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Labyrinthe : Minotaurus wohnt hier immer noch

Vergnügliches Umherirren: Maislabyrinth bei Milikowice im Südwesten von Polen Bild: EPA

Verirren ist menschlich, Hinausfinden mitunter übermenschlich. Warum, wie und seit wann beschäftigen wir uns mit Labyrinthen?

          5 Min.

          Wer kam nur auf die Idee mit dem Maislabyrinth? Angeblich waren es 1993 die Initiatoren eines Schulprojektes in Annville, Pennsylvania. Dass es dazu kam, ist allerdings weniger erstaunlich als das späte Datum, denn dauerhaft gepflanzte Strukturen, um vergnüglich darin umherzuirren, gibt es schließlich seit der Renaissance. Eine der berühmtesten ist die Eibenhecke von Hampton Court bei London, die angeblich weltweit größte wurde 2015 bei Parma mit Bambus angelegt.So dramatisch es sein kann, sich zu verlaufen, so faszinierend ist es, kontrolliert auf Abwege zu geraten – im Erlebten wie im Erzählten.

          Ulf von Rauchhaupt

          Verantwortlich für das Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Zwar schicken Fiktionen ihr Personal selten so buchstäblich in einen Irrgarten wie der Science-Fiction-Film „Maze Runner“, doch labyrinthische Plots sind ein probates Stilmittel, zumal im Zeitalter der Fernsehserien mit horizontaler Dramaturgie. Auf die Spitze getrieben hat das kürzlich die Netflix-Serie „Dark“. In weniger gelungenen Werken werden Sackgassen allerdings leicht zum Füllmaterial oder zur Gelegenheit, entglittene Handlungsfäden zu kappen. Wo andererseits Labyrinthe selbst zum Motiv gemacht werden, und das vielleicht mit der Meisterschaft des argentinischen Schriftstellers Jorge Luis Borges (1899 bis 1986), wird begreifbar, warum Menschen sich seit Jahrtausenden von Labyrinthen erzählen. Aber woher kam die Idee?

          Labyrinth oder Irrgarten?

          Von den alten Griechen natürlich. Doch hier wird es kompliziert. Klar, es gibt die Sage von dem Labyrinth, das Dädalus dem kretischen König Minos errichtet hatte, um den Minotaurus darin unterzubringen: ein stierköpfiges Ungeheuer, das Minos’ Gattin infolge eines göttlichen Denkzettels zur Welt gebracht hatte und dem fortan Jugendliche zu opfern waren. Der Held Theseus machte dem ein Ende, überlebte das aber nur mit Hilfe der Prinzessin Ariadne und ihres Fadens.

          Graffito im Haus des Marcus Lucretius in Pompeji. Mit nur einer Verzweigung ist diese schlichte Struktur immer noch labyrinthischer als die meisten antiken Darstellungen.
          Graffito im Haus des Marcus Lucretius in Pompeji. Mit nur einer Verzweigung ist diese schlichte Struktur immer noch labyrinthischer als die meisten antiken Darstellungen. : Bild: F.A.S.

          Daneben gibt es zahlreiche antike Darstellungen labyrinthischer Muster. Das älteste sicher datierbare wurde um 1220 v. Chr. in Pylos auf der Peleponnes auf eine Tontafel geritzt. Kretische Münzen tragen Labyrinth-Motive, römische Fußbodenmosaike zeigen sie zuweilen samt Minotaurus, und ein Graffito aus Pompeji stellt die Verbindung zwischen Muster und Mythos sogar schriftlich her. Die heute manchmal anzutreffende Unterscheidung zwischen Labyrinthen aus vielfach gewundenen, aber verzweigungsfreien Gängen einerseits und Irrgärten andererseits ist indes selbst irreführend. Die mythische Verwahranstalt für den Minotaurus war sicher vom Typ Irrgarten, sonst hätte Theseus ja auch ohne Ariadnefaden herausgefunden.

          Wenn die Tafel aus Pylos, die Münzen und die Mosaike also verzweigungsfreie Labyrinthe zeigen, dürfte es sich um eine Stilisierung handeln, wenn auch um eine mit kunstgeschichtlichen Folgen: In mittelalterlichen Kirchen, der Kathedrale von Chartres etwa, findet sich verzweigungsfrei verschlungener Fußbodenschmuck, den Kirchenbesucher in einer symbolischen Pilgerfahrt abschreiten konnten, als die Kreuzzüge gescheitert und reale Jerusalem-Reisen schwierig geworden waren. Aber in der Antike hat man sich ein Labyrinth sicherlich stets als einen Irrgarten vorgestellt, auch wenn es aus ästhetischen oder fertigungstechnischen Gründen nicht immer so dargestellt wurde.

          Auf der Suche nach dem Minotaurus

          Doch hatte das Labyrinth ein Vorbild in der Realität? Die Frage nach einem in dieser Hinsicht wahren Kern der Minotaurus-Sage führt auf die nach der Herkunft des griechischen Wortes „Labyrinthos“: Die Endung -inthos findet sich auch bei einigen Ortsnamen. Sie ist wahrscheinlich das Überbleibsel einer Sprache, die in Griechenland vor der Einwanderung indoeuropäischer Stämme gesprochen wurde und die mit dem unbekannten Idiom der minoischen Kultur auf Kreta verwandt gewesen sein könnte.

          Dann stieß man bei der Ausgrabung der minoischen Palastanlage von Knossos häufig auf das Motiv der Doppelaxt, von welcher Plutarch überliefert, die Lyder – die allerdings in Kleinasien lebten und Indoeuropäer waren – hätten dieses Kultgerät als „Labrys“ bezeichnet. „Labyrinthos“ mag also ursprünglich „Stadt der Doppelaxt“ bedeutet haben, und die Sage vom Labyrinth des Dädalus hätte dann eine ferne Erinnerung an das komplexe – allerdings keineswegs manifest labyrinthische – Bauwerk in Knossos bewahrt. Doch könnte es sich auch um irgendeinen anderen Rest der verlorenen minoischen Sprache handeln.

          Die Spur führt nach Ägypten

          Als griechische Vokabel taucht Labyrinthos zum ersten Mal bei Herodot (etwa 484 bis 425 v. Chr.) auf, bezeichnet dort aber kein Bauwerk auf Kreta, sondern eines in Ägypten. „Das Labyrinth übertrifft sogar die Pyramiden“, schreibt er und erzählt, es umfasse dreitausend Räume. Nun ist Herodot als Quelle nicht unumstritten, es wird sogar bezweifelt, ob er wirklich, wie er vorgibt, selbst in Ägypten war. Doch das Gebäude, das er Labyrinth nennt, gab es wirklich. Der Geograph Strabon war um Christi Geburt ziemlich sicher in der von Herodot angegebenen Gegend Unterägyptens gewesen, und er beschreibt das Labyrinth als ein neben einer Pyramide gelegenes Königsgrab. Dort gebe es „zahlreiche lange Gewölbe, durch gewundene Gänge miteinander verbunden, so dass kein Fremder ohne einen Führer in jede dieser Hallen hinein und wieder hinaus finden kann“, schreibt er. Sehr wahrscheinlich handelt es sich bei Herodots und Strabons Labyrinth um den bereits um 1800 v. Chr. herum erbauten und heute fast völlig verschwundenen Totentempel des Pharaos Amenemhet III.

          Ein halbes Jahrhundert nach Strabon schließlich listet Plinius der Ältere vier Bauten auf, die zu seiner Zeit als Labyrinth bezeichnet worden seien, eins auf der Insel Lemnos, eins in Italien, das sich einst der Etruskerkönig Porsenna als Grabmal errichtet habe, das kretische aus der Theseus-Sage und schließlich das in Ägypten, über das Plinius schreibt: „Zweifellos war dies Dädalus’ Vorbild für das Labyrinth, das er in Kreta schuf, wobei er nur dessen hundertsten Teil nachbaute, nämlich den mit Rundwegen und auf komplexe Weise bald hierhin, bald dorthin führenden Gängen. Es besteht nicht etwa aus einem schmalen, meilenweit abschreitbaren Streifen, wie wir es auf Fußböden sehen oder auf den Spielplätzen der Kinder, sondern es ist voller Türen zu Gängen, durch die es nur scheinbar weitergeht und die auf Irrwegen zu sich selbst zurückführen.“

          In perfekten Labyrinthen läuft man wenigsten nicht im Kreis

          Nun ist Plinius nicht immer zuverlässiger als Herodot. Was er etwa über das Labyrinth des – im Übrigen weitgehend sagenhaften – Porsenna erzählt, hat er ungeprüft von Marcus Terentius Varro (116 bis 27 v. Chr.) übernommen. Trotzdem ist die zitierte Stelle aus seiner „Naturalis Historia“ interessant, denn zum einen macht Plinius dort bereits die Unterscheidung zwischen einem Labyrinth im Sinne eines Irrgartens und den im römischen Fußbodendesign verwendeten unverzweigten Strukturen, die nur auf den ersten Blick so aussehen, als könne man sich darin verlaufen. Zweitens stellt sich Plinius solch ein Irrgarten-Labyrinth als etwas vor, das jeden, der hineingerät, nicht nur in Sackgassen führt, sondern auch im Kreis herumirren lässt. Solche Muster sind mathematisch komplizierter als die auf dieser Seite gezeigten „perfekten“ Irrgärten, die so konstruiert sind, dass jeweils tatsächlich nur ein einziger Pfad hindurchführt, auch wenn alle Kammern miteinander verbunden sind.

          In der Graphentheorie – der mathematischen Disziplin, die sich mit Strukturen aus diskreten Punkten und ihren Verbindungen befasst – ist ein perfekter Irrgarten äquivalent zu einem sich immer weiter verzweigenden Baum, bei dem eine Linie vom Stamm (Eingang) zu einer bestimmten Astspitze (Ausgang) führt. In einem plinianischen Labyrinth dagegen wären die Zweige des Baums an einer oder mehreren Stellen miteinander verwachsen.

          Wer sich also bis zur Ernte im Oktober einmal richtig verlaufen möchte, der sollte sich dafür ein großes Maislabyrinth suchen – es gibt sie mittlerweile auch auf europäischen Feldern –, aber eben kein perfektes. Je nach Temperament könnte man sich nach ausreichend vielen vergeblichen Runden entweder wünschen, wenigstens einem Minotaurus zu begegnen, oder seine Mitirrenden glauben machen, man sei selbst zu einem solchen geworden.

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