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Doping : Die Normalität der Abweichung

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Selbst wenn Doping die Erfolgschancen nur leicht erhöht, ist es attraktiv, entscheiden doch oft schon kleinste Leistungsunterschiede über Sieg oder Niederlage. Bild: Reuters

Wo liegen die sozialen Ursachen für Doping? Warum abweichendes Verhalten oft eine übersteigerte Art der Anpassung ist.

          Angesichts immer neuer Enthüllungen könnte man bezweifeln, dass Doping im Sport überhaupt noch als eine Form „abweichenden Verhaltens“ aufgefasst werden kann. Zu selbstverständlich und unausweichlich scheint in vielen Sportarten der Griff in den Medizinschrank zu sein. Doch trotz einiger Stimmen, die deshalb für eine Legalisierung plädieren, verstößt Doping gegen Normen des Sports und in vielen Ländern auch gegen einschlägige Gesetze.

          Wenn abweichendes Verhalten dennoch zur Regel wird, reicht eine Erklärung mittels individueller Merkmale nicht mehr aus. Sowohl die Anregungen dazu, abzuweichen, als auch die Mittel dafür haben offensichtlich soziale Ursprünge: Die Abweichung ist Folge sozialer Strukturen, die den offiziellen oder den legalen entgegenstehen. Darunter kann man sich zum Beispiel abweichende Ziele und Werte vorstellen: In der Mafia, in Drogengangs und in anderen kriminellen Subkulturen werden demnach andere Maßstäbe angelegt, zum Beispiel was Gewaltausübung betrifft, und vom Rest der Gesellschaft nicht geteilte Ziele verfolgt.

          Diese geläufige Interpretation abweichenden Verhaltens hielt der Soziologe Robert K. Merton schon vor mehr als fünfzig Jahren für unzureichend. Schließlich lehnen Kriminelle und andere Abweichler häufig gar nicht die offiziellen Ziele einer Gesellschaft ab, sie greifen lediglich auf andere Mittel zurück, um diese zu erreichen.

          Man könnte sagen: Auch Diebe streben nach Wohlstand, sie haben nur einen besonderen Beruf. Der Grund für abweichendes Verhalten liege, so Merton, in der Spannung zwischen den legitimen Zielen und dem faktischen Zugang zu geeigneten Mitteln: Wer nicht in der Lage ist, auf kulturell legitimiertem Wege zum Ziel zu kommen, wählt eben einen anderen.

          „Über-Konformität“

          In ihrer Studie zu „Doping im Hochleistungssport“ verweisen die Soziologen Karl-Heinrich Bette und Uwe Schimank auf Mertons Theorie abweichenden Verhaltens. Sie beschreiben Doping als eine „illegitime Innovation“, die den Athleten eine Option biete, das legitime Ziel des sportlichen Erfolgs mit nicht lizenzierten Mitteln, dafür aber mit einer höheren Gewissheit zu erreichen.

          Selbst wenn Doping die Erfolgschancen nur leicht erhöht, ist es attraktiv, entscheiden doch oft schon kleinste Leistungsunterschiede über Sieg oder Niederlage, und am Ende zählt eben nur der Sieg. Das Doping-Problem ist also eine Folge der außerordentlichen Knappheit des legitimen Zugangs zum Erfolg. Sportsoziologen sprechen von einer „Über-Konformität“ der Athleten, die sich die Normen sportlichen Erfolgs ohne Abstriche zu eigen machen.

          Doping bietet aber nicht nur eine andere Möglichkeit der Zielerreichung, sondern - so zumindest der oberflächliche Eindruck - auch eine effektivere. Es ist deshalb eine wichtige Frage, ob man anderen unterstellen muss, sich auf diese Weise einen Vorteil zu schaffen. Das Problem ist: Niemand weiß, wie verbreitet Doping ist.

          Schätzungen viel höher als Testergebnisse

          Doping-Tests haben in weniger als zwei Prozent der Fälle ein positives Ergebnis, während die Schätzungen des tatsächlichen Gebrauchs deutlich höher liegen. In einer kürzlich erschienenen Studie australischer Forscher gaben die befragten Sportler beispielsweise an, dass knapp 30 Prozent aller Athleten leistungsfördernde Substanzen benutzten.

          Entweder können die Befragten also die Dunkelziffer besser einschätzen - oder sie irren sich und überschätzen die Verbreitung von Doping. Beides wäre keine gute Nachricht, denn bereits die Vermutung weitverbreiteten Dopings kann zu einer „selbsterfüllenden Prophezeiung“ führen: Die Athleten gehen davon aus, dass ihre Konkurrenten zu verbotenen Mitteln greifen, und dies reicht, um es selbst zu tun.

          Eine Besonderheit des Dopings im Vergleich zu anderen Formen abweichenden Verhaltens liegt hierbei in der sportlichen Konkurrenzsituation: Man muss damit rechnen, mit den legitimen Mitteln ins Hintertreffen zu geraten. Doping kann dadurch so sehr zur Normalität werden, dass man sich beinahe dafür rechtfertigen muss, es nicht zu tun.

          „Präventivwirkung des Nichtwissens“

          Interessanterweise ergaben die Befragungen markante Unterschiede zwischen den Einschätzungen der Doping-Häufigkeit in der eigenen Disziplin und in anderen Sportarten. Der eigene Sport wurde als deutlich „sauberer“ bewertet, im Durchschnitt um beinahe die Hälfte. Im Fußball zum Beispiel lagen die Schätzungen bei nur 10 Prozent. Man könnte meinen, dass in der eigenen Sportart das tatsächliche Verhalten der anderen besser beobachtet werden kann, so dass Vermutungen eine geringere Rolle spielen.

          Dagegen spricht jedoch, dass vor allem jüngere Sportler zu einer freundlicheren Beurteilung der eigenen Disziplin tendierten. Ob es Sinn ergeben könnte, diese Naivität zu erhalten und stärker auf die „Präventivwirkung des Nichtwissens“ (Popitz) zu setzen, wäre eine interessante Frage für die Anti-Doping-Politik.

          Bette, Karl-Heinrich; Schimank, Uwe (2006): Doping im Hochleistungssport: Anpassung durch Abweichung. 2. Aufl. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

          Moston, Stephen; Engelberg, Terry; Skinner, James (2015): Self-fulfilling prophecy and the future of doping. In: Psychology of Sport and Exercise 16 (Part 2), S. 201-207.

          Heinrich, Popitz (1968): Über die Präventivwirkung des Nichtwissens: Dunkelziffer, Norm und Strafe. Tübingen: Mohr. Merton, Robert K. (1957): Social Theory and Social Structure. 2. Aufl. Glencoe: Free Press.

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