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Kunst am Bau der DDR : Und Lenins Worte wurden Armeen

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Die Restaurationskosten wurden wohl als Solidaritätszuschlag verbucht: Max Lingners Wandbild „Aufbau der Republik“ am Bundesfinanzministerium. Bild: akg-images / C. Schlegelmilch

Nach der Wende wurden die Standbilder gestürzt und die Fresken übertüncht. Jetzt weckt die Kunst am Bau der DDR das Interesse von Forschung und Denkmalschutz.

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          Als mit dem ehemaligen Außenministerium der DDR 1996 auch ein Bildfries von Walter Womacka von 1967 („Der Mensch gestaltet seine Welt“) in Schutt und Asche gelegt wurde, regte sich vergleichsweise wenig Protest. Nach dem Mauerfall gestaltete die neue gesamtdeutsche Obrigkeit, nicht immer mit Fingerspitzengefühl, die Welt des Beitrittsgebiets auf ihre Weise und schleifte repräsentative Kunstwerke aus dem SED-Staat wie den granitenen Lenin in Friedrichshain, der sich 1991 zunächst hartleibig seiner Demontage erwehrte. Oder das in Beton gegossene „Monument der revolutionären Arbeiterbewegung“ von Heinz Beberniß, Gerhard Lichtenfeld und Sigbert Fliegel in Halle an der Saale, im Volksmund „vier Fäuste für Ernst Thälmann“ genannt; die Plastik musste 2003 einer neuen Platzgestaltung weichen.

          Heute treffen die Hinterlassenschaften Ost auf eine neue Wertschätzung. Etwa das Wandmosaik, mit dem der spanische Künstler und DDR-Immigrant Josep Renau in den achtziger Jahren am Moskauer Platz in Erfurt die „Beziehung des Menschen zu Natur und Technik“ in Szene setzte. Von der Entscheidung, das Rundbildwerk zu restaurieren und, wie kürzlich geschehen, der Öffentlichkeit wieder zugänglich zu machen, erhofft sich der Erfurter Stadtrat Anreize für den Kunsttourismus.

          Eine ergiebige Tagung in der Berliner Akademie der Künste widmete sich jetzt erstmals überhaupt dem Komplex „Kunst am Bau in der DDR“, um deren Funktionen für die Ausgestaltung von Gesellschaft und Stadtraum zu beleuchten. Der Andrang belegte, dass es dafür eines Jubiläums gar nicht bedurft hätte: Vor siebzig Jahren, direkt nach ihrer Gründung, verpflichteten sich beide deutsche Staaten, bei öffentlichen Neubauten bildende Kunst einzuplanen und Geld dafür vorzuhalten, womit sie sich auf einen preußischen Erlass von 1928 berufen konnten. Gerade in der DDR hatte das beträchtliche Folgen, denn nicht weniger als 95 Prozent aller Bauvorhaben erfolgten hier in staatlichem Auftrag. Ute Chibidziura vom Bundesamt für Bauwesen und Raum hatte die Tagung konzipiert. Eine Begeisterung für die „Ostmoderne“, die sich bislang hauptsächlich auf die Architektur richtete, greift jetzt offenbar auf die „Kunst in der gestalteten Umwelt“ über, wie sie im Behördendeutsch drüben genannt wurde.

          Von der Propaganda zur Dekoration

          In der Kunstgeschichte gibt es den ironischen Begriff der „drop sculpture“ für Bildwerke, die einem architektonischen Ensemble hinzugefügt werden und aussehen, als wären sie vom Himmel gefallen. Begrenzt ist bei einer so umfassend angelegten Bestückung des öffentlichen Raums mit Kunst wie in der DDR die Aussagekraft der politischen Ikonographie. Es gab die Einflussnahme höchster Parteifunktionäre, aber später oft doch auch bloße Dekoration.

          Der Architekturhistoriker und ehemalige Berliner Wissenschaftssenator Thomas Flierl schilderte, wie sich in der Gründungsphase der DDR Plakat und Transparent der politischen Aufmärsche rasch als Wandbilder im Stadtraum verewigten – und wie detailliert Otto Grotewohl noch in einzelne Werke eingriff, wie in Max Lingners Panorama „Aufbau der Republik“ von 1952 am Haus der Ministerien: Die zentrale Figur des Arbeiters und seine wegweisende Position gegenüber der Intelligenzija waren dem Ministerpräsidenten nicht exponiert genug, weshalb der Maler seinen Entwurf gleich mehrfach korrigieren musste, ohne mit dem Resultat je glücklich zu werden. Später, so Flierl, avancierte die Architektur selbst zum ikonischen Stadtbild, weithin sichtbar beim futuristischen, an den Utopien Brasílias orientierten Ensemble des Funkturms.

          „Aus Kunst am Bau wurde Kunst im Bau.“ So resümierte Paul Kaiser vom Leipziger Institut für Kulturstudien eine Inversion, die dazu führte, dass man den Palast der Republik – mit seinen gläsernen Fassaden – nach außen hin überhaupt nicht mehr mit Bildwerken ausstattete und jene im Innern konventionell an die Wand hängte. Dafür durfte die lange als formalistisch verrufene Abstraktion an Außenwänden in Wohngebieten in Erscheinung treten.

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