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Flow-Erlebnisse im Alltag : Kurz mal Urlaub vom Ich

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Der Kletterer Hansjörg Auer kennt das wunderbare Gefühl, wie es ist, eine Steilwand ohne Nachdenken zu bezwingen. Manchmal reicht es auch schon, wenn er sich das nur vorstellt. Bild: Matteo Mocellin

„Flow“ nennt man einen Zustand, in dem alles mühelos von der Hand geht – Musiker und Sportler kennen und lieben ihn. Dabei kann uns der „Flow“ selbst beim Bügeln erwischen. Nur wie?

          Fliegerangriffe versetzten die Menschen in Budapest tagtäglich in Angst und Schrecken. Doch Mihály Csíkszentmihályi konnte alles um sich herum vergessen. Zumindest dann, wenn er Schach spielte. Dass Bomben fielen, bemerkte er kaum, wenn er sich auf das Brett konzentrierte.

          Der Ungar Csíkszentmihályi ist 1934 geboren. Er hat die Greuel des Zweiten Weltkrieges am eigenen Leib erlebt und ist in einer Zeit aufgewachsen, in der selbst Kindern nur selten eine tiefe Versunkenheit ins Spiel vergönnt war. Aber dieser eigenartig entrückte Zustand, in den er sich damals versetzen konnte, hat Csíkszentmihályi derart fasziniert, dass er seine gesamte spätere Forscherkarriere bestimmten sollte.

          „Ich wollte nach all den schrecklichen Erfahrungen des Krieges wissen, wie die Menschen im Alltag mehr Glück erleben können“, sagt der heute 83-Jährige emeritierte Psychologie-Professor, der in Chicago studiert und später an verschiedenen Universitäten gelehrt hat. Schon während des Studiums störte es ihn, dass es nur um Krankheit und Leid ging. Also besann er sich auf die eigenen Kindheitserlebnisse und fing an, Künstler, Musiker und Wissenschaftler zu befragen – alles Menschen, die ungeheuer viel Energie in eine Sache steckten, trotz einer eher geringen Aussicht auf Ruhm oder Reichtum. „Ich dachte mir, die müssten wohl glücklich damit sein.“ Tatsächlich erzählten ihm alle Interviewten mehr oder weniger dasselbe.

          Keine negativen Gedanken, keine Angst vor der Bewertung

          Aus seinen Aufzeichnungen extrahierte Csíkszentmihályi 1975 erstmals das Konzept des „Flow“. In der Theorie ist das ein Gefühl hochkonzentrierten Versinkens in einer Tätigkeit. Egal ob es nun um Klavierspielen, Kochen, Schreiben oder das Führen einer anregenden Unterhaltung geht, die jeweilige Handlung fließt, ohne dass dafür gezielt etwas getan werden muss. Befragte berichten, dass sie im Zustand des Flow keine Angst mehr vor einer Bewertung durch andere haben und sich auch nicht selbst mit negativen Gedanken quälen. Sie haben das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben. Die Zeit vergeht anders als sonst, für einige besonders schnell, für andere besonders langsam.

          So ergeht es auch Hansjörg Auer, wenn er in den Bergen unterwegs ist. „Man ist nur im Moment und konzentriert auf ein Ziel, dem man sich schrittweise nähert“, sagt er. Der 33-jährige Österreicher zählt zu den erfolgreichsten Free-Solo-Kletterern der Welt. Im Alleingang, ohne technische Hilfs- und Sicherungsmittel, erklimmt er die steilsten Felswände.

          Bekannt wurde Hansjörg Auer mit seinem „Weg durch den Fisch“. Er legte diese 1220 Meter lange Route an der Marmolata-Wand in den Dolomiten als erster Mensch allein zurück, sie gilt als eine der schwierigsten der Alpen. Was aber treibt jemanden dazu? „Es ist schon Fanatismus“, gesteht Auer, „genährt einzig und allein durch das wunderbare Gefühl des kompletten Aufgehens an der Wand, das Realisieren eines Plans, der seit Wochen einen fixen Platz im Kopf reserviert hat“. Schon bei der Vorbereitung, wenn er die Strecke im Geist durchgehe, komme es manchmal vor, dass er einfach schmunzelnd im Gras sitze.

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