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Soziologie des Trinkgelds : Der Glanz des Gebens

  • -Aktualisiert am

Ein Akt der Supererogation. Bild: dpa

Geben wir Trinkgeld, um beim nächsten Besuch wieder gut bedient zu werden? Oder um nicht vor aller Welt als unhöflich zu gelten? Gerade nicht, wie Soziologen herausgefunden haben.

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          Schon seit Jahrzehnten treibt das Trinkgeld die Sozialwissenschaften zur Verzweiflung. Zwei große Versuche haben sie bisher unternommen, es zu erklären, aber keiner von ihnen hat sich bewährt. Die erste, ökonomisch gedachte Erklärung hatte sich das Trinkgeld nach jenem Tauschmodell vorgestellt, dem auch das einfache und genaue Begleichen der Rechnung folgt. Indem man mehr gibt, als geboten ist und verlangt werden könnte, belohnt man die Vorzugsbehandlung durch den Kellner; oder man erwirbt für zukünftige Restaurantbesuche einen Anspruch darauf. Aber Trinkgelder empfängt auch der unbeflissene Durchschnittskellner, der sich nicht sonderlich anstrengt, und zwar auch von Gästen, die er nie mehr wiedersieht. Und manche Gäste zeigen sich sogar dann generös, wenn sie mit dem Service ersichtlich unzufrieden waren. Empirische Forschungen von Michael Lynn haben denn auch gezeigt, dass die Höhe des Trinkgeldes sich nicht nach dem Leistungsprinzip richtet.

          Seither gilt das Trinkgeldgeben als eine Sonderform von irrationalem Handeln, das man nur auf einen seinerseits irrationalen Zwang zurückführen kann. Der Überschuss über den Kaufpreis werde gezahlt, weil dies nun mal einer sozialen Norm entspreche. Diese Theorie hat ihre eigene Schwierigkeit darin, dass man das Trinkgeld verweigern kann und dass viele dies tun, ohne dafür bestraft zu werden; nicht einmal die unfreundlichen Blicke des Kellners müssen sie fürchten. Die beiden geläufigen Erklärungen des Trinkgeldes, jene ökonomische und diese soziologische, laufen jeweils für sich auf eine Paradoxie hinaus. Entweder es ist die Belohnung einer besonderen Leistung, die aber auch dem Leistungsverweigerer gezahlt wird, oder es entspricht einer sozialen Norm, von der abzuweichen aber nicht sanktioniert wird. Wo liegt der Fehler, den beide machen?

          Geben ist seliger als Nichtgeben

          Beide Deutungen stellen sich das Verhalten des Gebenden, und zwar gerade weil sie es erklären wollen, als gebunden und unfrei vor. Entweder es bindet ihn die Dankesschuld gegenüber dem Kellner, oder er folgt einer sozialen Konvention, die ihn zu ökonomisch unsinnigem Verhalten verpflichtet. Im einen Falle wird die Gabe unter der Hand zur Gegengabe erklärt, im anderen handelt es sich um eine entschädigungslose Zwangsabgabe wie bei den Steuern.

          In Wahrheit gehört das Trinkgeld zu einer dritten Gruppe von Handlungen, die man mit einem gewöhnungsbedürftigen Wort aus der Gnadenlehre des Mittelalters als „supererogatorisch“ bezeichnet. Handlungen dieser Art werden geschätzt, aber nicht vorgeschrieben. Ihr Modell liegt im opferbereiten Verhalten der Heiligen und Helden, die das Unverlangbare vollbrachten und gerade darum verehrt werden. Verglichen mit dem Verhalten von Steuerzahlern und Tauschpartnern, haben die supererogatorischen Handlungen einen wichtigen Vorzug: Gerade weil es keine Institution gibt, die sie erklärt, lenken sie daher die Aufmerksamkeit auf den Handelnden selbst. Sie verraten seinen Mitmenschen etwas über ihn und über seinen Charakter. Sie sind also, um es mit dem Soziologen Erving Goffman zu sagen, ein ideales Medium seiner Selbstdarstellung.

          Spendabilität ist Selbstauskunft

          Das alles gilt auch für das Trinkgeld, dem Freiwilligkeit wesentlich ist. Nur weil der Gast die Option hat, die zusätzliche Gabe zu verweigern, kann er damit, dass er sie gibt und wie er sie gibt, etwas über sich selbst mitteilen. Weder das ökonomisch rationale noch das pflichtgemäße Handeln sind sonderlich ausdrucksstark. Gibt man dagegen freiwillig, wird man sogleich als Person sichtbar, und zwar umso mehr, je weniger Gründe die Situation dafür bietet. Gerade die großzügigen und unmotivierten Trinkgelder tragen nicht nur den Dank des Empfängers, sondern auch die Achtung der Zuschauer ein, und wie manche Untersuchungen zeigen, fallen sie noch üppiger aus, wenn die Gäste nicht allein essen, sondern in Begleitung erscheinen.

          Als Darstellung, dass man sich Großzügigkeit leisten kann und zu ihr bereit ist, kommt der Ausdruckswert des Trinkgeldes an den einer Einladung zum Essen heran, und zwar gerade dann, wenn sicher ist, dass man den Kellner nicht wiedersehen wird, weil dann die Hoffnung auf Erwiderung als Motiv ausscheidet: Man gibt nicht, um sich das Recht des Stammkunden auf Vorzugsbehandlung zu sichern. Ähnlich wirkt es, wenn das Trinkgeld auch nach unauffälliger Leistung des Kellners gegeben wird, denn auch das beschwichtigt den Verdacht auf das Mitwirken eigener Interessen: Man gibt nicht, um sich aus einer Dankesschuld gegenüber dem perfekten Kellner zu lösen, man lässt sich also nicht von seinen Leistungen, sondern von seinen vermuteten Bedürfnissen motivieren. Das Trinkgeld trotz mitgeteilter Unzufriedenheit ist der stärkste Fall dieser Art. Als reine Gabe zeigt es den Gast nicht als Interessenten, sondern als uneigennützigen Menschen – also genau so, wie er auch bei der Einladung zum Essen erscheinen möchte, damit es nicht so aussieht, als würde er den Empfänger oder die Empfängerin dieser Einladung verpflichten wollen.

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