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Germanistentag in Saarbrücken : Literatur der Zeitarbeitswelt

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So brachte sich in der Vielfalt wissenschaftlicher Perspektiven auf Phänomene der Gegenwart und deren historische Wurzeln der Deutungsanspruch des Faches durchaus wirkungsvoll zur Geltung. In einer Zeit, in der starke, aber bei näherem Hinsehen oft defekte Erzählungen unser Bewusstsein bestimmen, vom Postfaktischen bis zur Sehnsucht nach Authentizität, kann die Germanistik Antworten auf die Frage geben: Was ist Gegenwart, was sind die Kennzeichen der Epoche, in der wir uns befinden?

Das einzige Krisennarrativ, das ungebrochen – man ist versucht zu sagen: authentisch – auch innerhalb des Faches fortgeschrieben wird, ist das Gespräch über den prekären Status des wissenschaftlichen Nachwuchses. Daher überraschte auch nicht, dass eine Podiumsdiskussion mit dem leicht irreführenden Titel „Der Weg zur Professur“ keine neuen Erkenntnisse oder Lösungsvorschläge präsentieren konnte.

Bekannt aus Funk und Fernsehen

Kritik richtete sich gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz und das „Drittmittelunwesen“, gefordert wurden mehr Betreuung, eine Aufweichung des Lehrstuhlprinzips sowie ein Generalstreik des Universitätspersonals. Damit waren bekannte Positionen vertreten, die seit längerem in den Medien und auch im Internet (unter den Hashtags #frististfrust und #unbezahlt) diskutiert werden. Es gab aber auch Wortmeldungen, die für Unmut und Gelächter im Publikum sorgten, beispielsweise den Rat, wer im Alter von 35 noch keine Professur habe, solle sich etwas anderes überlegen.

Am Ende war man sich auch auf dem Podium mehr oder weniger darüber einig, dass das Grundproblem des Nachwuchses in den Finanzproblemen seiner Arbeitswelt liegt. Die Unterfinanzierung auf allen Ebenen spiegelt einen Mangel an gesellschaftlicher Wertschätzung für die Geisteswissenschaften; allerdings auch eine gewisse politische Hilflosigkeit zumindest des Faches Germanistik, wenn es darum geht, die eigene Relevanz zu begründen. Wie schafft man ein gesellschaftliches Bewusstsein dafür, was eine angemessene Ausstattung der Germanistik ist?

Eine Möglichkeit wäre, sich stärker auf Instrumente der Wissenschaftskommunikation einzulassen. Gerade die Präsenz in den sozialen Medien könnte dem Fach zu einer neuen Form von Sichtbarkeit verhelfen. Berührungsängste mit dem Digitalen sollten nicht nur im Bereich der Forschungsgegenstände abgebaut werden, sondern auch im persönlichen Umgang der Forscherinnen und Forscher. So könnten die Veranstalterinnen und Veranstalter 2022 einige Impulse auch aus den Twitter-Debatten zum Germanistentag, die es sehr wohl gegeben hat, aufgreifen und etwa über eine inklusivere Namensgebung für die Veranstaltung nachdenken.

In Saarbrücken hat sich die Germanistik als Fach gezeigt, das seine zeitdiagnostische Relevanz vor allem darin findet, kulturell bedeutsame Narrative zu analysieren. Es ist zu hoffen, dass die Germanistik jetzt auch eine Erzählung über sich selbst findet, die diese Relevanz gesellschaftlich plausibel macht: Die Germanistik ist kein Fach in der Krise, sondern ein Fach, das sich in der Krise bewährt.

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