die Zeit aus

          Allerdings ist die Germanistik selbst gut gerüstet, um zur Analyse gegenwärtiger Krisenphänomene beizutragen. Auffällig viele Panels beschäftigten sich mit Fragen von Gegenwart und Gegenwärtigkeit. Um Zeit als knappe Ressource ging es zum Beispiel im Panel von Solvejg Nitzke (Dresden) über ökologisches Erzählen: Wie wird die existentielle Verknappung von Zeit, mit der uns der Klimawandel konfrontiert, in zeitgenössischer Literatur, etwa in Ilija Trojanows Roman „EisTau“ von 2011, reflektiert?

          Überhaupt wurde die Frage nach der politischen Wirkung von Literatur, nach ihrem zeitkritischen Potential, immer wieder gestellt. Wie sich im Panel zu „Gegenwartsliteratur nach der Digitalisierung“ (Eckhard Schumacher, Elias Kreuzmair [Greifswald]) zeigte, gibt es eine Vielzahl an Essays und Büchern, welche die Gegenwart als krisenhaft und bedrohlich darstellen. Dieses Bedrohungsgefühl wird in der Gegenwartsliteratur aufgegriffen und verarbeitet, indem zum Beispiel der unübersichtlichen Gegenwart die ästhetische Eigenzeit des Romans entgegengestellt wird.

          Die Krisenhaftigkeit der Gegenwart führt auch zu einer Abkehr von postmoderner Skepsis und Ironie; eine verstärkte Sehnsucht nach Echtem, Unverstelltem, Nichtkonstruiertem bricht sich Bahn. Auf einem Panel zum „Epochenbewusstsein nach der Postmoderne“ (Klaus Birnstiel [Greifswald], Erik Schilling [München]) wurden Authentizität, Körperlichkeit und Ethik als bestimmende Themen der Gegenwartskultur und -literatur benannt.

          Eine schöne Geschichte vom Lesen

          Dazu passt auch das Konzept des Deep Reading, das Cornelia Rosebrock (Frankfurt) in ihrem Keynote-Vortrag über „Zeit im Lesen“ vorstellte. Die Leseforschung erscheint angesichts der digitalen Revolution des Lesens und des von der Buchbranche beklagten Leserschwundes als Forschungsfeld mit besonderer Dringlichkeit. Allerdings wäre auch zu fragen, ob die Angst davor, das immersive, „tiefe“ Lesen könnte durch zu viel Bildschirmzeit verlorengehen, nicht selbst schon wieder ein konservatives Narrativ darstellt, das vor allem einer antidigitalen Nostalgie Ausdruck verleiht.

          So brachte sich in der Vielfalt wissenschaftlicher Perspektiven auf Phänomene der Gegenwart und deren historische Wurzeln der Deutungsanspruch des Faches durchaus wirkungsvoll zur Geltung. In einer Zeit, in der starke, aber bei näherem Hinsehen oft defekte Erzählungen unser Bewusstsein bestimmen, vom Postfaktischen bis zur Sehnsucht nach Authentizität, kann die Germanistik Antworten auf die Frage geben: Was ist Gegenwart, was sind die Kennzeichen der Epoche, in der wir uns befinden?

          Das einzige Krisennarrativ, das ungebrochen – man ist versucht zu sagen: authentisch – auch innerhalb des Faches fortgeschrieben wird, ist das Gespräch über den prekären Status des wissenschaftlichen Nachwuchses. Daher überraschte auch nicht, dass eine Podiumsdiskussion mit dem leicht irreführenden Titel „Der Weg zur Professur“ keine neuen Erkenntnisse oder Lösungsvorschläge präsentieren konnte.

          Bekannt aus Funk und Fernsehen

          Kritik richtete sich gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und das „Drittmittelunwesen“, gefordert wurden mehr Betreuung, eine Aufweichung des Lehrstuhlprinzips sowie ein Generalstreik des Universitätspersonals. Damit waren bekannte Positionen vertreten, die seit längerem in den Medien und auch im Internet (unter den Hashtags #frististfrust und #unbezahlt) diskutiert werden. Es gab aber auch Wortmeldungen, die für Unmut und Gelächter im Publikum sorgten, beispielsweise den Rat, wer im Alter von 35 noch keine Professur habe, solle sich etwas anderes überlegen.

          Am Ende war man sich auch auf dem Podium mehr oder weniger darüber einig, dass das Grundproblem des Nachwuchses in den Finanzproblemen seiner Arbeitswelt liegt. Die Unterfinanzierung auf allen Ebenen spiegelt einen Mangel an gesellschaftlicher Wertschätzung für die Geisteswissenschaften; allerdings auch eine gewisse politische Hilflosigkeit zumindest des Faches Germanistik, wenn es darum geht, die eigene Relevanz zu begründen. Wie schafft man ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, was eine angemessene Ausstattung der Germanistik ist?

          Eine Möglichkeit wäre, sich stärker auf Instrumente der Wissenschaftskommunikation einzulassen. Gerade die Präsenz in den sozialen Medien könnte dem Fach zu einer neuen Form von Sichtbarkeit verhelfen. Berührungsängste mit dem Digitalen sollten nicht nur im Bereich der Forschungsgegenstände abgebaut werden, sondern auch im persönlichen Umgang der Forscherinnen und Forscher. So könnten die Veranstalterinnen und Veranstalter 2022 einige Impulse auch aus den Twitter-Debatten zum Germanistentag, die es sehr wohl gegeben hat, aufgreifen und etwa über eine inklusivere Namensgebung für die Veranstaltung nachdenken.

          In Saarbrücken hat sich die Germanistik als Fach gezeigt, das seine zeitdiagnostische Relevanz vor allem darin findet, kulturell bedeutsame Narrative zu analysieren. Es ist zu hoffen, dass die Germanistik jetzt auch eine Erzählung über sich selbst findet, die diese Relevanz gesellschaftlich plausibel macht: Die Germanistik ist kein Fach in der Krise, sondern ein Fach, das sich in der Krise bewährt.

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