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Drogenkrise in Amerika : Opiate fürs Volk

Im Bundesstaat West Virginia ist der Bedarf an solchen Entzugszentren groß. Bild: AFP

Die Drogenkrise zerstört Millionen Leben in den Vereinigten Staaten. Schuld tragen nicht die Mexikaner, wie Donald Trump sagt, sondern die amerikanische Pharmaindustrie. Ärzte verschreiben zuhauf Schmerzmittel, die süchtig machen.

          5 Min.

          In Amerika sagt man über manche Menschen, sie seien „larger than life“, zu großartig für diese Welt, und meistens dann, wenn sie jung gestorben sind. Selbst wer in den Vereinigten Staaten die Highschool nur kurze Zeit als Austauschschüler besuchte, kennt vermutlich so einen Fall - und er war mit jemandem wie James Bell befreundet, Jahrgang 1989, aus Montgomery, Alabama, der eigentlich anders heißt. James hatte Charisma.

          Johanna Kuroczik

          Redakteurin im Ressort „Wissenschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Er war beliebt bei Mitschülern und Lehrern, spielte im Football-Team und wollte auf ein gutes College gehen. Auf Fotos aus seinem letzten Schuljahr strahlt er in die Kamera, hält auf einigen einen Becher Alkohol in der Hand. Was man nicht sieht: Er warf auch Tabletten ein, Oxycodon etwa. Ein Opioid, also ein opiumähnlicher Stoff, stärker noch als Morphium, für das man aber im konservativen Alabama 2007 keine Dealer in düsteren Seitenstraßen ansteuern musste. Schüler vertickten Pillen, die ihnen ihr Arzt verschrieben hatte oder die sie aus den Arzneischränken ihrer Eltern geklaut hatten. Für viele Teenager, auch aus wohlhabenden Elternhäusern, war der Konsum so normal wie Cannabis oder Bier, für einige der Anfang einer Sucht. James Bell starb 2011 mit 22 Jahren an einer Überdosis.

          Mitte der neunziger Jahre begann, was heute als Opioid-Krise bekannt ist. Seither haben mehr Amerikaner ihr Leben durch eine Überdosis Opiate verloren als in den Kriegen in Vietnam, dem Irak und Afghanistan zusammen, bis 2017 waren es rund 400.000. Rund elf Millionen gaben laut einer Umfrage des Gesundheitsministeriums an, 2016 ein Schmerzmedikament missbraucht zu haben, fast drei Millionen gelten heute als opiumsüchtig. Das betrifft nicht nur Arme in Großstädten – die höchsten Todesraten sind in ländlichen Regionen wie West Virginia zu beobachten. Donald Trump rief 2017 den Notstand aus, er schiebt die Schuld auf mexikanische Drogendealer. Doch vier von fünf heroinsüchtigen Amerikanern haben mit verschreibungspflichtigen Schmerzmitteln angefangen, meist angefixt von ihren Hausärzten. Besonders mit einem Medikament: Oxycontin, das vom amerikanischen Hersteller Purdue Pharma in einer gigantischen Werbekampagne vermarktet wurde und heute oft für die Opioid-Krise allein verantwortlich gemacht wird.

          Die schmerzstillende Wirkung aller Opioide wird an der des Morphiums gemessen. Tramadol hat nur ein Zehntel des Effektes, Oxycodon – der Wirkstoff in Oxycontin – den doppelten, und Heroin wirkt etwa 2,5-fach so stark. Die Substanzen hemmen die Schmerzempfindung im zentralen Nervensystem, wirken einschläfernd und dämpfen den Atemantrieb; Menschen, die eine Überdosis konsumieren, hören auf zu atmen. Opioide erzeugen auch den berüchtigten Rausch, hüllen einen in eine Wolke gelassener Glückseligkeit, in der einem die Welt nichts anhaben kann. Schnell entwickelt sich eine Toleranz, dann braucht man mehr. Wegen des großen Suchtpotentials gaben Mediziner die Mittel nur über kurze Zeit, etwa Krebspatienten mit starken Schmerzen.

          Schmerzmittel-Hersteller spielten Suchtpotential herunter

          In den Neunzigern suchten Pharmafirmen nach Blockbustern – Medikamenten, die ihnen mehr als eine Milliarde Dollar im Jahr einbrachten. Purdue setzte auf Oxycontin, das länger wirkt als andere Oxycodon-Präparate und angeblich so gut wie nicht abhängig macht. Eine Lüge, aber Purdue verbreitete sie so überzeugend, dass die staatliche Zulassungsbehörde FDA daran glaubte wie Hausärzte in Colorado. Die Firma gab in einem Jahr 200 Millionen Dollar für Marketing aus, sponserte Kongresse und medizinische Fachgesellschaften, Patientengruppen und andere Organisationen. Diese setzten sich wiederum dafür ein, dass Schmerzen gezielter behandelt werden müssten. Ein Heer speziell trainierter Verkäufer umschwärmte die Hausärzte, verteilte Gutscheine und Probepackungen und wiederholte immer wieder dieselbe Botschaft, die auch Werbevideos über die Fernsehbildschirme den Menschen im ganzen Land mitteilten: Alles, was sie bisher über Opiate gewusst hätten, sei im Grunde falsch. Amerikaner litten unter chronischen Schmerzen. Ärzte würden ihre Patienten gefährden, würden sie ihnen die beste Therapie verweigern. Und: Weniger als ein Prozent der Patienten mit Schmerzen, die Opioide einnehmen, würden abhängig. Das wurde mit Studien untermauert, die Eindruck schindeten, aber wenig Substanz hatten.

          Bild: F.A.Z-Grafik/heu.

          Stattdessen sind es in anderen Studien zur Langzeiteinnahme von Opioiden bis zu fünfzig Prozent. Der Hersteller spielte das Suchtpotential auch herunter, indem Purdue versuchte, eine Diagnose der „Pseudoabhängigkeit“ zu etablieren, wie Unterlagen aus Gerichtsverfahren in den Staaten Minnesota und Colorado ausführen: Patienten, die süchtiges Verhalten zeigten, seien gar nicht abhängig, sie hätten tatsächlich nur starke Schmerzen und müssten noch mehr Opioide bekommen. Eine ehemalige Angestellte von Purdue berichtete gegenüber dem Nachrichtenmedium CBS News, wie sie in ihrem Verkaufstraining 2008 geeicht wurde, Ärzten diese „Krankheit“ nahezubringen, auch ohne valide Studien.

          High vom Hausarzt

          Im Jahr der Markteinführung 1996 wurde Oxycontin in Amerika etwa 316.000 Mal verschrieben, in den Jahren 2001 und 2002 waren es 14 Millionen Rezepte im Wert von drei Milliarden Dollar. Palliativpatienten waren längst nicht mehr die Einzigen, nun konnte jeder Oxycodon verordnet kriegen, etwa Hausfrauen mit Kopf- oder Rückenschmerzen oder Teenager, die sich beim Sport verletzt hatten. Und statt ein paar Pillen kriegten Patienten meist gleich eine ganze Büchse. Bis 2004 wurde Oxycontin gemäß Erhebungen von Purdue zum am häufigsten missbrauchten Schmerzmedikament in den Vereinigten Staaten. Es entstanden „Pill Mills“, wo Rezepte gegen Bargeld ausgestellt wurden, und das massenweise.

          Dieser Frau, die high durch Philadelphia irrt, wird von Sanitätern geholfen.
          Dieser Frau, die high durch Philadelphia irrt, wird von Sanitätern geholfen. : Bild: Focus

          Andere Pharmahersteller zogen nach und verkauften eigene Oxycodon-Präparate. Doch der öffentliche Druck auf Purdue wurde größer, da sich nicht verheimlichen ließ, dass Oxycontin wie alle anderen Opioide eben auch abhängig macht: In Kentucky zum Beispiel hatte sich die Zahl derer, die eine Entzugstherapie machen wollten, in den Jahren nach der Markteinführung verfünffacht, und ein Großteil dieser Süchtigen nahm Oxycontin; West Virginia musste zur Jahrtausendwende seine erste Methadon-Entzugsklinik eröffnen. In einem Gerichtsverfahren gestand Purdue 2007 ein, um das Suchtpotential Oxycontins gewusst und die Nebenwirkungen heruntergespielt zu haben.

          Fentanyl ist das gefährliche Teufelszeug

          Die FDA verschärfte die Regulierungen, und 2010 modifizierte Purdue sein Präparat so, dass es nicht mehr zerbröselt und geschnupft werden konnte, um sich im früheren Ausmaß daran zu berauschen. Mit Opioiden hört man aber nicht einfach auf: Der Entzug bedeutet die schwersten vorstellbaren Schmerzen, kalten Schweiß, Erbrechen und ein Gefühl von Trauer, das sogar den Tod begrüßenswert erscheinen lässt. Zahlreiche Amerikaner stiegen auf das billigere und laut Berichten der amerikanischen Drogenvollzugsbehörde DEA leichter verfügbare Heroin um. In einigen Städten wie Minneapolis starben 2011 dreimal so viele Menschen an einer Heroin-Überdosis wie im Vorjahr. Im Gegensatz zu den Oxycontin-Tabletten war die Droge gestreckt und verunreinigt, die Dosis immer unklar. Der Stoff stammte meist aus Mexiko, zwischen 2008 und 2012 verdreifachte sich die an der Grenze beschlagnahmte Menge.

          Das gefährlichere Teufelszeug ist jedoch Fentanyl. Es ist etwa 120 Mal stärker als Morphium und führt seit rund sieben Jahren zu zahlreichen Todesfällen in den Vereinigten Staaten. Anders als Heroin lässt es sich im Labor herstellen. Ein Teil wird in China produziert und in Tütchen, als Kosmetikprodukt getarnt, ins Land geschmuggelt; mit einer Reinheit von bis zu 90 Prozent können niedrige Dosen tödliche Folgen haben. Ein Polizist in Ohio fiel ins Koma, nachdem er das Pulver nur mit der Hand berührt hatte. Ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. 2017 verschrieben Ärzte zwar weniger Opioide als im Vorjahr, doch genug, dass fast jeder Erwachsene eine Packung hätte kriegen können. Gegen Purdue Pharma laufen Tausende Gerichtsprozesse. Die Firma hat 2019 Insolvenz angemeldet, doch das Privatvermögen der Eigentümer-Familie Sackler wird auf 13 Milliarden Dollar geschätzt. Purdue muss nun vermutlich Entschädigungen in Milliardenhöhe zahlen. Davon haben Süchtige, die in West Virginia oder Kentucky nach dem nächsten Schuss suchen, allerdings wenig.

          Suchtmediziner, unter anderem der Harvard Medical School, befürchten in einem Kommentar in „Nature Medicine“, durch die Corona-Krise könnte es noch mehr Opioid-Tote geben. In den vergangenen Wochen war es für Dealer und Süchtige schwierig, Drogen zu beschaffen. Abhängige unterschätzen zudem, dass ihr Körper schnell an Toleranz verlieren kann: Konsumieren sie nach einer Pause ihre alte Dosis, ist die viel zu stark. So erging es allem Anschein nach Popsänger Prince und Schauspieler Philip Seymour Hoffman und wahrscheinlich vielen anderen, unbekannten Amerikanern, wie James Bell einer war.

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