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Soziale Netzwerke : Gefährliche Freundschaften in Zeiten von Covid-19

  • -Aktualisiert am

Facebook stellt im Rahmen des Projekts „Data for Good“ einen Index zur Verfügung, der die Stärke der sozialen Verbindung zwischen zwei Orten ermittelt. Bild: AFP

Sind Wuhan und Rimini Freunde bei Facebook? Aus den Daten von sozialen Netzwerken lässt sich einiges über mögliche Infektionsketten lernen.

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          Die Maxime des Social Distancing vermittelt, dass soziale Kontakte in Zeiten der Pandemie riskant sind. Physische Nähe schafft Gelegenheiten für eine Übertragung und sollte daher vermieden werden. Eine Ansteckung zu verhindern, so wird immer wieder betont, ist nicht nur im Interesse des Einzelnen, sondern aller: Wer als Glied einer immer mehr Personen erfassenden Infektionskette ausfällt, kann dazu beitragen, dass sich die Ausbreitung der Pandemie verlangsamt. Der Beitrag des Einzelnen wird dadurch potenziert, dass die Zahl der von ihm mittelbar Infizierten exponentiell wachsen kann: Wenn an zweiter Stelle sechs Personen angesteckt werden, die wiederum sechs Personen infizieren, so kommt man schnell von 36 auf 216 und bereits im sechsten Schritt auf 46.656 Infizierte.

          Die exponentielle Wachstumsdynamik allein erklärt freilich nicht, wie die Covid-19-Pandemie sich in kurzer Zeit weltweit verbreiten konnte. Nach dem Ausbruch in der chinesischen Stadt Wuhan mussten nicht erst Hunderte Millionen Chinesen infiziert werden, bevor Infektionen in Nachbarländern und bald zeitgleich rund um den Globus auftraten. Die Ausbreitung vollzieht sich nach dem Muster einer globalen Diffusion mit regionalen Hot Spots. Dies entspricht der Struktur sozialer Netzwerke, die Netzwerkforscher als Small-World-Netzwerke bezeichnen: Obwohl nicht jeder mit jedem direkt in Verbindung steht, ist ein beliebiger Knoten im Netzwerk in wenigen Schritten erreichbar.

          Es gibt zwar ein hohes Maß lokaler Verdichtung, die Nachbarn eines Knotens sind also in Clustern untereinander vernetzt, aber bereits wenige Querverbindungen genügen, um die durchschnittliche Pfaddistanz zwischen zwei beliebigen Knoten des Netzwerks drastisch zu reduzieren. Für Bekanntschaften und Freundschaften konnten verschiedene Studien zeigen, dass die Annahme von einer durchschnittlichen Distanz von sechs Zwischenschritten eine gute Orientierung bietet.

          Big Data for Good

          Die Gesundheitsämter sind damit beschäftigt, solche Pfade in Form von Infektionsketten nachzuvollziehen. Eine der ersten Ketten, die dokumentiert wurde, führte von Wuhan in China nach Stockdorf in Bayern: Eine chinesische Mitarbeiterin der Firma Webasto reiste im Januar von Schanghai zum bayerischen Firmensitz und trug, wie sich später herausstellte, das Coronavirus in sich, da sie einige Tage zuvor von ihren Eltern aus Wuhan besucht worden war. Ende Januar staunte man noch über die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Verbindung, inzwischen hat man sich daran gewöhnt. An diesem Beispiel zeigt sich, dass Übertragungswege und damit auch die Verbindungen zwischen den teilweise weit voneinander entfernten Hot Spots mit bestehenden persönlichen Netzwerken zusammenhängen.

          Forscher von der Stern School of Business an der New York University haben dies nun anhand seit kurzem verfügbarer Daten zur geographischen Verteilung von Freundschaftsbeziehungen auf Facebook genauer untersucht. Im Rahmen des Projekts „Data for Good“ stellt das Unternehmen einen „Social Connectedness Index“ (SCI) zur Verfügung, der die Stärke der sozialen Verbindung zwischen zwei Orten auf der Basis von Facebook-Freundschaften ermittelt. So lässt sich feststellen, mit welchen anderen Orten Facebook-Mitglieder einer Stadt besonders häufig Kontakt haben.

          Bilden die über Facebook feststellbaren Verbindungen das Infektionsgeschehen ab – und könnten sie umgekehrt auch genutzt werden, es vorherzusagen? Um diese Frage zu beantworten, verglichen die Forscher die Daten des SCI zu zwei Hot Spots in den Vereinigten Staaten und Italien mit der geographischen Ausbreitung der Corona-Pandemie. Der amerikanische Landkreis Westchester County und die italienische Provinz Lodi beispielsweise gehörten in beiden Ländern zu den Orten, an denen die Infektionszahlen im März 2020 besonders schnell angestiegen sind.

          Fragwürdige Zahlen

          Die sozialen Kontakte der Bewohner, die auf Facebook registriert sind, konzentrieren sich auf die jeweilige Region und liegen damit in den stark betroffenen Gebieten im Bundesstaat New York beziehungsweise in der Lombardei. Daneben zeigen die Daten des SCI für Westchester County dichtere Beziehungen nach Florida (zu den Urlaubsgebieten in der Nähe Miamis) und nach Colorado (zu den dortigen Skigebieten), die auch hohe Infektionszahlen verzeichnen. In Lodi zeigt sich ein ähnliches Muster: Hier fallen außer regionalen Kontakten jene nach Rimini an der Adriaküste und in den Süden Italiens auf, wo die Infektionszahlen ebenfalls relativ hoch sind.

          Anhand dieser Zahlen kann nicht nachgewiesen werden, ob und wie Infektionen tatsächlich stattgefunden haben. Sie geben aber Hinweise darauf, dass die zum Teil sprunghafte Ausbreitung von einem Ort zum anderen den Beziehungen in persönlichen Netzwerken folgt. Trotzdem muss nun niemand seine womöglich gefährlichen Freunde auf Facebook löschen. Es genügt, sie nicht zu besuchen.

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