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Vorteile von Kitas : Der Befund als Plädoyer

  • -Aktualisiert am

Gummistiefel und Regenhosen in einer Kita in Schleswig-Holstein. Bild: dpa

Eine Studie will gezeigt haben, dass früher Kita-Besuch kommunikativ und durchsetzungsfähig macht. Kann das sein?

          Soziologen sind immer begeistert, wenn sie große Wirkungen auch kleiner sozialer Unterschiede nachweisen können. Vor allem dann, wenn diese Wirkungen auch noch Jahre später entdeckt werden können. Also dann, wenn etwa ein bestimmter Lebensabschnitt biographisch weit zurückliegt und dennoch Spuren davon in den Lebensumständen von Individuen nachgewiesen werden können. Angenommen, man vergleicht die Persönlichkeiten von 15-Jährigen und stellt fest, dass einige von ihnen durchsetzungsfähiger und kommunikativer sind als andere. Das wäre an sich noch nicht weiter bemerkenswert. Man könnte allerdings ein gesellschaftliches Interesse unterstellen und fragen, ob es nicht in diesem Interesse läge, dass es mehr von solchen kommunikativen und leistungsfähigen Jugendlichen geben sollte.

          Kann man das gesellschaftlich beeinflussen? Womit ließen sich diese Unterschiede in den Persönlichkeitsstrukturen denn erklären? Liegen sie an letztlich unveränderlichen genetischen Unterschieden? Oder etwa am Erziehungsstil der Eltern, an der besuchten Schule, an den Geschwistern und Freunden, am gesamten sozialen Umfeld? Überhaupt scheint es vermessen, so etwas Komplexes wie die Persönlichkeit auf Schlagworte wie durchsetzungsfähig oder kommunikativ reduzieren zu wollen. Schon deshalb, weil etwa Durchsetzungsfähigkeit unter Umständen auch ganz ohne besondere kommunikative Fähigkeiten auskommt. Ganz und gar vermessen klingt es aber, wenn diese Persönlichkeitsunterschiede der Teenager auf eine Episode in ihrer frühen Kindheit zurückzuführen sein sollen, die inzwischen zehn Jahre zurückliegt, und es sich dabei nicht um ein einschneidendes oder traumatisierendes Erlebnis handelte.

          Macht die Kita so einen Unterschied?

          Ein Forscherteam des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hat jetzt aber genau das getan. Es behauptet, besagte Persönlichkeitsunterschiede lägen daran, dass die kommunikativeren und durchsetzungsfähigeren Jugendlichen ein Jahr früher eine Kita besucht hätten und sich darum in der neunten Klasse auf diese Weise positiv abhöben von ihren Mitschülern, die später in die Kita kamen. Kann ein Jahr Kita tatsächlich solch einen Unterschied machen? Und wie weist man das eigentlich zehn Jahre später nach?

          Die Autoren der DIW-Studie benutzten dazu die Daten des Nationalen Bildungspanels (NEPS), das Informationen zu 4579 Jugendlichen enthält, die 1998 eine Kita besuchten. 2010, als diese Jugendlichen ungefähr 15 waren, wurden sie als Teil des NEPS auch nach Merkmalen ihrer Persönlichkeit befragt. Die Studie vergleicht nun zwei Gruppen dieser Jugendlichen: Zum einen jene, die 1998 erst drei waren, aber schon die Kita besuchten. In der anderen Gruppe dann die Kinder, die erst mit vier in die Kita kamen. Damit untersucht diese Studie erstmals die längerfristigen Auswirkungen des Kita-Besuches auf die Entwicklung nichtkognitiver Fähigkeiten von Kindern. Und auch wenn es sich dabei um einen Unterschied von nur einem Jahr handelte, sind die Effekte doch erkennbar. Gewaltig sind sie allerdings nicht. Die Studie spricht von acht Prozent beim Faktor Durchsetzungsfähigkeit und kommunikative Fähigkeiten. Ein Jahr mehr Kita macht 15-jährige Jugendliche also acht Prozent kommunikativer und durchsetzungsfähiger?

          Manches bleibt unberücksichtigt

          Die DIW-Forscher sind sich natürlich bewusst, dass einem solche lebensprägenden Dinge wie der Bildungshintergrund der Eltern oder deren Einkommen sicher als Erstes einfallen würden, wenn man nach den Gründen der Persönlichkeitsunterschiede von 15-Jährigen fragt. Aber sie versprechen, die Miteffekte all dieser Faktoren aus ihren Analysen herausrechnen zu können. Was allerdings auffällt, ist die Nichtberücksichtigung etwa der Anzahl der täglichen Stunden, die ein Kind in seiner Kita verbracht hat. Der Logik ihrer Befunde gemäß müssten die Kinder, die jeden Tag am längsten in der Kita waren, auch am durchsetzungsfähigsten sein. Unberücksichtigt bleibt leider auch der von einem Kind nach der Kita besuchte Schultyp. Konzentrieren sich die durchsetzungsfähigeren und kommunikativeren Schüler möglicherweise im Gymnasium? Und woher wissen die DIW-Forscher eigentlich, dass der längere Kita-Aufenthalt die Persönlichkeitsmerkmale der Kinder verbesserte?

          Eigentlich könnte man diese Frage nur beantworten, indem man ihre Persönlichkeitsmerkmale schon damals mit drei oder vier erfasst hätte, um sie dann mit denen des 15-Jährigen zu vergleichen. Vielleicht zeigten sich diese später festgestellten Unterschiede ja bereits damals im Kleinkindalter? So dass die Eltern zu dem Entschluss gekommen sind, das Kind sei schon reif für die Kita, während eben die anderen, weniger kommunikativen und durchsetzungsfähigen Kinder gerade deshalb von ihren Eltern noch für ein Jahr zu Hause gelassen wurden?

          Natürlich versteht sich die DIW-Studie als ein Plädoyer für den Kita-Besuch und die frühkindliche Förderung ebendort. Dazu müsste sie sicher nicht auch noch von den späteren Einkommenseffekten eines frühen Kita-Eintritts raunen. Man könnte auch schlicht festhalten, dass Anregung die kindliche Neugierde fördert. Und das können Kitas anscheinend besser als immer mehr Familien.

          Maximilian Bach, Josefine Koebe, Frauke Peter: Früher Kita-Besuch beeinflusst Persönlichkeitseigenschaften bis ins Jugendalter. DIW-Wochenbericht 15/2018.

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