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Philosophie des Klimawandels : Kann die Natur das Heft in die Hand nehmen?

  • -Aktualisiert am

Können symbolische Aktionen versteinerte Verhältnisse zum Platzen bringen? Auf dieses dialektische Kalkül setzen die Naturschützer der „Letzten Generation“, wie hier Mitte Juli 2022 in Berlin. Bild: Andreas Pein

Hat die Natur ihren letzten Rest Natürlichkeit verloren – oder bewährt sich ihre Widerstandskraft? Eine Berliner Tagung sucht Begriffe einer praktischen Naturphilosophie für den Klimawandel.

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          Mit der Ausdifferenzierung der Wissenschaften in der Moderne hat die Philosophie ihren Primat über das Erklären der rerum naturalium, der natürlichen Dinge, verloren. Neuen Auftrieb könnte eine Philosophie der Natur bekommen, welche die vermeintliche Natürlichkeit der natürlichen Dinge im Zeitalter des menschengemachten Klimawandels infrage stellt. Wir befinden uns in einem Zeitalter einer quasi beherrschten Natur, die der Gesellschaft ihren eigenen Zwang aufzudrücken beginnt. Entgegen der Prämisse der Vorhersehbarkeit der Natur, unter der die Naturwissenschaften bislang gearbeitet haben, legt die Natur eine eigene Dynamik an den Tag, für die der Mensch verantwortlich gemacht wird. Diese dynamische Substanz der Natur zu begründen ist ein drängendes Problem, denn unser Handeln verändert die angenommene Harmonie der Dinge.

          Gleichzeitig ist auch die menschengemachte Kultur, als das Gegenteil von vorhandener Natur, fraglich geworden. Damit ist die Problemstellung einer Konferenz mit dem etwas betoniert aussehenden Titel „Politik der Natur“ umrissen, zu der das Zentrum für postkantische Philosophie der Universität Potsdam nach Berlin eingeladen hatte. Wie die Formel vom menschengemachten Klimawandel vermuten lässt, kann die dualistische Trennung von Natur und Kultur nicht mehr aufrechterhalten werden. Aber auch ein einfaches, gegenseitiges Vermitteltsein reicht als Erklärung des von uns derzeit beobachteten Naturgeschehens nicht aus: Wir haben Sachen angestoßen, über die wir die Kontrolle verloren haben. In dieser Lage sollte die Konferenz die Denkbarkeit einer „Handlungsfähigkeit der Natur“ untersuchen. Nach Auffassung der Veranstalter, die sich der dialektischen Tradition im Sinne einer nachkantischen Aufklärung verpflichtet fühlen, ist es Zeit für die Frage: Was will die Natur?

          Politik als Metapher für Handeln

          Da die Tradition der Naturphilosophie sehr alt ist, lassen sich ihre theologischen und kosmologischen Wurzeln nicht einfach abschneiden. Eine in dieser Weise zugeschnittene säkulare Naturphilosophie behält Wunden zurück. In dem völlig gescheiterten Vortrag von Oxana Timofeeva klang die Schönheit des unsicheren, träumerischen Denkens in fragmentarischen Stimmen der antiken Philosophie durch. Naturphilosophie hat etwas grundsätzlich Spekulatives, das durch die Positivität der gottlosen Naturwissenschaften nicht gänzlich ersetzt werden kann.

          Die Beiträge sammelten sich um die Pole einer Alternative: Soll man die Autarkie der Natur stark machen oder der Denaturalisierung der Natur ins Auge blicken? Denaturalisierung war das für Tagungen dieser Art typische Schlagwort der Stunde, das niemand vorher gehört hatte und plötzlich alle verwendeten. Gegenüber der Vorstellung einer zweckhaften Abgeschlossenheit der Natur hebt der Begriff der Denaturalisierung auf einen vom Menschen ausgelösten, unwiederbringlichen Zersetzungsprozess natürlicher Ab­läufe ab, der das Bild der Natur als ihrer eigenen Gesetzgeberin infrage stellt.

          Über Politisches wurde sehr abstrakt gesprochen. Schwammig blieben Wendungen wie „Politisierung der Natur“; in solchen Redensarten dient Politik lediglich als uneindeutige Metapher für Handeln. Melanie Sehgal kritisierte denn auch das begriffliche Herumstochern der Philosophie als Spielart des Nichtstuns – andererseits scheint gerade das Denken in großen, postulierten Zusammenhängen die Leute zu begeistern und Raum für „das Politische“ zu schaffen.

          Žižek forderte mehr Globalisierung

          Durch Präzision bestach der Vortrag von Slavoj Žižek. Unter Verweis auf Georg Lukács schlug Žižek vor, Natur als soziale Kategorie zu verstehen. Er forderte mehr Globalisierung und nicht weniger; man solle die Energiekrise als Chance sehen, erneuerbare Energien in Fahrt zu bringen und die Natur gegen den Staat und die Wirtschaft zu schützen. Das brachte ein paar Dinge auf den Punkt, die bei den anderen Vortragenden eher unterbestimmt blieben. Martin Saar bot eine lange geschichtliche Abhandlung der dialektischen Tradition seit Hegel, ein reines Referat ohne Begriff – außer dem Schlussgedanken von der Natur als Totalität allen Lebens. Christoph Menke sprach über die Animalität in Abgrenzung zur Menschlichkeit, was hegelianisch-psychoanalytisch auf die Frage hinauslief, ob die Natur sich selbst genug sei. Demgegenüber vermittelte Žižek eine Idee davon, was eine Politik der Natur sein könnte: die Suche nach dem entscheidenden Akteur. Wollen wir darauf setzen, dass die Natur sich selbst heilt, dass Technologie uns wieder retten kann, dass der Markt durch höhere Besteuerung zum Naturschutz gezwungen wird oder dass wir durch unsere Kaufkraft persönlich etwas beitragen können?

          Die Podiumsdiskussion zum Ab­schluss der Konferenz sollte praktische Schlüsse aus unserem schwierigen Verhältnis zur Natur ziehen. Das politische Spektrum war schmal: Repräsentanten der außerparlamentarischen Opposition, Andreas Malm von Fridays for Future und Rupert Read von Extinction Rebellion, sprachen mit einer Sympathisantin, der Philosophin Eva von Redecker, über Sachbeschädigung als politischen Protest und darüber, wie Mehrheiten für den Klimaschutz gewonnen werden können. Während Malm die Sabotage verteidigte, zeigten sich Redecker und Read eher gemäßigt und überlegten, wie Naturschutz mit anderen Bürgerrechtsbewegungen vereinbar gemacht werden könne. Das blieb spekulativ, weil auch hier ein Begriff für den sinnvollen, notwendigen Zusammenhang fehlte.

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