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Soziologie der Ungeselligkeit : Wappnet euch mit Gleichmut

  • -Aktualisiert am

Wo einst die frischgekrönten Könige sich dem Volk zeigten, fällt die Schrumpfung der Gesten besonders ins Auge: Der Frankfurter Römerberg am 25. März 2020. Bild: Helmut Fricke

Das große Zimmertheater: Die Maßnahmen zur Eindämmung der Infektion führen Verhältnisse herauf, die an das Barockzeitalter erinnern.

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          Auf welchen Modus die Sozialordnung einschwenkt, ist schwer zu bestimmen. Alle Anstrengungen richten sich auf die Gesundheitsvorsorge der Bevölkerung. Während die dafür zuständigen Institutionen und Berufsgruppen sich auf diese Herausforderung einstellen, sind Alltagsnormen und Lebensgefühle, so viel ist gewiss, mit einer Ungewissheit konfrontiert, die sozial nicht zurechenbar ist. Diese Qualität einer Schicksalhaftigkeit erscheint besonders bedrohlich. Verdacht und Misstrauen, Einstellungen, die Austausch und Kooperation zu Fall bringen, erscheinen plötzlich als Tugenden der Solidarität. Die Kompromissformel „Homeoffice“ soll die Zuversicht verbreiten, dass viele bei der Suche nach einer Anpassung an die veränderte Lage auf Vertrautes setzen können.

          Was die Schrumpfung der Eröffnungsgesten an gestischen Improvisationen freisetzt, mag harmlos sein, aber mit welchen Zumutungen ist die gegenwärtige Situation verbunden, welche Entlastungen werden sichtbar? Gibt es eine Soziologie des Geselligkeitsverzichts, lässt sich eine Choreographie anomischer Vorgänge entwerfen, jenseits von Kategorien wie Panik, Flucht und Apathie?

          Sozialkontakte zu vermeiden, die vielfach zitierte Empfehlung von höchster Stelle, betrifft natürlich nicht die Elementarform menschlicher Sozialität, den Austausch, die Kommunikation von Urteil und Widerspruch, Wunsch und Befehl, von Perspektiven und Perspektivendifferenzen. Gemeint ist vielmehr Geselligkeit, die, wie der Soziologe Georg Simmel schrieb, eine Spielform der Gesellschaft darstellt, eine Gelegenheitskommunikation, Gossip, Klatsch und Tratsch. Geselligkeitsverzicht, wie ihn das Diktat der Infektionsvermeidung fordert, ist mit einer folgenreichen Handlungserwartung verbunden. Er bringt eine Spielform der Diskretion zum Ausdruck, führt eine Situation des wörtlich genommenen Taktes herbei, ein soziales Arrangement förmlicher Zurückhaltung, die dem Zustand latenter wechselseitiger Aversion, die mit jeder Begegnung verbunden ist, eine Form gibt.

          Eine Ruhe ohne Sturm

          Was im verordneten Modus der Hypervorsicht in sozialer Hinsicht entsteht, bleibt ebenso rätselhaft wie die Schrumpfung der Gesten. Das für jede menschliche Begegnung heilsame Diskretionsgebot, das die Mitmenschen vor allzu großer Nähe, vor übergriffiger Intimität und erst recht Vulgarität schützt, ja, das in Kommunikationen die Chance erst eröffnet, Einzigartigkeit zu demonstrieren, setzt, wörtlich genommen, das szenische Ornament, die Ausschmückung aufs Spiel. In der Folge entsteht ein eigentümlicher Zustand der Stille, eine Ruhe ohne Sturm, einem Friedhofsbesuch vergleichbar.

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          Noch das gebremste Tempo, in dem Menschen sich auf der Straße bewegen, deutet die Sinnstruktur an, in der sich der Austausch vollzieht: Man weiß sich den Sterbenden nahe. Über ihren Tod, der allabendlich, wo Meldungen über sportliche Wettkämpfe ausbleiben, wie Rekorde vermeldet wird, gerät man in den Status eines Selbstbezugs, den die Menschen aus Situationen des Übergangs kennen, einen Dämmerzustand der Sozialität, einen Gleichmut, der mit Apathie nicht zu verwechseln ist.

          Dem entspricht, dass die gewohnten sozialen Zugehörigkeiten, in denen sich der gesellschaftliche Verkehr abspielt, verblassen und Elementares nach vorne rückt: Alte und Junge, Kranke und Gesunde sowie die für diese Kategorien professionell Zuständigen gewinnen erhöhte Aufmerksamkeit. Ein Pappschild am versperrten Gitter des Wiener Stephansdoms – „Betenden wird Einlass gewährt“ – lässt ahnen, was mit den Menschen geschieht, die im erzwungenen Abseits der Zerstreuungen auf die Sorge und damit auf das eigene Würdegefühl gestoßen werden.

          Inversion der Panik

          Die Suche nach einer schützenden Instanz findet ihr weltliches Pendant in einer Einkehr zu sich selbst. Sieht man einmal von den wenigen ab, die glauben, sich durch Abräumen der Regale im Supermarkt Vorteile verschaffen zu können, so bestimmt in sozialer Hinsicht eine Art Inversion der Panik das Alltagsleben. Panik als ein Massenphänomen, mit der lautstarken Geste abstrakter Zusammenrottung, bleibt aus. Auch fällt die gerichtete Bewegung aus, die Flucht ist keine Option, sie wird eine Metapher, denn es gibt keinen Ort, den man aufsuchen könnte, um unversehrt zu bleiben.

          Die Situationsdeutungen und Appelle für die Bürger bleiben frei vom soldatischen Pathos der Kampfentschlossenheit, selbst wenn manche Staatenlenker ihren Bevölkerungen suggerieren, es gebe – wie in Kriegen – Schuldige oder Grenzschließungen könnten Verschonung versprechen. Somit entsteht im Kümmern um die bedrohte Unversehrtheit des Körpers ein Pathos der Nüchternheit, ja eine geistige Wachheit, eine verhaltene Bitte, verschont zu bleiben, in einer Leere der Zeit, deren Ende niemand kennt.

          Max Weber, der vor einhundert Jahren als eines von Tausenden Opfern der Spanischen Grippe verstarb, schuf für den unaufhaltbaren Vorgang der Rationalisierung das Bild vom stahlharten Gehäuse der Hörigkeit. Das war schon zu Webers Zeiten nicht mehr als eine kulturpessimistisch gefärbte Metapher. Der gegenwärtige Zustand der Sorge verweist auf andere Begrifflichkeiten. Atmosphärisch liegt der Vergleich zum „Großen Welttheater“ (Richard Alewyn) des Barock nahe. Die Menschen bewegen sich in einem Raum der erzwungenen Distanz – wie zu höfischen Zeiten in gespannter Zeremonialität, nicht gepudert, sondern im Bann des Desinfektionsmittels.

          Aber auch die Unterschiede werden sichtbar: Während die Menschen im Zeitalter des Barocks dem Tod als einem ständigen Begleiter des Lebens mit einer gigantischen Kultur der Zerstreuung zu entrinnen versuchten, bleiben die Feste aus. Einstweilen jedenfalls. Es mag sein, dass in die trotzige Erfindungskraft Einzelner gelegt ist, für Ablenkung zu sorgen. Ausgeschlossen ist nicht, dass Geselligkeitsformen im Format der Ferne die Runde machen, wie das italienische Singen auf den Balkonen zeigt.

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