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Scheidungscharaktere : Scheidungsakte Hinz und Kunz

  • -Aktualisiert am

Nach dem Effekt des Charakters der Partner auf die Stabilität ihrer Ehe zu fragen, wurde bislang noch wenig beachtet. Bild: dpa

Vorbei die Zeiten, da das Ausbrechen aus einer Ehe auf eine starke Persönlichkeit schließen ließ. Die Scheidung ist heutzutage eher eine durchschnittliche Lösung von Eheleuten durchschnittlicher Persönlichkeit.

          Warum halten eigentlich nicht alle Ehen? Sind manche von ihnen schon von Anfang an scheidungsgefährdeter als andere? Die Familiensoziologie beobachtet nicht nur das Auf und Ab der Trennungsraten, sie will auch herausfinden, was die vorzeitige Auflösung des Lebensbundes wahrscheinlicher macht. Natürlich geht es dabei vor allem um soziale Faktoren – zunächst die Rechtslage, dann die Dauer der Ehe, das Alter der Ehepartner, Anzahl und Alter der Kinder, religiöse Bindungen der Beteiligten, ihre Bildung und ihre berufliche Stellung, das Einkommen, Vermögen und schließlich die Erwerbsbiographie der Ehepartner. Bekanntlich hat insbesondere die Zunahme der Berufstätigkeit von Frauen die Bedeutung der Ehe als Versorgungsinstitution deutlich geschwächt, was wiederum einen starken Effekt auf die Zunahme von Scheidungen in den letzten Jahrzehnten hatte.

          Das ist alles bekannt und soziologisch intensiv erforscht. Schwieriger ist dagegen, nach dem Effekt des Charakters der Partner auf die Stabilität ihrer Ehe zu fragen. Schwieriger schon deshalb, weil allein die psychologische und soziologische Typisierung und Vermessung des menschlichen Charakters eine ziemliche Herausforderung darstellen. Und selbst wenn das gelingt, müsste man immer noch den Effekt des Charakters von dem der sozialen Faktoren trennen. Lassen sich etwa wohlhabende Egoisten eher scheiden als arme Egoisten? Oder angenommen, der Charakterzug Neugierde und Offenheit steigert die Wahrscheinlichkeit ehelicher Untreue und damit die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns der Ehe, wird dies dann durch den mäßigenden Einfluss des Bildungsstandes eventuell gebremst?

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          Das heute übliche Modell der Psychologie spricht von den „Großen fünf“ unter den Hauptdimensionen der menschlichen Persönlichkeit: Offenheit für Erfahrungen, Gewissenhaftigkeit, Extraversion (Geselligkeit), Verträglichkeit (als Gegenteil von Egoismus) und Neurozitismus (Labilität, Unsicherheit). Dabei wird davon ausgegangen, dass diese Persönlichkeitsmerkmale einen Effekt auf die Zufriedenheit in der Ehe haben.

          Soziale, spaßorientierte, gesprächige und gefühlsbetonte Menschen neigen zur Scheidung

          Als gesichert gilt, dass Verträglichkeit und Erfahrungsoffenheit einen positiven, Neurozitismus hingegen einen negativen Effekt auf die eheliche Zufriedenheit haben. Allerdings gibt es auch Studien, die den Einfluss von Erfahrungsoffenheit gerade anders sehen und in ihr eher ein Risiko für die Ehestabilität sehen. Doch trotz dieser unsicheren Datenlage haben Diederik Boertien und Dimitri Mortelmans jetzt den Versuch unternommen, den Einfluss des Charakters auf die Scheidungsrisiken nicht nur im Zeitverlauf zu studieren, sondern ihre Befunde sogar noch durch einen Vergleich von Daten aus Deutschland, Großbritannien und dem flämischen Teil Belgiens zu erhärten. Alle drei Länder verfügen über die dafür notwendigen Datensammlungen wie etwa das deutsche SOEP, das sowohl sozialstrukturelle wie psychologische Merkmale seiner Befragten in Zeitverläufen erfasst. Die Forscher konnten so die Entwicklung der Scheidungsraten von 1972 bis 2009 untersuchen.

          Alles in allem, fassen die Autoren die Ergebnisse ihrer Studie zusammen, erweisen sich die Persönlichkeitseffekte auf das Scheidungsrisiko beziehungsweise die Dauer von Ehen in den untersuchten Ländern als relativ stabil. Das gilt am deutlichsten für das Merkmal Extraversion: Soziale, spaßorientierte, gesprächige und gefühlsbetonte Menschen neigen eher zur Scheidung als etwa solche mit hohen Werten beim Merkmal Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit. Und auch Menschen mit einer starken Ausprägung von Neurotizismus müssen als scheidungsgefährdeter gelten. Am Ende kommt die Studie dann aber doch zu dem Ergebnis, dass Scheidungen heute von eher konventionellen Charakteren ausgehen, die obendrein noch von einer geringeren Gewissenhaftigkeit geprägt seien. Wie muss man sich solche Menschen vorstellen?

          Man könnte es so formulieren: Mit dem Verblassen der gesellschaftlichen Missachtung der Scheidung wurde sie auch für Durchschnittscharaktere ein normales Verhalten, wenn die Ehe in die Krise gerät: Wir beobachten also eine charakterliche Profanisierung der Scheidung. Es ist nicht mehr das unstillbare Verlangen nach Neuem, das Menschen aus Ehen ausbrechen lässt – selbst wenn das zu sozialen Nachteilen führen sollte. Es ist eher die durchschnittliche Lösung von Eheleuten durchschnittlicher Persönlichkeit, die mit der Trennung auch keine gesellschaftliche Ächtung mehr zu fürchten brauchen. Und eine Gewissensfrage ist die Scheidung auch nicht mehr, eher eine der Versorgungsansprüche und Rentenbescheide.

          Da es keine bürgerlichen Kreise mehr gibt, die eine geschiedene Frau nicht mehr „empfangen“ würden, muss einen auch nicht mehr allein die Raserei der Liebe zur Trennung zwingen, zumal Ehebruch ja ebenfalls nicht mehr überall als unanständig gilt. Das hätte man zwar bereits den großen literarischen Ehedramen wie „Effie Briest“ oder „Madame Bovary“ entnehmen können, aber dass man es jetzt sozio-charakterlogisch exakt nachrechnen kann, ist sicher auch ein bemerkenswerter Befund.

          Diederik Boertien, Dimitri Mortelmans: Does the relationship between personality und divorce change? A cross-country comparison of marriage cohorts, in: Acta Sociologica 2018, Vol. 61 (3).

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