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Soziale Systeme : „Darum kümmert sich doch der Staat“

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Wo Solidarität als Staatsaufgabe gilt, kann man sie sich guten Gewissens schenken – wirklich? Bild: dpa

Je gerechter eine Gesellschaften ist, desto weniger soziale Wohltäter benötigt sie. Tatsächlich haben diese Gemeinschaften auch weniger von ihnen. Eine Betrachtung über die zugrunde liegenden Zusammenhänge

          Solidarität ist die Bereitschaft eines Individuums, sich mit einem gewissen persönlichen Opfer für das Wohlergehen eines Schwächeren einzusetzen. Doch bei dieser Definition fällt etwas Paradoxes auf. Betrachtet man die Solidarität von ihrem Effekt her – jemand hilft einem Schwächeren –, ist sie etwas Nobles und Vorbildliches. Von ihren Motiven her gesehen, kann es dabei aber durchaus nicht nur um selbstlosen Altruismus, sondern durchaus um Eigennutz und Gewinnstreben gehen. Im Sprichwort „Tue Gutes und rede drüber“ drückt sich aus, dass Solidarität keineswegs anonym bleiben sollte. Geübte Solidarität legitimiert sozusagen zum Selbstlob.

          Eine an Solidarität interessierte oder gar auf sie angewiesene Gesellschaft sollte darum dem Solidaritätsbereiten zumindest symbolisches Kapital im Austausch für seine Großzügigkeit anbieten – etwa in Form von Gedenktafeln, Patenschaften oder Verdienstkreuzen. Man könnte also vermuten, dass die Wahrscheinlichkeit solidarischen Handelns mit der Höhe ihrer Belohnung in Form entsprechenden Statuserwerbs steigen müsste. Zugespitzt müsste man dann gewissermaßen zur Legitimität der Ungleichheit rechnen, dass sie immerhin die Solidarität in der Gesellschaft steigern kann. Wer reichlich hergibt, darf dann auch reich bleiben.

          Schädlicher Nebeneffekt des sozialen Gleichheitsdrucks

          Das hieße aber im Umkehrschluss auch, dass egalitäre Gesellschaften mit ihrer Präferenz für soziale Gleichheit ein Problem mit der Solidarität haben müssten. Das Gute bliebe dort sozusagen ungetan, weil man sich damit nicht auszeichnen darf. Dieser schädliche Nebeneffekt des sozialen Gleichheitsdrucks könnte allerdings dadurch ausgeglichen werden, dass diese Gesellschaften aufgrund ihrer größeren Einkommensgleichheit auch einen deutlich geringeren Bedarf an Solidarität haben könnten.

          Ob das alles so zutrifft, kann nur ein vergleichender Blick auf die Sozialstruktur klären. Die britische Soziologin Marii Paskov hat dazu auf die European Social Survey (EES) zurückgegriffen. Diese Studie wird seit 2002 durchgeführt und untersucht im Abstand von zwei Jahren Zusammenhänge der Sozialstruktur mit Fragen von Einstellungen und moralischen und religiösen Überzeugungen in 28 europäischen Ländern.

          Die Teilnehmer der Untersuchung wurden nach ihren Sympathien für verschiedene soziale Typen gefragt: der Solidarische, der anonyme Solidarische sowie der äußerst öffentlich Solidarische, der damit ausdrücklich einen persönlichen Statusgewinn bezweckt. Dabei verwendet die Studie den Gini-Index zur Messung der sozialen Ungleichheit in Kombination mit einer Maßzahl für die soziale Umverteilung durch sozialstaatliche Umverteilung sowie dem BIP zur Messung des gesellschaftlichen Wohlstandes.

          Armut spielt für Solidarität keine Rolle

          Die Ergebnisse belegen in der Tat einen positiven Zusammenhang zwischen Streben nach sozialer Anerkennung und solidarischem Verhalten. Diejenigen also, die positiv auffallen wollen, bekunden in dieser Studie auch eine starke soziale Verantwortung. Und es zeigt sich auch, dass dieser Zusammenhang in den europäischen Ländern mit höherer sozialer Ungleichheit eben tatsächlich stärker ausfällt als in jenen, die sich durch mehr Gleichheit auszeichnen. Der Zusammenhang wiederum der staatlichen Sozialausgaben und der individuellen Solidarität fällt negativ aus – wo also die öffentliche Hand soziale Härten mildert und Ungleichheit durch Transferleistungen ausgleicht, sinkt auch die individuelle Bereitschaft, sich solidarisch zu zeigen.

          Aber ist das nicht ein erwartbares Ergebnis? Wo Solidarität als Staatsaufgabe gilt, kann man sie sich schließlich guten Gewissens schenken. Vorausgesetzt, der Sozialstaat funktioniert, gibt es dann einfach nur wenige, denen noch nicht geholfen wird. Man müsste die Ergebnisse also auf ihren Zusammenhang mit der Armutsrate der untersuchten Gesellschaft überprüfen. Fragt man also nach dem Anteil der Bevölkerung, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung hat, stellt sich heraus, dass diese Armutsrate keinen Effekt auf den festgestellten Zusammenhang von Solidarität und Gleichheit hat.

          Ob es also viel oder wenig Armut in einer Gesellschaft gibt, spielt für die Solidarität keine Rolle. Entscheidend sind nur das Ausmaß an Ungleichheit und die Wertschätzung für sichtbare individuelle Solidarität, die eine Gesellschaft anbietet. Abstand zum Hilfebedürftigen und Anerkennung für die Hilfe beweisen sich als die entscheidenden Größen.

          Die Studie erweckt den Eindruck, dass individuelle Solidarität (etwa durch Spenden) und öffentliche Solidarität (im Sinne staatlicher Hilfe) in einer Art Konkurrenzverhältnis stehen. Gemeinsam wachsen können sie anscheinend nicht. Welcher Form von Solidarität wäre dann aber der Vorzug zu geben? Als größter Nachteil individueller Solidarität gilt deren Selektivität, während der Sozialstaat hingegen zu Ineffektivität und Bürokratismus neigt. Die beiden Solidaritätsformen, schließt die Studie, seien eben nicht funktional äquivalent. Optimal wäre daher nur ein System, in dem sich die beiden Formen möglichst die Waage hielten.

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