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Wahrnehmung von Gesichtern : Die hundert Arten des Lächelns

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Ein Lächeln erkennt der Mensch sofort - wir bemerken sogar, ob es ehrlich oder bloß vorgetäuscht ist. Bild: dpa

Der Mensch ist ein Meister im Lesen von Gesichtern. Doch sein Urteil liegt erstaunlich häufig daneben.

          Wenn man wissen möchte, was einem alles zustoßen kann im Leben, ist man bei Antonio Damasio an der richtigen Adresse. Der Mann ist Neurologe, arbeitet an der University of Iowa und hat eine beeindruckende Sammlung von Schicksalsschlägen zusammengetragen, bei denen die Betroffenen mit schweren Hirnverletzungen davonkamen. Schlaganfälle sind darunter, Operationen nach Hirntumoren und natürlich auch der berühmte Fall des Eisenbahnarbeiters Phineas Gage, dem sich am 13. September 1848 nach einer Sprengung eine 1,10 Meter lange und drei Zentimeter dicke Eisenstange durch den Schädel gebohrt hatte.

          Gage überlebte den Unfall bei vollem Bewusstsein. Nach wenigen Wochen war er körperlich wieder auf dem Damm. Auch seine intellektuellen Fähigkeiten waren intakt geblieben. Nur seine Persönlichkeit hatte sich komplett verändert. Folgt man den Schilderungen seines behandelnden Arztes, war aus dem freundlichen und ausgeglichenen Mann ein chronisch gereizter Mensch geworden, der sein Leben nicht mehr in den Griff bekam.

          Phineas Gages Schädel wanderte auf Umwegen ins Museum. 1994 legte ihn Damasios Ehefrau Hanna in den Scanner und vollzog anhand des Weges, den die Eisenstange genommen hatte, nach, welche Hirnareale damals zerstört worden waren. Soweit sich das feststellen ließ, handelte es sich um den sogenannten ventromedialen präfrontalen Cortex, einen Teil des Stirnlappens, der eine wichtige Rolle bei der Entscheidungsfindung spielt. Seine Aufgabe ist es, zwischen Emotion und Verstand zu vermitteln. Menschen mit Schäden in diesem Bereich des Gehirns sind durchaus imstande, logisch zu denken. Es fehlt ihnen aber die Instanz, die ihnen sagen könnte, was daraus folgt.

          Intuition gehört immer dazu

          Was Phineas Gages betrifft, lässt sich im Nachhinein nicht jedes Detail verlässlich rekonstruieren. Es gab keine Autopsie, und die Berichte seines Arztes lassen Zweifel zu, ob die Folgen der Läsion wirklich so waren, wie er sie ausgemalt hat. Doch es gibt andere Fallberichte, die den Befund stützen. In seinem Buch „Descartes’ Irrtum“ erzählt Damasio von einem Patienten, dem er zwei verschiedene Termine vorgeschlagen hatte, an dem sie sich treffen könnten. Der Mann nahm seinen Kalender heraus und zählte eine halbe Stunde lang das Für und Wider auf – eine ermüdende Kosten-Nutzen-Analyse, die zu nichts und wieder nichts führte. Er konnte sich nicht einmal entscheiden, ob er zur Niederschrift seiner Überlegungen einen schwarzen oder einen blauen Stift benutzen sollte. An Ratio mangelte es dem Patienten keineswegs. Nur das Bauchgefühl hatte ihn verlassen und damit offenbar auch die Fähigkeit, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

          Mit kühlem Kopf allein sind wir nicht imstande zu handeln. Intuition gehört immer dazu. Wir greifen dabei auf Erfahrungen zurück, die tief in uns schlummern. Psychologen sprechen vom impliziten Gedächtnis, das im Gegensatz zum expliziten Gedächtnis verborgen bleibt und nicht in Worte gefasst werden kann. Selbst Amnesie-Patienten, denen das bewusste Erinnern abhandengekommen ist, sind noch in der Lage, zuvor Erlebtes, Gehörtes oder Gesehenes abzurufen, ohne dass sie sagen könnten, woher sie dieses Wissen nehmen.

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