https://www.faz.net/-gwz-969m3

Soziale Ungleichheit : Dem Boss seine Boni

  • -Aktualisiert am

In der Bankenbranche werden oft üppige Boni gezahlt. Bild: dpa

Hohe Bonuszahlungen und starke Gehaltsunterschiede können die Gesellschaft ins Wanken bringen. Das beste Mittel gegen Neidgefühle ist Transparenz und eine umfassende Informationskultur.

          Soziale Ungleichheiten sind in der modernen Gesellschaft nicht nur unvermeidbar, sondern durchaus gewollt. Nur zu groß sollten sie nicht sein. Einkommensunterschiede sollten einen irgendwie noch nachvollziehbaren Bezug zu realen Unterschieden an Leistung oder Wertschöpfung haben. Bei den Einkünften geschäftsführender Manager von großen Unternehmen sind hier längst Zweifel angebracht. Seit 1987 sind die Vorstandsvergütungen der Dax-Unternehmen um gut 600 Prozent gestiegen, den Durchschnittslohn überschreiten sie heute im Mittel um das 50-Fache. Ungerechtigkeitsvorwürfe gegenüber solchen Gehältern und ihren Beziehern enthalten soziale Sprengkraft, weil sie Anlass bieten zu einer Infragestellung der gesellschaftlichen Gerechtigkeit insgesamt. Die Frage, wodurch Gerechtigkeitsurteile von Erwerbstätigen beeinflusst werden, ist insofern keine rein akademische Frage. Da nicht davon auszugehen ist, dass die Wirtschaft in Zukunft auf die Ausschüttung von Boni, Beteiligungen und Vergütungen an ihr Spitzenpersonal verzichten wird, ist die Frage von großer Brisanz, ob und wie solche exorbitanten Einkünfte von den weniger Begünstigten als doch noch gerecht empfunden werden könnten.

          Eine aktuelle Studie von Olaf Struck, Matthias Dütsch und Gesine Stephan konzentriert sich dazu auf Bonuszahlungen, da diese im höheren Management großer deutscher Unternehmen mit einem Anteil von etwa zwei Drittel die größte Einkommenskomponente darstelle. Die Autoren erwarteten in ihrer Untersuchung, dass Gerechtigkeit mit Leistung zusammenhänge. Auch immense Bonuszahlungen, so ihre Hypothese, würden von den Beschäftigten eines Unternehmens noch am ehesten als gerecht empfunden, wenn sich der Unternehmenserfolg irgendwie auf die Einzelleistung eines Angehörigen der Führungsebene zurückführen lasse. Eine solche Form von Verteilungsgerechtigkeit könne aber ohne eine gleichzeitige Verfahrensgerechtigkeit kaum funktionieren. Es sollte bei der Ausschüttung von solchen Boni relativ transparent zugehen, und die zugrundeliegenden Leistungskriterien müssten auch den einfachen Beschäftigten eines Unternehmens bekanntgemacht werden.

          Informiertheit erhöht Akzeptanz

          Die Studie führte 2012 Interviews mit 540 Beschäftigten von Betrieben durch, in denen es Bonuszahlungen an das verantwortliche Management gegeben hatte. Im Vergleich mit repräsentativen Daten aus der Bundesanstalt für Arbeit (BA) zeigte sich, dass auch 42 Prozent der Beschäftigten in Betrieben mit Bonuszahlungen diese generell als ungerecht empfanden – im Unterschied zu 61 Prozent aller Beschäftigten aus dem Sample der BA. Das deute schon an, dass persönliche Informiertheit über Bonuszahlungen im eigenen Betrieb deren Akzeptanz erhöhe, so die Autoren der Studie. Auch glaubhaft gemachte Informationen über Kompetenzen, Leistungen und Belastungen von Bonusempfängern erhöhten die Zustimmung zu Boni unter denen, die ihre Leistungsbereitschaft auch ohne solche Zuwendungen aufrechterhalten müssen.

          Allerdings hängt diese Akzeptanz klar mit dem Bildungsstand der Befragten zusammen. Ungelernte und angelernte Arbeiter bewerteten Bonuszahlungen generell eher als ungerecht – was wiederum für die Bedeutung der informatorischen Gerechtigkeit spreche, so die Autoren. Soll heißen: Transparenzangebote von Organisationsführungen können zur Legitimität von Ungleichheiten eben nur beitragen, wenn sie von den Betroffenen auch nachvollzogen werden können. Wenn die Kriterien von Bonuszahlungen dann auch noch gesellschaftlich akzeptierten Normen wie Leistungs- und Beitragsprinzipien entsprächen, steige auch deren Akzeptanz.

          Gesellschaft der Leistungslegitimität?

          Aber wenn man diese Erkenntnis einmal berücksichtigt – was besagt sie eigentlich? Dass wir in einer Gesellschaft der Leistungslegitimität leben? Das hieße, dass sich alle Ansprüche auf Leistung begründen müssten. Oder umgekehrt: dass man als Leistungsfähiger die Ansprüche der Nichtleistungsfähigen guten Gewissens ablehnen könne? Aber ließen sich denn alle gesellschaftlichen Fragen mit Verteilungswirkungen nach dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit beantworten?

          Nun beruht die Legitimität der sozialstaatlichen Umverteilung aber gerade darauf, dass es viele Menschen gibt, die den Leistungserwartungen der Gesellschaft aus vielfältigen Gründen eben nicht entsprechen können, und dennoch Anteile am gesellschaftlichen Reichtum bekommen. Der Sozialstaat, auch das eine häufig unberücksichtigte Erkenntnis soziologischer Forschung, kann den Gerechtigkeitsnormen der Wirtschaft nicht nur nicht entsprechen, er muss sie sogar bewusst verletzen. Man sollte bei der festgestellten Akzeptanz exorbitanter Bonuszahlungen daher auch berücksichtigen, dass sie im Kontext der ausgleichenden Gerechtigkeit des steuerfinanzierten Sozialstaates stattfindet. Auch das Grundwissen über die Auswirkungen der Steuerprogression auf solche Aspekte von Verteilungswirkungen dürfte zur Steigerung der informatorischen Gerechtigkeit unserer Wirtschaftsordnung einen erheblichen Beitrag leisten.

          Olaf Struck, Matthias Dütsch, Gesine Stephan: „Bonuszahlungen an Geschäftsführungen: Wodurch werden Gerechtigkeitsurteile von Erwerbstätigen beeinflusst?“, Kölner Z. f. Soziologie u. Sozialpsychologie (2017) 69.

          Weitere Themen

          Neue Erkenntnisse aus dem Erdmittelalter Video-Seite öffnen

          Fossilien-Fund : Neue Erkenntnisse aus dem Erdmittelalter

          Paläontologen in Polen haben ein Fossil eines pflanzenfressenden Säugetieres entdeckt, das der Gruppe der „Dicynodontia“ angehört, die vor 205 Millionen Jahren neben den Dinosauriern das spätere Europa durchstreiften.

          Topmeldungen

          Besuch eines Kanzlers: Johann Georg Reißmüller im Gespräch mit Helmut Kohl am 11. November 1997 auf dem Weg zur großen Redaktionskonferenz

          Johann Georg Reißmüller : Ein eiserner Zeuge des 20. Jahrhunderts

          Der frühere F.A.Z.-Herausgeber Johann Georg Reißmüller ist tot. Er starb im Alter von 86 Jahren in Frankfurt am Main. Sein journalistisches Lebensthema war das Schicksal Mittel-, Ost- und Südosteuropas.
          Hier liegt schon Schnee: Eine Frau wandert über den Großen Feldberg im Taunus

          So wird das Wetter : Winter is coming

          In Deutschland wird es in den nächsten Tagen frostig, glatt – und es fällt Schnee. Im höheren Bergland sinken die Temperaturen sogar auf bis zu minus zehn Grad.

          Nach Macrons Rede : Nur Almosen oder ein Sieg für die Mittelschicht?

          Trotz der umfassenden Zugeständnisse: Emmanuel Macrons Ansprache an die Nation konnte nicht allen Unmut tilgen. Wortführer der „Gelbwesten“ rufen jetzt zum „fünften Akt“ der Proteste auf.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.