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Soziale Systeme : Schnell noch eine Zigarette

Kinder des Fließbandes und des Krieges: Vom Abfallprodukt der Zigarrenroller zum Lifestyle-Genussmittel des 20. Jahrhunderts. Bild: dpa

Der Aufstieg der heute verbreitetsten Tabakware passt zur Beschleunigung des modernen Lebens. Aber war er dessen Folge?

          J. R. R. Tolkien war passionierter Pfeifenraucher. Das kann man auch an dem Tabakkonsum seiner beliebtesten literarischen Figuren sehen, dem der Hobbits sowie Gandalfs, des Zauberers. Doch geraucht wird bei Tolkien nur in Szenen der Ruhe und Beschaulichkeit, nie unter Anspannung, zur Beruhigung oder aus Überdruss. Und dieses Rauchverhalten ist geradezu ein Gegenentwurf zu jenem, das über Tolkiens Lebenszeit hinweg (1892 bis 1973) das übliche wurde: mit dem Siegeszug der Zigarette.

          Ulf von Rauchhaupt

          verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Tatsächlich galten die Glimmstengel in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als positives Symbol von Modernität, als eine den Beschleunigungen des modernen Lebens angemessene Form des Genusses. Unlängst hat der Berliner Historiker Tom Reichard untersucht, wie es dazu kam und inwieweit die Bedingungen der Moderne tatsächlich dafür ursächlich waren.

          Schneller Genuss in einer schnellen Zeit

          Die Zigarette war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Europa noch unbekannt. Bereits 1914 jedoch überflügelte sie hinsichtlich der verkauften Stückzahlen die Zigarre, welche ihrerseits seit den napoleonischen Kriegen die Tabakspfeife an den Rand gedrängt hatte. Zwischen dem Ersten und dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Zigarette dann zu dem Massenphänomen, das Gesundheitsaktivisten heute so erbittert bekämpfen.

          Diese Dynamik hatte auch technische Gründe. Die Zigarettenproduktion ließ sich schon früh mechanisieren, während die Herstellung von Zigarren handwerklich blieb. Auch büßen Zigaretten vergleichsweise rasch ihre Qualität ein. Das zwang die Hersteller zum Aufbau schneller, aber dafür auch in ihrer Reichweite effektiverer Vertriebswege und ermöglichte die Werbung mit „Frische“ als zeitgemäßem Qualitätsmerkmal: ein schnelllebiges Konsumgut für eine schnelllebige Zeit.

          Zigarren sind von gestern, Pfeifen reaktionär

          Das sahen auch die Zeitgenossen so. Im Übergang von Pfeife zur Zigarre und von der Zigarre zur Zigarette, erklärte etwa 1916 der Abgeordnete Gustav Stresemann in einer Rede vor dem Reichstag, komme „der Übergang eines Lebens in Beschaulichkeit in ein Leben von Hast und Unruhe“ zum Ausdruck. Etwas weniger negativ formuliert, könnte man auch von einem effizienteren, besser zum modernen Arbeitsalltag passenden Tabakgenuss reden - und mit unter anderem dieser Rhetorik bewarben die Hersteller ihr Produkt. Mit nachhaltigem Erfolg: Zigarrenrauchen begann vor allem in den Metropolen bald altmodisch zu wirken, die Benutzung einer Pfeife geradezu hinterwäldlerisch.

          Aber steht die Konjunktur der Zigarette und der beschleunigte Tabakgenuss, den sie erlaubte, wirklich auch in einem ursächlichen Zusammenhang mit beschleunigten Produktionsprozessen und dem durchgetakteten, nur eben zigarettenlange Pausen zulassenden modernen Arbeitsalltag? Nicht direkt, denn wie Tom Reichard etwa anhand der besonders gut dokumentierten Entscheidungsprozesse bei der Firma Bayer in Leverkusen zwischen 1911 und 1925 zeigt, bekämpften die Werksleitungen das Zigarettenrauchen auf dem Betriebsgelände energisch - aus Sicherheitsgründen, aber auch aus Sorge um die Produktivität. Eher gewann die Zigarette unter Fabrikarbeitern erst auf dem Umweg über solche Rauchverbote die Oberhand über Pfeife und Zigarre: die schnelle Zigarette lässt sich eher heimlich rauchen.

          Zigaretten als Lebensmittel

          Hingegen war eine andere Seite der Moderne ein entscheidender Faktor für den Siegeszug der Zigarette: der technisierte Krieg. Noch am Ende des Ersten Weltkrieges verteilte das deutsche Militär jeden Monat eine Milliarde Zigaretten und knapp 240 Millionen Zigarren an die Truppe, wo sich der Anteil der Nichtraucher unter den Soldaten bei einem Prozent bewegte. Im Zweiten Weltkrieg schließlich betrachtete die Wehrmacht Zigaretten nicht mehr als Genuss-, sondern als Lebensmittel. Tabakqualm gegen Hunger, Stress oder Langeweile wussten die Heerführer spätestens seit dem 19. Jahrhundert zu schätzen. Doch im modernen Kriegsalltag hatte die Zigarette gegenüber anderen Darreichungsformen den Vorteil, die beeinträchtigte Autonomie der Soldaten über ihre Zeit zu kompensieren. Mit ihr hatte der Landser rasch sein Nikotin intus, bevor der nächste Marschbefehl oder das nächste Bombardement über ihn hereinbrach. Am Ende kehrten Millionen als Zigarettenraucher aus dem Krieg heim, die vorher nicht oder nur Zigarre oder Pfeife geraucht hatten.

          Damit hatte sich die Zigarette auf ganzer Linie durchgesetzt aber, wie Reichard am Ende feststellt, genau deswegen ihr Image als Symbol beschleunigten Lebenstempos verloren. Das mag, möchte man ergänzend vermuten, die gesellschaftliche Ächtung des Zigarettenkonsums heute erleichtern, doch vielleicht nicht des Tabakgenusses überhaupt. Die älteren Formen, deren gemächliche, umständliche Natur in unseren heute ja nicht weniger beschleunigten Verhältnissen das Maßhalten erleichtern kann, stehen denn auch nicht unter ganz so scharfer Beobachtung der Rauchgegner. James Bond darf auf der Leinwand schon lange nicht mehr rauchen, aber wer käme auf die Idee, Gandalfs Pfeife zu zensieren?

          Literatur

          Tom Reichard, „Die Zeit der Zigarette. Rauchen und Temporalität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts“, in: „Obsession der Gegenwart: Zeit im 20. Jahrhundert“, Vandenhoeck & Ruprecht 2015, S. 92-122

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