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Germanistentag in Saarbrücken : Literatur der Zeitarbeitswelt

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Auf einem von Alexander Honold (Basel) und Heinrich Kaulen (Marburg) ausgerichteten Panel zur „Poetik des Kalenders“ etwa ging es um die kalendarischen Effekte, die das Spiel mit Daten in literarischen Texten erzeugen kann. Ein Panel über „Geschmack und Zeit“ (Niels Penke, Niels Werber [Siegen]) behandelte den Ästhetiker Alexander Baumgarten, die Instapoetry einer Rupi Kaur und Dokumentarfilme zur „Flüchtlingskrise“. Ethel Matala de Mazza (Berlin) beleuchtete in ihrem Vortrag das Telegramm als epochemachende Innovation, die den Mediengeschmack stark verändert und den Hunger auf ein „Allerlei aus Fakten“ geweckt habe, dem wir die Rubrik „Vermischtes“ verdankten.

Um verschiedene Zeitformen ging es auch im Eröffnungsvortrag des Soziologen Hartmut Rosa (Jena), der über die Unterschiede zwischen Alltagszeit, Lebenszeit und Weltzeit sprach. Angesichts dieser Tour de Force durch fast alle Bereiche der Gegenwartskultur (zur Sprache kamen unter anderem: Urnenbestattung, Social Freezing [das vorsorgliche Einfrieren von unbefruchteten Eizellen ohne medizinischen Grund], Fußball, aber auch Geburt und Tod) machte sich ein leichter Neid auf so viel soziologische Deutungsmacht bemerkbar.

Den Erzählern geht die Zeit aus

Allerdings ist die Germanistik selbst gut gerüstet, um zur Analyse gegenwärtiger Krisenphänomene beizutragen. Auffällig viele Panels beschäftigten sich mit Fragen von Gegenwart und Gegenwärtigkeit. Um Zeit als knappe Ressource ging es zum Beispiel im Panel von Solvejg Nitzke (Dresden) über ökologisches Erzählen: Wie wird die existentielle Verknappung von Zeit, mit der uns der Klimawandel konfrontiert, in zeitgenössischer Literatur, etwa in Ilija Trojanows Roman „EisTau“ von 2011, reflektiert?

Überhaupt wurde die Frage nach der politischen Wirkung von Literatur, nach ihrem zeitkritischen Potential, immer wieder gestellt. Wie sich im Panel zu „Gegenwartsliteratur nach der Digitalisierung“ (Eckhard Schumacher, Elias Kreuzmair [Greifswald]) zeigte, gibt es eine Vielzahl an Essays und Büchern, welche die Gegenwart als krisenhaft und bedrohlich darstellen. Dieses Bedrohungsgefühl wird in der Gegenwartsliteratur aufgegriffen und verarbeitet, indem zum Beispiel der unübersichtlichen Gegenwart die ästhetische Eigenzeit des Romans entgegengestellt wird.

Die Krisenhaftigkeit der Gegenwart führt auch zu einer Abkehr von postmoderner Skepsis und Ironie; eine verstärkte Sehnsucht nach Echtem, Unverstelltem, Nichtkonstruiertem bricht sich Bahn. Auf einem Panel zum „Epochenbewusstsein nach der Postmoderne“ (Klaus Birnstiel [Greifswald], Erik Schilling [München]) wurden Authentizität, Körperlichkeit und Ethik als bestimmende Themen der Gegenwartskultur und -literatur benannt.

Eine schöne Geschichte vom Lesen

Dazu passt auch das Konzept des Deep Reading, das Cornelia Rosebrock (Frankfurt) in ihrem Keynote-Vortrag über „Zeit im Lesen“ vorstellte. Die Leseforschung erscheint angesichts der digitalen Revolution des Lesens und des von der Buchbranche beklagten Leserschwundes als Forschungsfeld mit besonderer Dringlichkeit. Allerdings wäre auch zu fragen, ob die Angst davor, das immersive, „tiefe“ Lesen könnte durch zu viel Bildschirmzeit verlorengehen, nicht selbst schon wieder ein konservatives Narrativ darstellt, das vor allem einer antidigitalen Nostalgie Ausdruck verleiht.

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