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Paläo-Kunst : Michelangelo bei den Dinosauriern

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Die Sixtinische Kapelle der Paläo-Kunst: Ausschnitt aus Rudolph Zallingers „Das Zeitalter der Reptilien“, das der Künstler mitten im Zweiten Weltkrieg begann. Seither haben sich unzählige Illustratoren aus diesem Werk bedient. Bild: Abbildung aus dem besprochenen Band.

Urzeit-Landschaften in Öl oder Aquarelle von Mammuts und Frühmenschen – bis heute gilt die malerische Beschäftigung mit der Naturgeschichte als Kitsch oder Kinderkram. Ein neues Buch feiert das Genre dagegen als große Kunst. Und das völlig zu Recht.

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          Wer mit diesem Buch im Bett oder auf dem Sofa sitzt – und so lassen sich solche Großformate ja doch am besten lesen –, kann dabei schnell in folgendem Tagtraum versinken: Es wird dunkel in irgendeiner großen Stadt, in Deutschland, Frankreich, Amerika oder Russland. Der Herbst ist da, es regnet etwas, aber dadurch wirkt das hell erleuchtete Museum noch feierlicher. Viele Menschen haben diesen Abend mit Spannung erwartet. Die Kunstwelt hat sich versammelt, gekommen sind auch die Wissenschaftler. Das Forschungsministerium schickt einen Redner, die Museumsdirektorin spricht natürlich auch. Denn heute soll ein neues großformatiges Gemälde enthüllt werden, das sich dem Leben vor 300 Millionen Jahren widmet. Wie stellt es uns diese Urzeit vor? Werden die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigt? Ist es gut gemalt? Welche künstlerischen Freiheiten nimmt es sich heraus? Das wird in den Folgetagen in Zeitungen und Blogs diskutiert, im Radio, im Fernsehen und bis hinein in die Klassenzimmer, denn prähistorische Tiere interessieren gerade auch Kinder.

          Ein Traum. Die Wirklichkeit sieht leider etwas anders aus. Auch die Pracht des riesigen Bildbandes „Paläo-Art. Darstellungen der Urgeschichte“, der kürzlich im Taschen Verlag erschienen ist, kann nur darüber hinwegtäuschen, dass diese Malerei das Aschenputtel unter den Kunstrichtungen ist.

          Von ihren verwöhnten Stiefschwestern, der zeitgenössischen Malerei oder Installationskunst, wird die Paläo-Kunst ignoriert oder als formal rückständig verlacht. Keine documenta oder Biennale der Welt würde sie ausstellen, kein Museum oder Kunstverein. Auch die Wissenschaft hält die Darstellung der Urzeit für einen Zeitvertreib für Kinder, von dem sich Erwachsene, Forscher insbesondere, besser fernhalten sollten. Einige Naturkundemuseen zeigen solche Werke, doch Forscherkarriere macht man durch die Beschäftigung damit nicht. Was die älteren Gemälde anbetrifft, so wurden manche schon als Sperrmüll entsorgt. Und das alles, obwohl wir mit diesen Bildern groß werden und sie anschauen, bevor wir das Wort „Evolution“ auch nur gehört haben. Wer wir sind und woher wir kommen, ist das Thema dieser Kunst. Große Fragen, die eben auch große Kunst erfordern.

          Eine doppelte Zeitmaschine

          Der amerikanische Maler Walton Ford, selbst ein Meister der Naturdarstellung, und Zoë Lescaze, eine Kunsthistorikerin, Kritikerin und Illustratorin, haben sich nun vorgenommen, diesen Vorurteilen mit diesem überwältigend schönen und klugen Buch entgegenzutreten. Dabei ist den beiden klar, dass die meisten Menschen nicht einmal wissen, was Paläo-Kunst überhaupt sein soll. Im Vorwort schildert Ford die Misere mit einer lustigen Szene. „Ganz egal, mit wem ich spreche“, schreibt er, „ich werde unweigerlich in eine lebhafte Diskussion über die wundersame Kunstfertigkeit der Höhlenmalerei von Lascaux oder über Werner Herzogs hinreißenden und unkonventionellen Film über die Chauvet-Höhle verwickelt.“ Da muss Ford allerdings sein Gegenüber enttäuschen und erklären: „Was Sie meinen, ist paläolithische Kunst.“ Ihre Werke, Höhlenmalereien zum Beispiel, wurden von Menschen der Altsteinzeit erschaffen. Paläo-Kunst dagegen machen Menschen der Neuzeit, um sich unsere Vorgeschichte vorstellen zu können.

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