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Wasserpolitik in Afrika : Wie Kolonialmächte den Weg für „Wasserkriege“ bereiteten

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Bujagali hießen Stromschnellen bei Jinja in Uganda unweit der Stelle, wo der Nil den Viktoriasee verlässt. Mit dem Bau des Bujagali-Staudamms wurden die Stromschnellen 2011 überflutet. Bild: Picture-Alliance

Die Verbesserung der Wasserversorgung Afrikas wird erschwert durch den von den Kolonialmächten übernommenen Kult des Staudamms. Ein Heft der Zeitschrift der American Academy of Arts and Sciences kartographiert ein kontinentales Problem.

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          Vor dreieinhalb Jahren gingen Meldungen um die Welt, dass der bei Touristen beliebten südafrikanischen Küstenmetropole Kapstadt das Wasser ausgehe. Ein „Day Zero“, an dem kein Tropfen mehr aus den Leitungen läuft, schien nur noch eine Frage von Wochen. Schreckensvisionen von langen Warteschlangen vor öffentlichen, von Militär bewachten Wasserstellen machten die Runde. Die Katastrophe trat nicht ein. Dank ungewöhnlich massiver Regenfälle sind die Stauseen derzeit wieder gut gefüllt. Gleichwohl verweist diese Episode auf die erhebliche Verwundbarkeit großer Teile Afrikas in Bezug auf die Versorgung mit Wasser.

          Zwar verfügt der Kontinent über beträchtliche, bisher nicht genutzte Reserven, aber sie sind sehr ungleich verteilt und finden sich vor allem in den großen Becken einiger Flüsse wie Kongo, Nil, Niger und Sambesi. Mehr als ein Drittel der Afrikaner lebt in Regionen, die von Dürren bedroht sind. Afrika, obwohl für weniger als vier Prozent der weltweiten Produktion von Treibhausgasen verantwortlich, trägt heute eine zen­trale Last des Klimawandels. Arme Menschen leiden besonders unter Extremwetterlagen, großer Hitze, Trockenheit und Überflutungen. Ein bedrückendes Beispiel für die Auswirkungen der globalen Erwärmung ist der Tschadsee, einst einer der größten Süßwasserseen Afrikas, der von rund 45 000 Quadratkilometern Fläche im Jahr 1960 auf ein Viertel seiner Größe geschrumpft ist.

          Vier Aspekte der Versorgungskrise

          Vor dem Hintergrund der Aussicht auf „Wasserkriege“ ist eine interdisziplinäre Forschungslandschaft zum Thema Wassersicherheit in Afrika entstanden, die in der jüngsten Ausgabe von Daedalus (Bd. 150, Heft 4), der Zeitschrift der American Academy of Arts and Sciences, vorgestellt wird. Wie die als Herausgeber zeichnenden Historiker Allen Isaacman und Muchaparara Musemwa einleitend darlegen, hebt die Forschung vier Aspekte der Wasserkrise hervor: die zunehmende Knappheit, Privatisierung sowie Kommodifizierung von Wasser in urbanen Zen­tren; die Auswirkungen großer Staudämme auf ländliche Regionen; die gesundheitlichen Folgen von Wasserknappheit und schließlich Wasserbewirtschaftung und Wasserpolitik auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene.

          Ein besonderes Augenmerk legt das Heft auf die historische Dimension gegenwärtiger Konstellationen, die sich nicht zuletzt in der Fortsetzung kolonialer Vorlieben für große Entwicklungsprojekte manifestiert. In den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg stand der Bau von großen Staudämmen für den tiefen Glauben an wissenschaftlichen Fortschritt und Technologie, den auch afrikanische Nationalisten teilten. Der Akosombo-Staudamm in Ghana etwa sollte, wie Stephan Miescher erläutert, ausdrücklich dem Aufbau der jungen afrikanischen Nation dienen.

          Nkrumah setzte sich ein Industriedenkmal

          Der Damm bildete das Kernstück des Volta-River-Projekts, das einen großen künstlichen See, eine Aluminiumhütte, die Umsiedlung von 80 000 Menschen, neue Städte und Ortschaften, einen Tiefseehafen sowie weitere infrastrukturelle Maßnahmen umfasste. Kwame Nkrumah, der 1951 noch unter britischer Kolonialherrschaft Regierungschef geworden war, machte die Realisierung des Volta-River-Projekts zu einem der zentralen Ziele eines unabhängigen Ghanas. Die Hoffnungen auf rasche Industrialisierung und weniger Abhängigkeit vom Kakaoexport erfüllten sich nicht, selbst wenn die Stromversorgung Ghanas lange deutlich besser war als die seiner Nachbarn.

          Viele in der Kolonialzeit und danach errichtete Dämme produzierten, das erwähnen mehrere Aufsätze, lediglich einen geringen Teil der erhofften Energie. Dafür zeitigten sie oft verheerende Folgen für Mensch und Umwelt: Zehntausende Menschen, oft ganze Dörfer und Kleinstädte, wurden nicht selten mit Zwang umgesiedelt, lokale Fischindus­trien zerstört, durch Wasser übertragene Krankheiten breiteten sich aus, die Uferlinien erodierten, und Überschwemmungen ebenso wie Wassermangel nahmen zu. Gleichwohl ist der Drang zu hydroelektrischen Großprojekten in Afrika ungebrochen. Dutzende größerer Dammkonstruktionen in Sudan, Äthiopien, Ruanda und Tansania sind gegenwärtig im Bau oder kürzlich fertiggestellt worden. Sie führen verstärkt zu zwischenstaatlichen Spannungen, etwa im Nordosten des Kontinents. Die in Äthiopien errichtete GER-Talsperre am Nil, für Präsident Abiy Ahmed Zeichen des Fortschritts und regionaler Stärke, sorgt derzeit in den Nachbarländern Ägypten und Sudan für wütende Proteste und Appelle an die Staatenwelt.

          Der Politologe Harry Verhoeven macht in seinem Beitrag darauf aufmerksam, dass das verbreitete Denken über Klimawandel und Wassersicherheit noch immer ein vereinfachtes Bild von Afrika als Opfer ruchloser exogener Interessen zeichne. Nicht, dass es diese Interessen nicht gebe, aber der ausschließliche Blick auf sie verdecke lokale Vorstellungen und Praktiken im Umgang mit Klima und Wasser. Nicht nur die internationale Gemeinschaft, sondern ebenso afrikanische Politiker hätten diese Perspektiven jedoch weitgehend ignoriert. Es sei jedoch kein Szenario vorstellbar, in welchem afrikanische Gesellschaften sich erfolgreich dem Klimawandel anpassten, ohne zugleich grundlegend ihre Beziehungen sowohl zum Rest der Welt als auch untereinander neu zu definieren. Und dies hieße eben auch, einheimische ­Institutionen der Kontrolle und des Ausschlusses nachhaltig infrage zu stellen.

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