https://www.faz.net/-gwz-9eosy

Entwertete Hochschulabschlüsse : Schalterbeamte mit Magister

  • -Aktualisiert am

Inflation der Abschlüsse: Immer mehr Menschen studieren, doch genau das senkt den Wert der erreichten Abschlüsse enorm. Bild: dpa

Wer studiert hat, findet bessere Jobs und verbessert seine Berufs- und Verdienstaussichten, heißt es. Doch die Maxime wird umso weniger gültig, je mehr Menschen ihr folgen.

          In diesen Wochen beginnen Millionen junger Menschen in Europa und Nordamerika ihr Studium. Viele von ihnen hoffen, mit einem Bachelor- oder Mastertitel ihre Berufs- und Verdienstaussichten zu verbessern. Bildungsforscher und -politiker werden nicht müde, die Vorteile des Studiums zu preisen: Für den Einzelnen gilt es als kluge Investition in das eigene Humankapital und für die Gesellschaft als Instrument, um breiten Bevölkerungsschichten sozialen Aufstieg zu ermöglichen.

          So steigt seit der Bildungsexpansion die Zahl der Studierenden. Allein in den letzten zwanzig Jahren hat sich die Zahl der Studienanfänger in Deutschland fast verdoppelt. In anderen Industrieländern sieht es ähnlich aus. Nicht nur die Universitäten haben mit den Folgeproblemen des Wachstums zu kämpfen. Es drängen nämlich nicht nur immer mehr Studierende in Hörsäle, die sich nicht im gleichen Tempo vermehrt und vergrößert haben. Eine wachsende Zahl von Absolventen findet sich anschließend auf einem Arbeitsmarkt wieder, auf dem es von ihresgleichen nur so wimmelt.

          Bereits in den 1970er Jahren wurde auf die Folgen dieser Entwicklung hingewiesen. Der Soziologe Randall Collins sah die Vereinigten Staaten auf dem Weg zur „Credential Society“, in der für immer mehr Tätigkeiten ein akademischer Titel vorausgesetzt wird. Doch die Inflation der Abschlüsse entwerte diese: Wie ein Überangebot an Geld zu einem Wertverlust führt, bedeuten zu viele Abschlüsse, dass jeder einzelne weniger Gewicht hat.

          Diese These leuchtet ein, ist aber umstritten geblieben. Bildungsökonomen argumentieren, dass technologische Veränderungen bessere Qualifikationen verlangen, die nur an Universitäten vermittelt werden. Auch konnte immer wieder gezeigt werden, dass sich ein Studium durch bessere Verdienstmöglichkeiten auszahlt.

          Abschluss kein Garant für bessere Bezahlung

          Doch gilt dies für alle Absolventen oder nur für wenige (und vielleicht: für immer weniger)? Aus Großbritannien zum Beispiel wird berichtet, dass 1979 nur 3,5 Prozent der Bank- und Postangestellten einen akademischen Abschluss hatten, mittlerweile aber 35 Prozent. Daran, dass nur ein Bruchteil von ihnen hohe Gehälter kassiert, dürfte sich wenig geändert haben.

          Der Soziologe Jonathan Horowitz hat sich dieser Debatte angenommen und überprüft in einer aktuellen Veröffentlichung die Frage nach den Folgen der Titelinflation anhand amerikanischer Daten von 1970 bis 2010. Diese zeigen das rasante Wachstum der Hochschulen: Während beispielsweise im Nordosten des Landes nur etwa 10 Prozent der zwischen 1915 und 1919 geborenen Einwohner einen College-Abschluss erworben hatten, waren es bei der Kohorte von 1980 bis 1984 bereits 47 Prozent. Was das für den Wert der Abschlüsse bedeutet, lässt sich in zwei Richtungen untersuchen: Zum einen mit Blick auf die Gehälter, insofern ein Studium nicht mehr zu einer entsprechenden Steigerung führen könnte; zum anderen hinsichtlich der Fertigkeiten, insofern Hochschulabsolventen sich zunehmend in Berufen wiederfinden könnten, die ihrer Qualifikation nicht entsprechen.

          Die These relativer (und möglicherweise abnehmender) Bildungserträge bezieht sich im Kern auf die Frage, inwiefern an Universitäten erworbene Fertigkeiten und Kompetenzen überhaupt gebraucht und genutzt werden. Gehaltseffekte hängen zwar indirekt damit zusammen, werden aber auch von zahlreichen anderen Faktoren beeinflusst, zum Beispiel von Tarifvereinbarungen und gesetzlichen Regelungen.

          Ob und wie sich der Zusammenhang von Abschluss und Tätigkeit verändert hat, kann aufgrund der detaillierten Angaben zu den ausgeübten Berufen in der amerikanischen Bevölkerungsumfrage überprüft werden. Es zeigt sich, dass Hochschulabsolventen in ihren Berufen zwar mehr verbale, quantitative und analytische Fertigkeiten nutzen als die Vergleichsgruppe ohne College-Abschluss. Der Unterschied zwischen beiden Gruppen wird aber immer geringer, je mehr der Anteil der Akademiker wächst.

          Schalterbeamte mit Master keine Ausnahme

          Parallel hierzu arbeiten Akademiker immer öfter in Berufen mit nur geringen Qualifikationsansprüchen. Am stärksten fällt hier der Bereich analytischer Kompetenzen ab: Über 40 Jahre verringerte sich deren Bedeutung auf den von Akademikern besetzten Stellen um eine Spanne, die in etwa dem Unterschied zwischen dem Anforderungsprofil einer Versicherungsmathematikerin und einem Realschullehrer entspricht. Offensichtlich werden also mehr Analysefähigkeiten vermittelt und gelernt als auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt. Der Schalterbeamte mit Masterabschluss ist keine Ausnahme.

          Die Tatsache, dass Akademiker dennoch im Durchschnitt besser verdienen, erklärt Horowitz damit, dass die großen Bildungserträge, die einige wenige an der Spitze erwirtschaften, die Verluste der Mehrheit ausgleichen. Für die immer größer werdende Zahl der immer besser Ausgebildeten scheint dagegen jenes Diktum zu gelten, mit dem der britische Ökonom Fred Hirsch bereits in den 1970er Jahren das Dilemma der Expansion zusammenfasste: „Wenn alle auf den Zehenspitzen stehen, sieht keiner besser.“

          R. Collins (1979): The Credential Society. New York: Academic Press. J. Horowitz (2018): Relative education and the advantage of a college degree. In: American Sociological Review 83 (4), S. 771–801.

          Weitere Themen

          Ein Roboter wird zum Chemiker Video-Seite öffnen

          Chemputer : Ein Roboter wird zum Chemiker

          Ein Roboter ist in der Lage, selbständig Arzneien mischen. Ein Schlafmittel, ein Schmerzmittel und das Potenzmittel Viagra gehören schon zum Repertoire.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.