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Gender-Forschung : Wie schwanger können Männer werden?

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Wem gehört denn nun der Bauch? Die Gleichstellung und moderne Rollenverteilung der Geschlechter wird vor allem in der Zeit der Schwangerschaft auf eine harte Probe gestellt. Bild: dpa

Die Debatte um Gleichberechtigung der Geschlechter und deren Diskriminierung ist so lebendig wie vielleicht noch nie. Ein Gender-Forscher identifiziert jedoch die Schwangerschaft als ein Hindernis auf dem Weg zur totalen Gleichheit.

          Gute Soziologie beginnt mit Erstaunen. Etwa darüber, dass sich die Arbeitsteilung in Paarbeziehungen nach der Geburt des ersten Kindes wieder retraditionalisiert: Mütter- und Vaterrollen werden sehr geschlechtstypisch ausgeformt. Frauen übernehmen die Kinderbetreuung, die Männer gehen arbeiten. Wenn man weiß, dass die Versorgerehe als Lebensform staatlicherseits gefördert und von den ökonomischen Verhältnissen belohnt wird, wirkt das allerdings gar nicht so erstaunlich.

          Für den Gender-Forscher Stefan Hirschauer kratzen solche Erklärungsmuster bestenfalls an der Oberfläche des Phänomens. Ihm geht es um nicht weniger als um die Delegitimierung der biologischen Naturalisierung der Geschlechterdifferenz sogar während der Schwangerschaft und der unmittelbaren Zeit nach der Geburt. Selbst ansonsten längst emanzipierte Paare fallen in dieser Zeit zurück in eine mit körperlichen Unterschieden begründete Differenzierung von Elternrollen, die Hirschauer als eine „Vermutterung der Elternschaft“ anprangert. Warum, fragt Hirschauer, nehmen sich Paare gerade in dieser Zeit so stark als Mann und Frau wahr?

          Zwischen „Regendering“ und „Degendering“

          Nun ist die alltägliche Evidenz von Geschlechtsunterschieden für die Genderforschung bekanntlich kein Hindernis, sondern eher Ansporn, ihre Fragen an die Herstellung von Geschlecht als sozialem Differenzkriterium zu stellen. Als Laie würde man sagen, gerade Schwangerschaft, Gebären und Stillen sind doch so unbestreitbar weiblich, dass die Erwartung einer Symmetrie von Geschlechterrollen und damit eben auch Elternrollen hier doch wohl absurd erschiene. Diese Ausnahmezeit im Leben einer Frau stellt doch ohnehin nur eine kurze Phase des „Regendering“ dar, die vor dem Hintergrund des allgemeinen „Degendering“ der partnerschaftlichen Rollenverteilung in der modernen Ehe zwar auffällt, aber als vergleichsweise kurzer körperlicher Ausnahmezustand der werdenden Mutter sowohl notwendig wie auch gerechtfertigt erscheint.

          Mag sein, würde die Gender-Forschung entgegnen. Sie setzt dem aber ein Konzept der „Distributiertheit des Schwangerseins“ entgegen, in dem es auf die unterschiedlichen Rollen der Austragenden, der Koschwangeren, der professionellen Mitverantwortlichen, der Leidensgenossinen und der Schwangerschaftsbegleiter verteilt wird. Und wo sollten sich hier die Herren der Schöpfung einordnen? Ja, Sie wähnten sich vielleicht in letzterer Gruppe, von wo aus Sie als galanter Unterstützer und beruflich durchstartender Familienernährer die körperlichen Veränderungen ihrer Partnerin wahrnehmen. Falsch gedacht: Für die Gender-Forschung gehören sie zu den Ko-Schwangeren, die durch einen aktiven Beitrag zur Schwangerschaft ihre Beziehung vor diesem pränatalen Modernisierungsrückfall zu retten hätten. Wie schwanger, fragt Hirschauer, können Männer im Kontext welchen Lebensstils werden, und welche sozialen Prozesse sorgen üblicherweise für ihre stille Entbindung vom Schwangersein?

          Warum sind anatomische Unterschiede immer noch relevant?

          Natürlich leugnet auch die Gender-Forschung nicht, dass Männer nur in einem strikt nichtbiologischen Sinne schwanger sein können. Dass sich durch das Heranwachsen des Fötus im Mutterleib allerdings ein „mütterlicher Elternkompetenzbonus“ ergibt, das ist für sie wiederum nur ein kulturelles Konstrukt. Die „leibliche Unterstützung durch die Proximalsozialität der körperlichen Schwangerschaft“, wie Hirschauer es formuliert, hindere manche Paare in seiner empirischen Untersuchung ja nicht daran, im Streben nach einer egalisierte Elternschaft so etwas wie eine „soziale Schwangerschaft“ zu erleben, in der die körperliche Ungleichheit der Schwangerschaftsteilnahme möglichst kompensiert werden soll.

          Auch wenn manche Beispiele aus dem Feld hier gelegentlich mehr als bemüht wirken – Paul, 34 und selbst Ethnologe, spricht von seinen „gerundeten Brüsten“ während ihrer Schwangerschaft –, die soziologisch legitime Frage auch an solche Erlebnisse gerät nicht aus dem Blick: Warum haben anatomische Unterschiede (immer noch) soziale Signifikanz? Warum, fragt Hirschauer, spielen Männer und Frauen dieses Spiel der symbolischen Dramatisierung körperlicher Unterschiede überhaupt noch mit?

          Seine Antwort verrät viel über die Widerstände, die Gender-Forschung erfährt, wenn sie etwa die „Genderisierung von Kindern“ in einem Atemzug mit der häuslichen Arbeitsteilung als Konservatismen einer eigentlich ausklingenden gesellschaftlichen Geschlechterdifferenzierung hinstellt. Nur bei der Familiengründung verschwände sie nicht, da böte sie sich immer noch als „attraktive Sinngrundlage heterosexueller Paarbildung“. Man muss Hirschauer allerdings fragen, warum er auch noch diese Sinngrundlagen nur als Hindernisse auf dem Weg in eine restlos egalitäre Gesellschaft begreifen will, anstatt auch in ihnen ein Potential sinnerfüllender Elternrollen anerkennen zu können. Kann sozialer Sinn nur emanzipativ sein, wenn er auf Gleichheit zielt? Nötigt die Gender-Forschung auch als eine Soziologie der Schwangerschaft dazu, körperliche Unterschiede ausnahmslos als „kompensationsfähige Handicaps“ (Hirschauer) zu betrachten?

          Stefan Hirschauer: Mein Bauch gehört uns. Gynisierung und Symmetrisierung der Elternschaft bei schwangeren Paaren, in: Zeitschrift für Soziologie 2019: 48 (1), 6-22.

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