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Soziale Systeme : Selbstverwirklichung überall

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Szene von einem Mädchenflohmarkt in Neuss: Wir sind gezwungen zu konsumieren, aber nicht dazu, was wir konsumieren. Bild: dpa

Wie konsumieren wir? Eine Kölner Soziologin zeigt, dass weder soziale Lage, Lebensstil noch die soziale Gruppe darauf einen großen Einfluss haben. Aber das Zeitalter, in dem wir leben.

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          Soziologen schätzen Begriffe, mit denen sich das Ganze der Gesellschaft auf einen Nenner bringen lässt. Die Industriegesellschaft, die Erlebnisgesellschaft, die Leistungsgesellschaft oder die Risikogesellschaft sind Beispiele für solche Versuche, das wesentliche Merkmal der aktuellen Gesellschaft in einer solchen namensgebenden Zuspitzung herauszuarbeiten. Die jeweiligen Gesellschaftsbegriffe müssen sich dabei nicht unbedingt gegenseitig ausschließen - die Industriegesellschaft war sicher auch eine Leistungsgesellschaft, und auch Risiken und Erlebnisse gehörten zum Leben ihrer Mitglieder. Grundsätzlich aber gilt für alle dieser Versuche, dass sie den Nachweis bringen müssen, es gebe ebendieses eine Merkmal der Gesellschaft, das im Unterschied zu allen anderen jetzt so dominant sei, dass es die ganze Gesellschaft prägt. Das ist ein ziemlich großer Anspruch.

          Da ist es natürlich ein großer Vorteil, wenn es sich dabei um etwas handelt, was wirklich jeder in unserer Gesellschaft tut, weil man es schlicht muss. Und es sollte sich leicht beobachten lassen, also möglichst auch zählbar sein. Erlebnisse etwa hat jeder, aber wie ließen sich belastbare Vergleiche bilden bei etwas, was so empfindungsabhängig ist wie ein Erlebnis? Das gilt auch für die Angst, das Risiko oder den Spaß. Es gibt aber etwas, was in unserer Gesellschaft jeder tut, weil er nicht anders kann, doch ohne dabei wirklich Zwang zu empfinden. Außerdem lässt es sich problemlos quantifizieren und damit hervorragend zur Messung sozialer Ungleichheit einsetzen. Es handelt sich um den Konsum, und weil man schlicht konsumieren muss, leben wir natürlich auch in einer Konsumgesellschaft. Alle konsumieren, aber doch zeigen sich im Konsum große Unterschiede. Wie erklärt man das soziologisch?

          Es gibt, wie meistens in der Soziologie, auf diese Frage zwei eher gegensätzliche Antworten. Weitgehend einig sind sich die Konsumforscher immerhin darin, dass sich der Konsum von der Notwendigkeit weitgehend befreit hat: Der Anteil des verfügbaren Einkommens, der für unmittelbar lebensnotwendige Bedürfnisse ausgegeben wird, sinkt relativ zum steigenden Teil, über den man prinzipiell frei verfügen könnte. Für Ernährung, Bekleidung und Hausrat sinken die Ausgaben, während sie für Wohnungsmieten, Gesundheit, Verkehr, Kommunikation, Bildung und Freizeit steigen. Konsum also, innerhalb dessen eine große Auswahl besteht. Uneinigkeit herrscht hingegen über die Ursachen dieses Wandels der Konsumstruktur. Die eine Hälfte der Konsumforscher behauptet, dass wir eine generelle Entkopplung von subjektiver Lebensweise und sozialer Lage erleben und sich entsprechend auch die Konsumstile „entschichtet“ hätten. Die Lebensstile pluralisierten sich, der Konsum diene jetzt im Wesentlichen der Selbstdarstellung und Selbstverwirklichung. Und zwar unabhängig von der sozialen Lage, dem Bildungsstand oder dem Alter.

          Bestimmt der Lebensstil das Konsumverhalten?

          Gegen diese These eines Verfalls des schichtspezifischen Konsums steht die andere Hälfte der Konsumforscher, die darauf bestehen, dass die objektiven Lebenslagen (Klasse, Schicht, Bildung, Geschlecht, Einkommen, Alter) nach wie vor auch den Lebensstil bestimmen und unterschiedliche Lebensstile eher das Ergebnis unterschiedlicher Lebenslagen als einer bewussten oder gar freien Entscheidung sind. Vor allem so harte Fakten wie das Alter, der Bildungsstand sowie das Einkommen müssten dann das Konsumverhalten erklären können.

          Natürlich gibt es für beide Ansätze überzeugende Belege. Könnte ein aktueller Blick in die Empirie eine Verständigung erzielen? Die Kölner Soziologin Katharina Hörstermann hat es jüngst mit Daten der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) von 1978 bis 2008 versucht. Die EVS liefert statistische Informationen über die Ausstattung privater Haushalte in Deutschland mit Gebrauchsgütern, Geld- und Sachvermögen, die Wohn-, Einkommens- und Schuldensituation sowie die Zusammensetzung der Konsumausgaben. Die Ergebnisse der Studie sprechen deutlich für die These der Entkopplung von sozialer Lage, Lebensstil und Konsumverhalten. Hörstermann demonstriert dies zum Beispiel am Alter einer Person: Wenn der Konsum schlicht vom Alter abhinge, dann sollte das immer gelten. Wer 1978 alt war, sollte damals den gleichen Konsumstil aufgewiesen haben wie jemand, der 30 Jahre später zu den Alten gehörte, schließlich haben sich die Lebensbedingungen des Alters nicht wesentlich geändert. Vergleicht man aber die Rentner von 1978 mit denen von 2008 in der Stichprobe der EVS, zeigen sich deutliche Unterschiede: Für Freizeit, Bildung und Gesundheit geben Letztere anteilig viel mehr aus als die Rentner von 1978, und zwar unabhängig von ihren Alterseinkommen und Haushaltsformen. Gerade bei den Älteren seien die Veränderungen im Konsumstil am deutlichsten. Wenn wir also tatsächlich in einer Konsumgesellschaft leben, dann ließe sich diese als eine von großer Freiheit geprägte Gesellschaft beschreiben. Wir gleichen uns darin, dass wir konsumieren müssen, aber wir müssen nicht gleich konsumieren.

          Katharina Hörstermann: „Der Wandel der Konsumstruktur in Deutschland - ein Indiz für die Individualisierung von Lebensstilen oder doch die Folge soziodemografischer Entwicklungen?“, KZfSS (2016) 68: 713-730.

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