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Empfehlungen zum Schulwechsel : Was haben Eltern da mitzureden?

  • -Aktualisiert am

Sollten Eltern noch den schulischen Werdegang ihres Kindes bestimmen dürfen? Bild: dpa

Akademiker schicken ihre Kinder aufs Gymnasium. Arbeitereltern ziehen die Real- oder Hauptschule vor. Solche Entscheidungen der Eltern sind nicht immer sinnvoll, finden zwei Soziologen.

          In einem idealen Schulsystem wäre dessen interne Verteilung der Schüler auf die verschiedenen Schultypen ausschließlich das Ergebnis kognitiver Leistungsunterschiede dieser Schüler. Eine frühe Differenzierung der Bildungswege wäre damit gerechtfertigt, weil die Aufteilung der Kinder entsprechend ihrer Leistungen nach der Grundschule eine allen Schülern förderliche Vereinheitlichung der schulischen Lernumgebung ermöglichte. Förderlich, weil die Vereinheitlichung zu individuellen Leistungssteigerungen führen würde, die in einer Einheitsschule nicht möglich wären. Wer also für (mehr) Differenzierung plädiert, setzt Unterschiede zwar als gegeben voraus, kann sich bei seiner Verteidigung der Sortierung aber darauf berufen, dass nur nach kognitiven Unterschieden sortiert werde.

          Die Gegner der frühen Differenzierung dagegen führen an, dass es zu den erhoffen Leistungssteigerungen gar nicht komme. Die Differenzierung führe in Wirklichkeit nur zu einer Verstärkung der sozialen Ungleichheit im Bildungserfolg, sei also nur das Einfallstor einer Vielzahl von Faktoren, die mit den kognitiven Leistungsunterschieden der Kinder nichts zu tun hätten. Etwa der Bildungsaspirationen der Eltern: Akademiker schicken ihren Nachwuchs eben grundsätzlich aufs Gymnasium, auch wenn dessen Leistungen das vielleicht gar nicht rechtfertigen (Abweichung nach oben). Und Arbeitereltern ziehen eher Real- oder Hauptschule vor, weil sie die Kosten der Gymnasialbildung scheuen, auch wenn ihre Kinder eigentlich über die dafür notwendigen Fähigkeiten verfügen (Abweichung nach unten). Wäre es da nicht im Interesse der Leistungsgerechtigkeit, die Mitsprache der Eltern beim Übergang auf die weiterführenden Schulen einfach auszuschalten und die Sortierung durch das Instrument verbindlicher Übergangsempfehlungen ganz den Lehrern zu überlassen?

          Ein Effekt der sozialen Herkunft?

          Die Soziologen Hartmut Esser und Kerstin Hoenig haben jetzt in einer großen Vergleichsstudie versucht, mit Daten der „National Education Panel Study“ (NEPS) die Effekte verbindlicher Empfehlungen für den Schulwechsel nach der Grundschule auf die Leistungsgerechtigkeit und die Bildungsungleichheit zu bestimmen. Ihre Erwartung dabei ist, dass die Verbindlichkeit der Empfehlung die Leistungsgerechtigkeit der Sortierung stärke und die Bildungsungleichheit auf das Maß begrenzt, das es eben überall gibt. Diese Erwartung beruht natürlich auf der Annahme, dass sich die Lehrer in ihren Empfehlungen strikt an den Leistungen ihrer Schüler orientieren und sich von keinerlei persönlichen Einstellungen für oder gegen ein bestimmtes Kind beeinflussen lassen. Das ist eine nachvollziehbare Annahme, da man den Lehrern eine größere Objektivität bei der Beurteilung der schulischen Möglichkeiten eines ihnen seit Jahren vertrauten Schülers unterstellen kann. Lehrer sind Fachleute, Eltern nicht. Organisationen fördern Distanz, Familien Nähe. Fördert Distanz aber auch Gerechtigkeit?

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          Ja – aber: Die Verbindlichkeit allein sorgt nach den Ergebnissen von Esser und Hoenig noch nicht für eine signifikant stärkere Leistungsgerechtigkeit. Es kommt auf die konkrete Gestaltung der Verbindlichkeit an. Die Übergangsempfehlungen der Lehrer müssten wirklich den Leistungen entsprechen, und die Noten müssten objektiver sein. Beides aber ist nicht immer der Fall, auch nicht in den verbindlich sortierenden Bundesländern. Und leider sei die Verbindlichkeit gar nicht so verbindlich, weil insbesondere Abweichungen nach unten nach den aktuellen Schulgesetzen ohne weiteres möglich sind. Kinder aus den unteren Schichten auch mit einer Empfehlung für eine weiterführende Schule würden von ihren Eltern generell weniger auf das Gymnasium geschickt, und zwar unabhängig von der Verbindlichkeit der Empfehlung. Aber angenommen, die Schulen würden diese Abweichungen nach unten nicht mehr zulassen. Was wäre dann mit dem Effekt der sozialen Herkunft auf die Leistungsgerechtigkeit?

          Er wäre am geringsten. Zwar blieben die primären Effekte der sozialen Schicht und Bildungsnähe der Eltern auf die kognitive Entwicklung ihrer Kinder auch davon unberührt, aber immerhin verstärkt die Verbindlichkeit diese gegebene soziale Bildungsungleichheit nicht. Vielmehr gilt, dass je strikter die Verbindlichkeit wirklich gilt, die Leistungsgerechtigkeit bei der Aufteilung der Kinder nach der Grundschule zunimmt. Wer mehr davon wolle und auch die Effizienz des schulischen Kompetenzerwerbs verbessern wolle, müsse sich also für eine Stärkung der Selektivität nach den tatsächlichen Fähigkeiten und Leistungen der Kinder einsetzen, einschließlich der Unterbindung der Abweichung von der Empfehlung nach unten. Ob sich diese weitere Einschränkung des Elternwillens durchsetzen lasse, sei laut Esser und Hoenig wohl mehr als zweifelhaft. Aber weil insbesondere die talentierten Kinder aus den unteren und bildungsferneren Schichten davon besonders profitieren würden, sei dieses Ziel gerechtfertigt. Für das Fortkommen der bessergestellten Kinder sorgen deren Eltern schon selbst.

          Hartmut Esser, Kerstin Hoenig: Leistungsgerechtigkeit und Bildungsungleichheit. Effekte der Verbindlichkeit der Grundschulempfehlungen beim Übergang aufs Gymnasium, in: KZfSS (2018) 70.

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