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Das Singen – wie es im Buche steht: Lorenzo Costas „Konzert“ hängt in der National Gallery in London. Bild: F1online

Das italienische Madrigalwerk : Was sonst noch sagbar ist

  • -Aktualisiert am

Alfred Einsteins Standardwerk zum italienischen Madrigal wird neu ediert und kritisch diskutiert. Eine Tagung an der Universität München.

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          Geisteswissenschaftliche Texte können selbst für Fachexperten langatmig, schwerfällig und manchmal sogar unverständlich sein. Auch die Historische Musikwissenschaft macht mit ihrer bisweilen hermetischen Sprache zur Beschreibung musikalischer Sachverhalte keineswegs eine Ausnahme. Der nach wie vor starke Wunsch einer breiten interessierten Öffentlichkeit an wissenschaftlich fundierten und vor allem lesbaren Publikationen zum Thema Musik bleibt seitens der Fachcommunity zu oft ungehört. „Public Musicology“ – ein Sammelbegriff für akademische Aktivitäten, die versuchen, über Konzerteinführungen, Ausstellungen, Zeitungsartikel, Blogs, Tweets und Podcasts neueste musikwissenschaftliche Erkenntnisse in pointierter Form auch außerhalb eines universitären Umfelds zu vermitteln und zu aktuellen musikalischen oder kulturpolitischen Ereignissen Position zu beziehen – ist hierzulande ein misstrauisch beäugtes Tätigkeitsfeld.

          Ein Großteil der Fachvertreter fühlt sich nicht zuständig, sieht solche Anstrengungen im Aufgabenbereich der Musikpädagogik und des Musikjournalismus und erfreut sich stattdessen am selbst auferlegten Neutralitätsgebot, das sich in der Nachkriegszeit als Folge der ideologischen Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten etablierte. Musikwissenschaftlichen Streit gibt es kaum noch, weder im Feuilleton noch auf Tagungen oder in Fachpublikationen. Man fühlt sich in der reinen Beobachterrolle offenbar recht wohl.

          Monumentale Monographie

          Dass dies nicht immer so war, zeigt der Fall von Alfred Einsteins dreibändiger Abhandlung zur weltlichen italienischen Vokalmusik des sechzehnten Jahrhunderts, die 1949 in englischer Übersetzung als „The Italian Madrigal“ bei der Princeton University Press erschien. Sebastian Bolz (Ludwig-Maximilians-Universität München) konnte unlängst in den Vereinigten Staaten umfangreiche Dokumente ausfindig machen, welche die monumentale Monographie in ihrer deutschen Originalgestalt überliefern. Anlässlich einer im Entstehen begriffenen und von Bolz verantworteten Hybrid-Edition – Einsteins „Das italienische Madrigal“ soll in einer gedruckten und in einer digitalen Ausgabe erscheinen – fand jetzt im Orff-Zentrum München eine internationale Tagung statt, die sich aus unterschiedlichen Blickwinkeln mit Einsteins ebenso einflussreicher wie historisch gewordener Studie und deren Nachleben auseinandersetzte.

          Einstein, am 30. Dezember 1880 in München geboren, ist einer der wenigen Vertreter des Faches, der historische Quellenforschung und Musikkritik verknüpfte und für ein breiteres Publikum zugänglich machte. Auch wenn ihm eine akademische Karriere in Deutschland verwehrt blieb – er selbst führte antisemitische Ressentiments als Grund an –, gingen seine Bücher um die Welt: Seine „Geschichte der Musik“ von 1917 erschien in acht verschiedenen Sprachen, seine 1945 im US-amerikanischen Exil veröffentlichte Studie „Mozart. His Character, his Work“ sogar in zehn, darunter Hebräisch, Polnisch und Japanisch.

          Cristina Urchueguía (Universität Bern) erinnerte an Einstein als Herausgeber, nicht nur von Noten, sondern auch von späteren Auflagen des weitverbreiteten Riemann-Musiklexikons, der dritten Auflage des Köchelverzeichnisses sowie der für die deutsche Musikwissenschaft der Weimarer Zeit zentralen „Zeitschrift für Musikwissenschaft“. Welchen Einfluss Einstein auf das Kulturleben in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts hatte, lässt sich nur erahnen. Seine zahlreichen Musikkritiken liegen gesammelt, wenngleich weitgehend unaufgearbeitet, in seinem Nachlass.

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