https://www.faz.net/-gwz-9b1l7

Soziale Systeme : Aber sicher!

  • -Aktualisiert am

Wir legen unser Schicksal gern in andere Hände: Die Erwartung eines Ergebnisses beeinflusst unsere Entscheidung. Bild: dpa

Ungewissheiten sind oft nicht zu vermeiden. Wie soziale Faktoren unsere Entscheidungen beeinflussen und uns, zumindest in gewissem Maße, Sicherheit geben.

          Mit Beginn der Fußball-Weltmeisterschaft ist eines sicher: Niemand weiß, wer gewinnen wird. Und ebenso gewiss ist, dass es am Ende einen Gewinner gibt. Damit sind die Rahmenbedingungen für eine interessante soziale Situation vorgezeichnet, die Ungewissheit über das Ergebnis mit der Sicherheit kombiniert, überhaupt ein Ergebnis zu erzielen.

          Die soziale Rahmung durch das Turnier ist eine wichtige Voraussetzung dafür, dass die Ungewissheit in diesem Fall mit freudiger Spannung erwartet werden kann. Sie wird so auf ein spezifisches Nichtwissen über die Zukunft reduziert. Die Ungewissheit über den Ausgang ist ohnehin eine notwendige Begleiterscheinung der sozialen Welt: Wir können uns nicht sicher sein, wie andere handeln. Soziale Ordnung setzt lediglich voraus, dass nicht in jedem Moment befürchtet werden muss, dass sich überhaupt niemand an die Erwartungen hält.

          Solange man Verträgen und Gesetzen, Sitten und Gebräuchen oder, allgemein formuliert, sozialen Institutionen vertrauen kann, muss man nicht ständig mit bösen Überraschungen rechnen. Vor diesem Hintergrund können gezielt plazierte Unsicherheiten und deren Auflösung mit Spannung erwartet und mit Interesse verfolgt werden.

          Ungewissheit im sozialen Leben reduzieren

          In einem kürzlich veröffentlichten Text wirft der schwedische Soziologe Patrik Aspers einen genaueren Blick auf die unterschiedlichen Möglichkeiten, Ungewissheiten im sozialen Leben zu nutzen und gleichzeitig zu reduzieren. Der geregelte Wettkampf, mit dem wir es im Falle der Weltmeisterschaft zu tun haben, ist eine davon. Auch andere, weniger harmlose Formen des Wettstreits, wie zum Beispiel Kriege oder Duelle, produzieren neues Wissen über die Stärke und Qualität der Teilnehmer und ermöglichen es so, den Ausgang künftiger Begegnungen und Konflikte besser einzuschätzen.

          Eine andere Möglichkeit, Ungewissheit zu reduzieren, ist Entscheidung: Man überlässt es einer Autorität, auf der Grundlage vorhandener Informationen zu urteilen, und richtet das Anschlusshandeln danach aus. Eine gesellschaftliche Instanz für solche verbindlichen Entscheidungen ist die Politik, aber auch in Organisationen wird ständig in dieser Form Ungewissheit reduziert. Die Organisationssoziologie spricht von „Unsicherheitsabsorption“, wenn man sich nach einer Entscheidung nicht mehr um die Details kümmern muss, auf deren Grundlage sie getroffen wurde – Hauptsache, man kennt das Ergebnis.

          Drittens schließlich lässt sich Bewertung („valuation“) als eine dritte Form der Reduktion von Ungewissheit begreifen. Im Unterschied zur Entscheidung auf der einen und zum Wettkampf auf der anderen Seite wird das bewertende Urteil nicht einer Autorität oder den Teilnehmern, sondern einem mehr oder weniger anonymen Publikum überlassen. Aspers erläutert dies am Beispiel der Mode: Was als der letzte Schrei gilt, wird nicht von den Herstellern verfügt oder als Ergebnis einer Konkurrenz festgestellt.

          Die Qual der Wahl

          Vielmehr werden die Angebote von unterschiedlichen Instanzen – Designern, Modezeitschriften, Konsumenten – bewertet und können dann im Ergebnis in eine Statusrangfolge gebracht werden. Ein anderes Beispiel ist die Bewertung der Güte wissenschaftlicher Publikationen im „Peer review“-Prozess: Die Beteiligung vieler, teilweise anonymer Bewertungsinstanzen macht es unmöglich, das Ergebnis vorauszusehen, das für die qualitative Einschätzung von Leistungen unentbehrlich ist.

          Obwohl es bereits bei den genannten Beispielen nicht nur um einzelne Situationen geht, sondern teilweise um längerfristige Prozesse der Urteilsfindung und Bewertung, fehlt in der Liste von Formen der Unsicherheitsreduktion ein wichtiger Eintrag: das „Verfahren“. Gerichtsurteile oder politische Wahlen zum Beispiel reduzieren Ungewissheit durch Verfahren, in denen entschieden wird, wer das Recht auf seiner Seite hat oder wer die Macht bekommt. Auf die Bedeutung und die spezifische Leistung von Verfahren hat insbesondere der Soziologe Niklas Luhmann hingewiesen: Sie liegt darin, die Verfahrensteilnehmer so einzubinden, dass sie die Legitimität und damit die Verbindlichkeit der Entscheidung leichter akzeptieren können. Sie reduzieren also zugleich die Unsicherheit, wie entschieden wird, und jene, ob das Ergebnis als verbindlich anerkannt wird.

          An Verfahren wie der politischen Wahl wird außerdem noch einmal besonders deutlich, wie ambivalent die Reduktion von Unsicherheit sein kann. Sie reduziert nicht nur, sondern sie produziert auch Ungewissheiten: Erst wenn eine Wahl ansteht, muss man sich überhaupt fragen, wer demnächst regiert. Das gilt auch im Falle von Rankings und anderen Formen öffentlicher Bewertung: Sobald jemand eine Rangliste erstellt, kann ich nachsehen und mir darüber Sorgen machen, wo ich stehe. Und ohne ein WM-Turnier gäbe es auch keine Ungewissheit, wer im Juli 2018 Weltmeister sein wird – es wäre im Zweifelsfall der gleiche wie bisher.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Schlechte Laune im Osten? Das stimmt nicht so ganz.

          Ostdeutschland : Woher die schlechte Laune?

          Steht es dreißig Jahre nach dem Ende der DDR wirklich so schlimm mit der deutschen Einheit und dem Osten? Nein. Die krasse Fehleinschätzung hat auch etwas mit denen zu tun, die heute die politische Meinung im Osten mitprägen.
          Ashton Applewhite

          Altersdiskriminierung : „Man kann nicht jung bleiben“

          Die Amerikanerin Ashton Applewhite kämpft gegen eine Form der Diskriminierung, über die kaum jemand spricht, obwohl sie jeden irgendwann treffen wird. Ein Gespräch über Altersdiskriminierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.