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Sigrid Weigel wird 70 : Criticism, Inc.

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Sie war neu in der Hamburger Schule: Sigrid Weigel fügte der materialistischen Kulturwissenschaft nicht nur die geschlechtertheoretische Perspektive hinzu. Bild: Zentrum für Literatur- und Kulturforschung

Geschichte und Öffentlichkeit in Theorie und Praxis: Sigrid Weigel hat bewiesen, dass sich literaturwissenschaftliche Forschung auch außerhalb der Universität organisieren lässt.

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          Nicht „allein in den Amtsstuben der zuständigen Ministerien“ werde Wissenschaftspolitik betrieben: Nein, „die Art und Weise, wie jeder einzelne Wissenschaftler Forschung und Lehre“ praktiziere, sei schon Wissenschaftspolitik. Sigrid Weigel sagte dies, als sie 2016 mit dem Aby-Warburg-Preis der Stadt Hamburg ausgezeichnet wurde. Dabei dachte sie an die „Geistespolitik“ des Begründers der berühmten Bibliothek. Ganz hanseatisch begriff sie Warburgs Kulturwissenschaft als einen der „erfolgreichsten Exportartikel“ der deutschsprachigen Fächer.

          Sie beließ es freilich nicht beim Bekenntnis zu den geforderten Begriffen, die erst dann falsch werden, wenn sie bloß in Anträgen stehen: Interdisziplinarität, Internationalität. Die Preisträgerin setzte sie in die Tat um. Sie steht für ein wissenschaftliches Ethos, das für zahlreiche Schülerinnen und Schüler zum Vorbild geworden ist.

          Ebenfalls in Hamburg, beinahe vierzig Jahre zuvor, hatte Sigrid Weigel mit einem Beitrag zur politischen Literaturgeschichtsschreibung die Gelehrtenrepublik betreten, die damals, in den Jahren nach 1968, in zwei Teile zerfiel: der eine gelehrt, aber wenig republikanisch gesinnt, der andere unter Einbußen an Gelehrsamkeit politisch aktiviert. Von Anfang an zeichnete sich Sigrid Weigel durch das Bemühen aus, die beiden Teile zusammenzuführen. In ihrer Dissertation zur Flugschriftenliteratur in Berlin 1848 zeigte sie, dass nicht jede Mauer eingerissen werden muss, wenn sie sich doch hervorragend eignet, Plakate anzuschlagen. Die Frage nach „Geschichte und Öffentlichkeit einer volkstümlichen Gattung“ setzte Ton und Thema. Auch das Verfahren, das im Teil das Ganze erkennt, war damit ausgeflaggt.

          Schreiberfahrungen unserer gestrauchelten Brüder und Schwestern

          Wie Schreiben sich auch hinter Gefängnismauern als frei begreifen konnte, analysierte Sigrid Weigel in ihrem zweiten Buch über Literatur, die in Kerkern entstand. Im langen neunzehnten Jahrhundert suchte die „bleierne Zeit“ der Siebziger nach Selbstdeutung. In den Zellen hing die Stickluft der Restauration. Die Literaturwissenschaftlerin suchte nicht allein die langbärtigen Sozialrevolutionäre in ihrer Dunkelhaft auf, sondern auch Wera Figner und Rosa Luxemburg. Die folgenden Untersuchungen zu Geschlechtertopographien waren dialektisch gedacht: nicht bloß die bleiche Ophelia, sondern auch die mächtige Medusa. Aby Warburg hätte das gefallen.

          Als die Berliner Mauer fiel, verließ Sigrid Weigel das linke Hamburg und begann ihren Parcours durch die Institutionen: das Kulturwissenschaftliche Institut in Essen, das Deutsche Seminar in Zürich, das Einstein Forum in Potsdam. 1999 übernahm sie in Berlin die Direktion des Zentrums für Literaturforschung – und damit des ersten außeruniversitären Forschungsinstituts für ihr Fach. Freilich war die Einrichtung am Checkpoint Charlie nur formal eine Neugründung.

          Sie ging nach einem langwierigen Evaluationsprozess aus dem Zentralinstitut für Literaturgeschichte der DDR hervor. Waren dessen dogmatische Prämissen nicht schlechter gealtert als die der West-Marxisten, so war der politische und ökonomische Realitätsschock für seine Mitarbeitenden ungleich härter. Sigrid Weigel machte aus der Schreibstube einen öffentlichen Ort, eine weit ausstrahlende Marke der Kulturwissenschaften. Der Wissenschaftsrat war begeistert.

          Als Arbeit an Übergängen begreift Sigrid Weigel den kulturwissenschaftlichen Zugang. Die Öffnung der Literaturwissenschaften war ein Signal der Stärke, nicht der Verzagtheit. Während andere über die unübersichtliche Pluralität klagten oder die Grenzen trotzig geschlossen halten wollten, suchte die Direktorin des ZfL das Gespräch, aus der Überzeugung heraus, dass die Literaturwissenschaften etwas zu lernen und etwas verschenken haben – nicht zuletzt im Gabentausch mit den Bildwissenschaften. Aus Princeton und Buenos Aires werden Gratulationen, „Flaschenpost und Postkarte“, an Sigrid Weigel adressiert, die am heutigen 25. März ihren siebzigsten Geburtstag feiert.

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