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Soziale Systeme : Das bisschen Haushalt

  • -Aktualisiert am

Papa kocht: Der Unterschied zwischen Männern und Frauen bei der investierten Arbeitszeit im Haushalt wird kleiner. Bild: picture alliance / AltoPress / Maxppp

Die moderne Frau verbringt nicht mehr so viel Zeit mit Putzen und Kochen. Was nicht bedeutet, dass der moderne Mann hier im gleichen Umfang mehr leistet. Wie verändert sich die „Gender Gap“ im Haushalt?

          Die häusliche Arbeitsteilung ist ein Indikator gesellschaftlicher Veränderungen: Eine Rollentrennung zwischen Mann und Frau in der Form, dass der eine arbeiten geht, während die andere die Haus- und Familienarbeit erledigt, gilt als überholt. Gleichberechtigung bedeutet in den Augen vieler Männer und Frauen auch eine Angleichung der Geschlechterrollen – nicht nur in der Erwerbs-, sondern auch in der Hausarbeit.

          Sowohl Alltagsbeobachtungen als auch die soziologische Forschung weisen jedoch darauf hin, dass die gewandelten Einstellungen nicht umstandslos zu Verhaltensänderungen führen. So scheint die klassische häusliche Arbeitsteilung recht beständig zu sein, obwohl ihr die Legitimität abhandengekommen ist.

          Ein Problem derartiger Beobachtungen ist, dass sie punktuell bleiben. Die Verteilung der Aufgaben im Haushalt verändert sich jedoch einerseits im Lebensverlauf, andererseits in der Generationenfolge. Man könnte somit heute beobachten, dass sich die Arbeitsteilung eines jungen Paares von jener eines älteren unterscheidet und dies als Zeichen für den sozialen Wandel deuten: Ein neues Modell wird von den Jüngeren adoptiert und setzt sich durch. Doch es könnte auch sein, dass die Aufgabenverteilung bei jüngeren Paaren einfach anders ist als bei älteren – und dass die Jungen von heute die Alten von morgen sind.

          Gender Gap variiert mit Zeit

          Die Analyse sozialen Wandels muss deshalb zwischen „Alters-“ und „Kohorteneffekten“ unterscheiden: Welche Veränderungen sind auf den Lebenslauf zuzurechnen und welche auf die Geburtskohorte? Eine Studie, die auf diese Weise versucht, den Wandel der häuslichen Arbeitsteilung differenziert zu untersuchen, hat nun ein europäisches Forschungsteam vorgestellt. Sie greift auf Daten des „Sozio-oekonomischen Panels“ (SOEP) zurück, das seit 1985 in jährlichen Intervallen dieselben Personen (ergänzt durch regelmäßige Neuzugänge) befragt. Dadurch konnten mehr als 20 000 Personen der Jahrgänge 1920 bis 1990 und deren Zeitbudgets über einen Zeitraum von bis zu 31 Jahren erfasst werden.

          Deutliche Unterschiede zwischen Männern und Frauen zeigen sich im Lebensverlauf: Die Hausarbeit der Frauen nimmt im jungen Erwachsenenalter schnell zu, gefolgt von einem moderaten Rückgang in der Lebensmitte und einer deutlichen Verminderung gegen Ende des Lebens. Die Hausarbeit der Männer bleibt dagegen stabil bis ins mittlere Lebensalter – auf einem im Vergleich zu den Frauen niedrigeren Niveau. Im Alter von 50 Jahren beginnen die Aktivitäten der Männer leicht zuzunehmen, gewinnen im Rentenalter an Schwung und erreichen ihren Höhepunkt bei den Mittsiebzigern.

          Über alle Altersstufen hinweg liegt die für den Haushalt aufgewandte Zeit bei den Frauen höher, aber die „Gender Gap“, also die Differenz zwischen den Geschlechtern, variiert: Zu Beginn und zum Ende des Erwachsenenlebens ist sie am geringsten, in der Mitte des Lebens am größten.

          Neben diesen recht stabilen Verlaufsmustern lässt sich vor allem bei den Frauen ein Trend über die verschiedenen Kohorten hinweg beobachten: Die später Geborenen verwenden mit jeder Generation weniger Zeit auf Haushaltsarbeiten. Der Höhepunkt liegt stets im Alter um Mitte 30, aber bei den um 1975 geborenen Frauen ist er deutlich niedriger als bei den Jahrgängen um 1955. Wer jetzt an die Waschmaschine und den Geschirrspüler denkt, liegt jedoch falsch: Die frühesten Daten stammen auch für die älteren Jahrgänge aus dem Jahr 1985. Die Entwicklung der Haushaltstechnik dürfte hier also nicht der entscheidende Faktor gewesen sein.

          Unterschied im Arbeitspensum wird kleiner

          Auf dieser Grundlage können die Verhältnisse auch für Jahre extrapoliert werden, die nicht durch das SOEP erfasst wurden. Der Vergleich der Geburtsjahrgänge von 1940, 1950 und 1960 zeigt eine klare Entwicklung: Die „Gender Gap“ ist am größten, wenn die Frauen das Maximum der Haushaltsarbeit im Lebensverlauf erreichen. Etwa im Alter von 35 Jahren betrug diese Differenz in der Kohorte von 1940 noch mehr als fünf Stunden pro Tag, in der Kohorte von 1960 noch drei Stunden. In beiden Fällen verringerte sie sich anschließend bis ins Rentenalter auf zwei Stunden oder weniger.

          In absoluten Zahlen bedeutet das, dass in den 1940er Jahren geborene Frauen im Laufe ihres Lebens geschätzte 65 000 Arbeitsstunden im Haushalt ansammelten; für die Kohorten der 1960er Jahre waren es nur noch knapp unter 50 000. Im gleichen Zeitraum erhöhten die Männer ihr Pensum von unter 17 000 auf 20 000 Stunden. Dass die Differenz insgesamt geringer geworden ist, verdankt sich also vor allem der Tatsache, dass die Frauen weniger im Haushalt arbeiten.

          Es hat demnach eine langsame, aber stetige Veränderung der häuslichen Arbeitsteilung stattgefunden. Der Unterschied zwischen Männern und Frauen hat sich innerhalb der zwanzig Geburtskohorten von 1940 bis 1960 fast halbiert. Ermöglicht wurde dies vor allem dadurch, dass die Frauen einerseits entlastet, andererseits an anderer Stelle benötigt wurden, denn die gewonnenen Stunden dürften kaum in die Freizeit, sondern in der Regel in die Erwerbsarbeit geflossen sein.

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