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Gastwissenschaftler : Die Fremde in unserem Team

  • -Aktualisiert am

Viele Adlige blieben auf ihren Reisen meistens inkognito. Einem Gastwissenschaftler ist eine solche Maskerade verwehrt. Bild: Norbert Franchini

Gastwissenschaftler haben oft einen schweren Stand. Sie müssen den neuen Kollegen zeigen, was in ihnen steckt und wissen nicht, was man von ihnen erwartet.

          Neuling ist derjenige, der heute kommt und morgen bleibt. Von Gästen weiß man dagegen, dass sie nur vorübergehend anwesend sein werden. Beides sind soziale Rollen für Fremde, die aber sehr unterschiedlich behandelt werden. So muss der Neuling durch die Gruppe erzogen werden, die ihn aufnehmen soll, und es ist daher üblich, dass sie ihn konzentriert beobachtet und seine Fehler scharf sanktioniert. Für den neuen Kollegen am Arbeitsplatz gelten härtere Maßstäbe als für die älteren Mitglieder; er muss pünktlich sein, auch wenn andere es nicht sind. Die Orientierungslosigkeit des Gastes und seine gelegentlichen Fehlgriffe werden dagegen, in Erwartung seines ohnehin bevorstehenden Abschieds, leichter ertragen. Der Neuling muss auf offenes Misstrauen gefasst sein, der Gast dagegen eher auf höflich versteckte Indifferenz. Das gilt vor allem, wenn als Gastgeber nicht eine Familie, sondern eine Organisation auftritt. Gastfreundschaft als Dienstpflicht? Das funktioniert schon in den darauf spezialisierten Hotels nicht immer, und erst recht geraten einladende Universitäten hier an ihre Grenzen – und an die des sozialen Taktes.

          Diesen Schluss legt ein Aufsatz von Renate Mayntz nahe, dem soeben das Kunststück gelungen ist, fast sechzig Jahre nach seiner Erstpublikation zum zweiten Mal gedruckt zu werden – und diesen Qualitätstest sogleich zu bestehen. Die hochangesehene deutsche Soziologin, die heute ihren neunzigsten Geburtstag feiert, schrieb den kurzen Text über das soziale Schicksal von Gastwissenschaftlern, nachdem sie, ganz am Anfang ihrer akademischen Karriere, in Amerika einmal selbst einer war. Die Tochter aus gutem Hause hatte zunächst Chemie studiert. Erst als ihr Land über die Katastrophe des Nationalsozialismus zu diskutieren begann und alle nach dafür geeigneten Begriffen suchten, fand sie in ihren Weg in die Sozialwissenschaft. Am Ende sollte Mayntz ein eigens für sie gegründetes Max-Planck-Institut leiten, aber am Anfang dieses Weges stand ein Gastaufenthalt an der Columbia University in New York.

          Bei dieser Gelegenheit ist ihr vor allem die unklare Rolle des Fellows und Stipendiaten aufgefallen. Von den Fachkollegen daheim getrennt und von seinen Gastgebern nicht voll akzeptiert, gerät er in eine sozial unbestimmte Situation. All seine Unterstützer, von den Sprechern der Heimatuniversität über die Geldgeber bis zu den Fachkollegen am Zielort, kommunizieren paradox. Sie überhäufen den Stipendiaten mit guten Wünschen für seine Arbeit, aber sie interessieren sich nicht für seine Themen. Da ihm niemand sagt, was von ihm erwartet wird, gibt er sich alle Mühe, es zu erraten. Bei den anderen Fellows führt dieses Verfahren nicht weit, denn die sind so unsicher wie er.

          Adlige hatten es früher leichter in der Fremde

          An den Kollegen gewinnt er dafür den Eindruck, dass sie, bei aller Indifferenz in der Sache, keine untätigen und keine unsichtbaren Gäste mögen – und außerdem Schwierigkeiten haben, das eine vom andern zu unterschieden. Wer mit einem Forschungsprojekt angereist ist, das ihn zu regelmäßiger Anwesenheit auf dem Campus zwingt, ist unter diesen Umständen fein raus. Er ist Tag für Tag sichtbar, kann gelegentliche Teilerfolge vermelden und bringt am Ende vielleicht sogar einen neuen Datensatz, die Ergebnisse eines Experiments, eine kleinere Publikation mit nach Hause.

          Aber wehe dem, der sich, so wie seinerzeit Renate Mayntz, per Buchstudium in ein Fachgebiet einarbeiten will! Da er zum Lesen nicht unbedingt in der Bibliothek sein muss, mag er seinen Gastgebern als untätig erscheinen, und da seine Lesefrüchte erst nach seiner Heimkehr genießbar sein werden, kann er sie nicht jetzt schon herumreichen, um den ungünstigen Eindruck zu zerstreuen. Manche Gastwissenschaftler widmen sich daher einem scheinkonzentrierten Schaulesen vor anwesendem Publikum, andere vergessen ihren ursprünglichen Lektüreplan und legen sich selbst ein Projekt zu.

          Als es noch Adelige gab, reisten sie gern inkognito, weil sie fürchteten, im Ausland nicht ihrem Rang entsprechend behandelt zu werden. Dem Gastwissenschaftler, dem jungen zumal, ist solche Maskerade verwehrt, aber natürlich begegnet auch er diesem Problem. Die Kollegen in der Fremde interessieren sich nicht dafür, wie viel er in seinem Heimatland gilt, und er selbst kann ihnen die Information darüber schlecht aufdrängen. Außerdem ist er ja gekommen, um von ihnen zu lernen. Aber wenn er sich wieder und immer wieder nach ihrer Arbeit erkundigt, dann wirkt er mitunter unselbständiger, als er ist. Und wenn er eigenen Sachverstand erkennen lässt, dann behandeln sie ihn oft so, als wüsste er bereits, was er herauszufinden versucht. Zum Glück darf der Gastwissenschaftler gelegentlich eigene Vorträge halten und zeigen, was in ihm steckt. Die beste Art, mit dieser Situation fertig zu werden, liegt zweifellos darin, sie zum Gegenstand einer eigenen Untersuchung zu machen. Aber das können nur Soziologen tun.

          Renate Mayntz, The Visiting Fellow, in: Ariane Leendertz/Uwe Schimank (Hrsg.), Ordnung und Fragilität des Sozialen: Renate Mayntz im Gespräch, Frankfurt 2019.

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