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Digitaler Ratgeber : Mit Wikipedia durch die Corona-Kontroversen

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Jens Spahn (rechts), Bundesminister für Gesundheit, und Lothar Wieler (links), Leiter des deutschen Robert-Koch-Instituts (RKI), auf dem Weg zu einer Pressekonferenz zur Corona-Lage in Deutschland. Bild: dpa

Die Flut an Expertenmeinungen, die noch dazu krass abweichen können, überfordert viele. Wem soll man glauben, wenn die Wissenschaft vielstimmig auftritt? Eine Checkliste für Laien. Ein Gastbeitrag.

          5 Min.

          Das neuartige Coronavirus bedroht unser Leben in einem bislang kaum gekannten Ausmaß. Aber es stellt unsere Gesellschaft zugleich auch vor ein massives Erkenntnisproblem. Seit dem ersten registrierten Auftreten menschlicher Infektionen im Dezember 2019 hat die Wissenschaft vieles über dieses Virus und seine Auswirkungen auf den Menschen dazugelernt. Aber über wichtige Fragen gibt es nach wie vor keinen wissenschaftlichen Konsens: Wie hoch ist die tatsächliche Infektionssterblichkeit? Wie genau wird sich die Pandemie weiterentwickeln? Wie wirksam sind bestimmte Schutzmaßnahmen? Wenn man fragt, was die Wissenschaft zu diesen Fragen sagt, wird man gegenwärtig keine eindeutige Auskunft bekommen.

          Christian Drosten sieht Deutschland im Herbst 2020 am Anfang einer potentiell gefährlichen Entwicklung. Hendrik Streeck schätzt dagegen die gegenwärtige Situation als eher entspannt ein. Sucharit Bhakdi schließlich hält die Corona-Epidemie für nicht gefährlicher als eine saisonale Grippe und die Todeszahlen primär für ein Konstrukt unserer Zählweise. Für Naturwissenschaftler sind Kontroversen über neuartige Phänomene weder ungewöhnlich noch bedrohlich. Angesichts der immer noch lückenhaften Datenbasis versuchen sie, im Wettbewerb um die besten Ideen der Wahrheit Schritt für Schritt näher zu kommen. Damit kann die Wissenschaft gut leben. Ganz anders Gesellschaft und Politik. Beide sind dringend auf eindeutige (wenn auch nicht sichere) Urteile über die relevanten Fakten angewiesen. Nur so können wichtige individuelle und politische Entscheidungen schnell getroffen werden.

          Lässt sich die Diskrepanz zwischen der Vielheit der Stimmen aus der Wissenschaft und den eindeutigen, gesellschaftlich erhofften Antworten beheben? Öffentlichkeit und Politik könnten versucht sein, diejenigen Antworten auszuwählen, die ihnen am plausibelsten erscheinen. Doch das würde auf eine unverantwortliche Selbstüberschätzung hinauslaufen. Warum sollte jemand, der selbst kein Experte für Virologie, Epidemiologie oder Immunologie ist, beurteilen können, welche Expertenmeinung wahr ist?

          Wikipedia ist ein guter Kompromiss

          Es gibt für den Laien jedoch eine andere Möglichkeit, die maßgebliche unter den vielen Stimmen der Wissenschaft zu identifizieren. Zunächst sollte er nur diejenigen Personen unter den selbsterklärten Experten berücksichtigen, die wirklich einschlägig für das fragliche Thema sind. Ein einschlägiger Experte hat die nötige Spezialisierung, ist ein echter Wissenschaftler und forscht aktiv. Doch selbst einschlägige Expertinnen sollten nicht berücksichtigt werden, wenn sie inkompetent urteilen, weil ihr Urteil interessenabhängig ist oder weil sie einfach handwerkliche Fehler machen. Schließlich sollte der Laie prüfen, ob es unter den verbleibenden Personen eine sich abzeichnende Mehrheitsmeinung gibt. Wissenschaftliche Expertinnen erfüllen beide Bedingungen. Wenn man also nach der Wahrheit sucht, sollte man sich nach der Mehrheitsmeinung von Experten richten.

          Es mag überraschen, dass der Laie erkennen können soll, ob eine Expertin wirklich einschlägig ist, ob es berechtigte Bedenken gegen die Kompetenz ihres Urteils gibt und welche Mehrheitsmeinung sich unter den relevanten Expertinnen abzeichnet. Schaut man genauer hin, dann ist es tatsächlich gar nicht so schwer, wie es zunächst aussieht.

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