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Soziale Systeme : Schichtung ohne Funktion

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Soziale Ungleichheit: Würde unsere moderne Welt als Klassengesellschaft funktionieren? Bild: dpa

Wäre die moderne Welt tatsächlich eine echte Klassengesellschaft, würde sie nicht mehr funktionieren. Doch woran liegt das eigentlich?

          Wenn soziale Ungleichheiten zum Thema der Wissenschaft oder der Politik werden, dann geht es nicht um jene Unterschiede, die tagtäglich in Schulen, Unternehmen und anderswo durch Leistungsvergleiche produziert werden. Man setzt sich nicht für die schlechten Schüler ein, sondern für jene, die aufgrund ihrer Herkunft, zum Beispiel aus einem Arbeiterhaushalt, schlechtere Startchancen haben. Es ist ein Problem der modernen Gesellschaft, dass sie die Herkunft der Individuen in den meisten Bereichen nicht mehr für relevant hält, aber gleichzeitig nicht verhindern kann, dass sie oft dennoch eine Rolle spielt.

          In einem kürzlich aus dem Nachlass des Soziologen Niklas Luhmann publizierten Text, der bereits in den 1970er Jahren als Teil eines umfangreicheren Manuskripts zur Gesellschaftstheorie verfasst wurde, wird diese Ambivalenz der Moderne analysiert. Dazu distanziert er sich zunächst von Versuchen, die moderne Gesellschaft ausschließlich als eine „Klassengesellschaft“ zu beschreiben. Man müsse keineswegs leugnen, dass es eine Ungleichverteilung von Lebenschancen und Lebensstilen gebe – er spricht hier, wie viele Soziologen, von gesellschaftlichen „Schichten“. Doch neben der Schichtung gebe es in der modernen Gesellschaft eben ein anderes, konkurrierendes Prinzip gesellschaftlicher Differenzierung: die Unterscheidung funktionaler Teilbereiche wie Wirtschaft, Politik, Wissenschaft usw.

          Diese Funktionsbereiche lassen sich nicht auf Schichtung reduzieren oder aus ihr ableiten – weder in dem Sinne, dass jede Schicht ihr eigenes Teilsystem pflegte, noch in dem, dass sie alle nur einer Schicht zugutekämen oder von dieser beherrscht würden. Ganz im Gegenteil ist zu beobachten, dass die funktionale Differenzierung der Gesellschaft Folgen für die Schichtung hat, die diese zunehmend unter Druck setzen.

          Schichtung ist die ältere dieser beiden Differenzierungsformen. Vormoderne Gesellschaften, wie zum Beispiel die mittelalterliche Ständegesellschaft, lassen sich am besten als Schichtungsgesellschaften begreifen: Die Rangordnung der Schichten war nicht nur allgemein bekannt und verbindlich, sondern prägte auch die Alltagssituationen. Man musste wissen, welcher Schicht andere (und natürlich man selbst) angehörten, um sich ihnen gegenüber richtig zu verhalten – eingeschlossen mögliche Zwänge, den Kontakt mit ihnen zu vermeiden. Der Großteil der Kontakte, insbesondere Ehen und andere langfristige Beziehungen, fanden innerhalb der eigenen Schicht, also mit Ranggleichen statt.

          Die Koordination der modernen Gesellschaft kann nicht mehr nebenbei erledigt werden

          Vor allem in der Oberschicht machte die überschaubare Zahl ihrer Mitglieder es möglich, sie an einem Ort zusammenzuziehen, zum Beispiel als höfische Gesellschaft. Ein für die gesellschaftliche Entwicklung vorteilhafter Nebeneffekt derartiger Kontaktverdichtung lag darin, dass auf diese Weise die Anforderungen unterschiedlicher Teilbereiche der Gesellschaft integriert werden konnten: Der Austausch zwischen politischen, wirtschaftlichen und religiösen Eliten wurde erleichtert, weil das jeweilige Personal sich auf der Basis der gemeinsamen Schichtzugehörigkeit leicht verständigen konnte.

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          Doch mit dem allgemeinen Bedeutungsverlust von Schichtung ist diese integrative Funktion der Oberschicht weitgehend abhandengekommen. Über Schichtgrenzen hinweg gibt es heutzutage viele Kontaktmöglichkeiten und -erfordernisse, die der Schichtzugehörigkeit gegenüber indifferent sind. Dazu trägt vor allem bei, dass es in praktisch allen Funktionssystemen der modernen Gesellschaft ein „Erfordernis der Inklusion“ gibt: Politik, Wirtschaft und andere Bereiche bieten deshalb prinzipiell allen Beteiligungsmöglichkeiten – zumindest als Laien, Wähler oder Konsumenten. Man handelt dort als Individuum, während die Familie auf zwei Generationen schrumpft und, so Luhmann, als zunehmend „geschichtsloses und zukunftsloses“ Projekt auf Zeit kaum mehr zur Verankerung in einer sozialen Schicht beiträgt. Gerade weil im Haushalt der modernen Kernfamilie andere Schichten nicht einmal mehr als Dienstpersonal vorkommen, wird der Nachwuchs gar nicht für Schichtdifferenzen sensibilisiert.

          Schließlich arbeitet auch das Größenwachstum der modernen Gesellschaft gegen Schichtung: Diese wird zu groß und zu komplex, um durch eine relativ kleine Gruppe integriert zu werden. Das gilt erst recht auf globaler Ebene: Hier ist schon angesichts der unterschiedlichen Traditionen eine einheitliche Oberschicht nicht vorstellbar. Der Zugang zu einflussreichen Positionen hängt nicht mehr von der Schichtzugehörigkeit ab, sondern von beruflicher Qualifikation – und von einer „strapazierfähigen gesundheitlichen Kondition“, um auch lange Sitzungen überstehen zu können. Die Koordination der modernen Gesellschaft kann eben nicht mehr nebenbei erledigt werden, während man eigentlich mit Beziehungspflege beschäftigt ist, sondern ist zur harten Arbeit geworden. Die aber überlässt man im Zweifelsfall lieber dem dafür abgestellten Personal.

          Niklas Luhmann (2017), „Zur Innendifferenzierung des Gesellschaftssystems: Schichtung und funktionale Differenzierung“. In: Soziale Welt 68 (1), S. 5-24.

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