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Ein Stupser für Foucault : Geist braucht Institutionen

Michel Foucault, 1971 Bild: AFP

Der Kölner Romanist Andreas Kablitz warnt vor einem Devotionalienhandel mit Michel Foucaults legendärer Vorlesung „Die Ordnung des Diskurses“.

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          Ein Vordenker der historischen Epistemologie, Ludwik Fleck, hat die Begriffe Denkstil und Denkkollektiv eingeführt, um mit ihnen die soziale Gemachtheit der Diskurse zu beschreiben – Thomas Kuhns Theorie der Paradigmenwechsel erklärte sich später ausdrücklich dem Fleck’schen Denken verpflichtet. Flecks Pointe besteht darin, dass die institutionellen Bedingungen der geistigen Produktion diese zwar prägen, aber weniger im restriktiven Sinne denn als Ermöglichungsbedingung. Es ist der formgebende Gesichtspunkt, der Fleck die Denkkollektive würdigen lässt, in denen die Subjekte nicht etwa untergehen, sondern ihre Abläufe finden.

          Von einem solchen institutionellen Mehrwert geht auch der Kölner Romanist Andreas Kablitz aus, wenn er in provokanter Umkehrung der Herangehensweise Michel Foucaults fragt, was es bedeuten würde, „wenn alle Institutionen nicht die äußerlichen Instanzen einer Kontrolle des Diskurses wären, sondern Orte darstellten, an denen der Diskurs möglich wird“. Zum Tag, an dem Foucault vor fünfzig Jahren seine Antrittsvorlesung am Collège de France hielt (2. Dezember 1970), schildert Kablitz in der Zeitung „Die Welt“ den paradoxen Effekt „einer Theorie, die auch die Praxis nur als Abstraktum kennt, dem aus genau diesem Grund alle faktische Pragmatik menschlichen Handelns fremd bleibt“. Als Hermeneutiker und bekennender Subjektretter stellt Kablitz klar: „Auch der Diskurs mitsamt seinen Ordnungen aber gehört immer schon zu einer Interaktion der Menschen, die sich maßgeblich an ihren situationellen Erfordernissen – eben an ihren Funktionen – orientiert.“

          Was da wuchert

          Tatsächlich gerät bei der unter dem Titel „Die Ordnung des Diskurses“ publizierten Antrittsvorlesung diese menschliche Interaktion als Moment der Unterwerfung in den Blick, als Kontrollmaschinerie mit dem Zweck, „das große Wuchern des Diskurses zumindest teilweise zu bändigen“ (Foucault). Versteht man Kablitz recht, so kommt ein Wuchern jenseits der diskursiven Formationen aber gar nicht vor. Kablitz versteht die Rede vom kontrollierten Vorgehen als Verweis auf ein Vorgehen im jeweiligen handwerklichen Sinne. Diskursive Standards greifen, wo immer Geist greifbar und das heißt: eine Form wird, wie wild auch immer. Auch das Wuchern ist auf – diskursive – Bedingungen des Wucherns angewiesen. Was sich im Wachstum übermäßig stark ausbreitet, das benötigt nicht minder spezifische Wachstumsbedingungen als ein Kulturrasen.

          Solche Bedingungen sind im Wortsinn „unhintergehbar“ (Kablitz), sie ermöglichen geistige Gestaltwerdung, ohne die das Geistige leer bliebe. Alles andere hieße in der Tat, das Phänomen des Wucherns als eine, wie es bei Kablitz heißt, „gleichsam metaphysische Größe“ aufzufassen, die gerade nicht von situationellen Erfordernissen geprägt wäre. Foucault spricht am 2. Dezember 1970 vom „Einbruch“ des Diskurses ins Denken und in die Sprache – eine Formulierung, die nahelegt, Denken und Sprechen lasse sich auch als ein prädiskursives Phänomen fassen, in einer gleichsam reinen, von allen Diskursmomenten unbehelligten Sphäre. Allein: Wo gibt’s denn so was?

          Anfanglose Anfänge?

          Natürlich kommt die Praxis bei Foucault vor, aber laut Kablitz in einer unzureichenden theoretischen Fassung, in welcher sich diese Praxis nicht als Praxis niederschlagen kann, sondern als Abstraktum zum Verschwinden kommt. Ist das zur Gänze so? Foucault warnt vor einer subjekttheoretischen „Eliminierung der Realität des Diskurses“, was zunächst eine antimetaphysische Lesart nahelegen könnte. Doch just in der an dieser Stelle versteckten Polemik gegen ein Subjekt, das über die Zeit hinweg Bedeutungshorizonte begründet, offenbart Foucault, wie es nach seinem Dafürhalten um die „Realität“ des Diskurses bestellt ist: Er spricht von den „leeren Formen der Sprache“, die sich das – immer schon diskurstheoretisch enteignete Subjekt – anmaßt, mit seinen Absichten unmittelbar zu beleben. So bleibt die Praxis in diesem Diskursformat tatsächlich leer. Foucault denkt eine contradictio in adjecto, einen schwarzen Schimmel: die leere Sprachform – eine Sorte Realität, welche Kablitz als „metaphysische Größe“ identifiziert.

          Er hätte sich gewünscht, nicht anfangen zu müssen, jedes Anfangens enthoben zu sein, erklärt Foucault in der wunderbar poetischen Eingangspassage seiner Antrittsvorlesung. Er hätte sich gewünscht, während seines Sprechens eine Stimme ohne Namen zu vernehmen, die ihm immer schon voraus gewesen wäre und an die er hätte anschließen können, in ihre Fugen unbemerkt sich einnistend. Spricht aus diesem Entlastungsbegehren nicht die Bürde einer Metaphysik, welche von der realen Anfangslosigkeit der Anfänge abstrahiert, von deren Eingebundensein in die Pragmatik des Diskurses?

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