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Dorothea Frede zum Achtzigsten : Was wir von Lust und Tugend wissen können

  • -Aktualisiert am

Dorothea Frede Bild: Damjan Aleksiev

Seit nicht weniger als fünfzig Jahren publiziert sie vor allem zu Platon und Aristoteles. Erst im Vorjahr hat sie eine wahre Herkulesaufgabe bewältigt. Jetzt wird Dorothea Frede achtzig.

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          Das moralphilosophische Hauptwerk des Aristoteles, die „Nikomachische Ethik“, formuliert eine eingängige Lehre: Menschen, die ihre charakterlichen und intellektuellen Vorzüge (auch bekannt als „Tugenden“) kultivieren und ihnen gemäß ihr Leben gestalten, sind auch glücklich. Die Betätigung dieser Vorzüge sei in sich lustvoll und erfüllend; wer ihnen gemäß handle, werde nicht nur schwierige Situationen besser meistern, sondern dadurch auch sein Potential als Mensch ausschöpfen.

          Zwar wurde die „Nikomachische Ethik“ zu allen Zeiten gelesen und interpretiert, jedoch erhielt das weltweite Interesse an diesem Werk einen besonderen Schub in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts, als Philosophinnen wie Elizabeth Anscombe und Philippa Foot ein aristotelisches Verständnis von Ethik als Alternative zu den damals vorherrschenden Ethikmodellen propagierten – mit dem Ergebnis, dass heute die an Aristoteles angelehnte „Tugendethik“ als eigenständige und aussichtsreiche Position wahrgenommen wird; ihr traut man zu, den schwelenden Konflikt zwischen moralischem Handeln und persönlichem Wohlergehen besser in den Griff zu bekommen als etwa eine an Kant angelehnte Pflichtenethik.

          Durch dieses philosophische Interesse an aristotelischer Ethik sind die Erwartungen an jede Interpretation der „Nikomachischen Ethik“ geradezu erdrückend geworden. Seit Jahren traut sich international kaum mehr jemand, alle zehn Bücher dieses Werks zusammen zu behandeln. Die Forschung zu dem Werk wird immer kleinteiliger, bezieht sich auf einzelne Bücher oder nur auf einzelne Argumente, läuft damit aber Gefahr, den Gesamtentwurf aus dem Blick zu verlieren.

          Schon aus diesem Grund markiert die voriges Jahr erschienene Neuübersetzung und vollständige Kommentierung der „Nikomachischen Ethik“ durch Dorothea Frede in der Deutschen Aristoteles-Ausgabe eine Ausnahmeleistung. Der Kommentar ist sowohl in Kenntnis der neuesten philosophischen Debatten über Tugendethik als auch in Auseinandersetzung mit den philologischen Detailfragen verfasst, und gleichzeitig hat die Autorin besonderen Wert auf eine konsistente und lesbare Übersetzung gelegt.

          Dorothea Frede ist souverän genug, die wichtigsten Kontroversen zwar immer anzusprechen, dabei aber die Kommentierung nie ausarten zu lassen und auch nicht diejenigen Leser aus den Augen zu verlieren, die sich lediglich einen verständlichen Zugang erhoffen. Für diese Herkulesaufgabe war Dorothea Frede offenbar die richtige Frau am richtigen Ort, denn sie publiziert seit nicht weniger als fünfzig Jahren – ihre Doktorarbeit zu Aristoteles erschien 1970 – vor allem zu Platon und Aristoteles. International bekannt ist sie besonders für ihre Schriften zu platonischen und aristotelischen Theorien der Lust, der Emotionen und der Tugenden sowie zur antiken Moralpsychologie insgesamt. Genau dieser Teil von Fredes Forschung kulminiert in ihrer Kommentierung der „Nikomachischen Ethik“. Neben verschiedenen Professuren in den Vereinigten Staaten, darunter auch in Berkeley, war Dorothea Frede von 1991 bis 2006 Ordinaria für Philosophie in Hamburg. Dort feiert sie an diesem Montag ihren achtzigsten Geburtstag.

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