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Studie zur Gleichstellung : Ein Hausmann ist kein Hedonist

  • -Aktualisiert am

Väter sind am zufriedensten, wenn sie möglichst Vollzeit oder gleich noch länger arbeiten – stimmt das? Bild: dpa

Welche Auswirkungen hat die Elternzeit auf die Lebenszufriedenheit der Mütter und Väter? Die unerschöpflichen Datenquellen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) versprechen darauf eine Antwort.

          Väter sind am zufriedensten, wenn sie möglichst Vollzeit oder gleich noch länger arbeiten. Und nicht etwa zu Hause Zeit mit ihren Kindern verbringen müssen. Wirklich? Klingt irgendwie nach einem üblen Klischee. Was ist mit den Elternzeit-Papis? Mit der Gleichberechtigung und Work-Life-Balance? Ist das alles falsch oder selbst nur ein Klischee? Im internationalen Vergleich gilt die Arbeitsteilung zwischen Vätern und Müttern in Deutschland bekanntlich als eher konservativ: Männer und eben insbesondere Väter arbeiten hier mehr und länger als Frauen und Mütter, und die Väter arbeiten nach der Geburt eines Kindes sogar noch mehr als vorher, während die Mütter ihre Arbeit reduzieren oder ganz einstellen. Das ist unstrittig. Der Streit geht darum, welche Auswirkungen das auf die Lebenszufriedenheit der Betroffenen hat. Wäre es nicht großartig, wenn man exakt berechnen könnte, wie viel Arbeitszeit der höchsten Lebenszufriedenheit entspricht?

          Die unerschöpflichen Datenquellen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) versprechen auch darauf eine Antwort. Seit 1984 werden dessen Teilnehmer schon nach ihrer Lebenszufriedenheit befragt. Der Marburger Soziologe Martin Schröder hat aus den vorhandenen drei Theorien zum Zusammenhang von Arbeitszeit und Lebensqualität eine Reihe von Hypothesen gebildet und diese mit den Befunden des SOEP zu fast 58 000 Individuen überprüfen können. Erstens könnte die Lebensqualität am höchsten sein, wenn sich Väter und Mütter einfach an klar definierten traditionellen Rollenerwartungen orientieren könnten. Oder zweitens: Es ist der Mix von Arbeit und Familie, von bezahlter und unbezahlter Zeit, der die höchste Zufriedenheit bringt. Und drittens schließlich, man orientiert sich am besten an der Marktlage: Dann geht eben derjenige am meisten arbeiten, der auch das meiste Geld nach Hause bringt. Es gibt tatsächlich noch keine empirische Studie, welche die Überlegenheit einer dieser Theorien über die anderen nachgewiesen hätte. Was erreicht hier Schröders Untersuchung?

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          Seine Ergebnisse bestätigen schon auf dem ersten Blick die unstrittige Ausgangslage: 90 Prozent aller befragten Väter arbeiten, aber nur 56 Prozent der Mütter. Diese arbeiten im Durchschnitt auch nur 28 Stunden, Väter dagegen 45. Die Lebenszufriedenheit wird im SOEP auf einer Skala von 1 bis 10 gemessen, wobei der Wert 10 die höchste Zufriedenheit bedeutet. Schröder kommt dabei zu dem erstaunlichen Befund, dass die Väter, die am längsten arbeiten (also über 50 Stunden in der Woche), mit 7,1 auch die höchsten Zufriedenheitswerte äußern. Doch auch die Zufriedenheit von Müttern mit über 50 Wochenstunden liegt mit einem Wert von 6,85 kaum unter jener der Väter. Dennoch unterscheiden sich Väter und Mütter deutlich: Die Lebenszufriedenheit von Müttern ist von ihrer Arbeitszeit relativ wenig beeinflusst, sie schwankt im Durchschnitt kaum zwischen 7,2 und 7,3 Punkten. Bei Vätern dagegen gibt es diesen klaren linearen Anstieg von Zufriedenheit und wöchentlicher Arbeitszeit. Verspricht die Flucht vor dem Nachwuchs in den Job wirklich das höchste Glück?

          Sind weniger arbeitende Väter in Familien zufriedener?

          Natürlich muss man ein solches Ergebnis auf Kontrollvariablen testen, also Alter, Einkommen, Familienstand oder die Gesundheit. Es könnte ja sein, dass die reduzierte Arbeitszeit eine Folge von Arbeitslosigkeit oder Erkrankungen ist, was sich dann natürlich negativ auf die Lebenszufriedenheit auswirken würde. Doch auch wenn Schröder seine Befunde gegenüber solchen indirekten Effekten absichert, bleiben sie bestehen. Papas wollen arbeiten, weil sie das zufriedenstellt. Oder doch nur weil es sie wohlhabender macht? Wo Schröder sich nur mit jenen Familien befasst, in denen die Mutter einen höheren Stundenlohn für ihre Arbeit erzielt als der Vater, da wäre es zwischen solchen Paaren ökonomisch sinnvoller, wenn sie mehr arbeitet als er. Sind die weniger arbeitenden Väter in solchen Familien denn zufriedener? Nein, auch dort steigt die Zufriedenheit der Männer, wenn sie mehr arbeiten, obwohl ihre Frauen ein höheres Haushaltseinkommen erzielen könnten, wenn sie anstelle ihres Partners mehr arbeiten würden. Die Herren der Schöpfung scheinen es einfach nicht lassen zu können, sie müssen raus und sich auch dann im Job beweisen, auch wenn das in diesen Fällen ökonomisch eigentlich irrational ist.

          Schröders Studie kann am Ende nur einräumen, dass die traditionelle Rollen-Theorie den Zusammenhang von Arbeitszeit und Lebenszufriedenheit von Vätern und Müttern immer noch am besten erklärt. Natürlich hat er diesen Befund darauf geprüft, ob sich dahinter ein Kohorteneffekt verbirgt. Doch auch wenn er die Befragten in Altersgruppen aufteilt, also in vor, während und nach den 60er Jahren Geborene, ändert sich am Ergebnis nichts. Insgesamt zeige eine 80-zu-20-Aufteilung der Arbeitszeit zwischen Vater und Mutter die höchste kombinierte Lebenszufriedenheit, so Schröder. Das ist nicht egalitär, aber es scheint unter den gegebenen Umständen noch am ehesten glücklich zu machen.

          Martin Schröder: Wie Arbeitszeiten die Lebenszufriedenheit von kinderlosen Männern und Frauen sowie Vätern und Müttern beeinflussen, in: Zeitschrift für Soziologie 2018: 47 (1), 65–82.

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