https://www.faz.net/-gwz-a4iuj

Die gespaltene Gesellschaft : Drinnen und dennoch vor der Tür

  • -Aktualisiert am

Man kann es auch übertreiben mit der Scherenmetapher Bild: Diana Cabrera Rojas

Schnell ist heute von einer „gespaltenen Gesellschaft“ die Rede, wenn einer Gruppe die gesellschaftliche Teilhabe oder der gesellschaftliche Aufstieg verwehrt scheint. Nun bemüht sich ein prominenter Soziologe um Präzision und sieht in der Bildung den Universalschlüssel zu allen gesellschaftlichen Systemen.

          3 Min.

          Man könnte die heutigen Soziologen in Skeptiker und Euphoriker einteilen. Letztere findet man vor allem in der Kultursoziologie, wo die Vielfalt des kulturellen Angebots als Verwirklichungsraum individueller Einzigartigkeit gefeiert wird. Solche Beschreibungen der heutigen Gesellschaft sind gefällig und gefallen insbesondere denen, die das kulturelle Kapital mitbringen, den eigenen Konsumstil darin gewürdigt zu finden. Die Soziologie der Skeptiker dagegen bietet beunruhigende Diagnosen der Gesellschaft. Sie würden nicht die Spitzenprodukte der Kultur bestreiten, wohl aber deren Relevanz angesichts der hartnäckigen Defizite der modernen Gesellschaft. Der Selbstgefälligkeit der kulturellen Elite und ihrer soziologischen Apologeten halten sie die lange Liste der unerfüllten Versprechungen der modernen Gesellschaft unter die Nase. Gleichheit, Freiheit, Solidarität – nirgends sind diese Werte verwirklicht worden. Typischerweise finden sich die skeptischen Kritiker der herrschenden Verhältnisse unter den Sozialstruktur-Forschern, aber auch dort, wo sich der Blick auf Inklusions- und Exklusionsverhältnisse richtet. Der Systemtheoretiker Rudolf Stichweh von der Universität Bonn  hat mit einem solchen kalten Blick jetzt mal wieder die großen Trennungen der gegenwärtigen westlichen Gesellschaften herausgestellt.

          Entgegen der aktuell viele Kollegen beschäftigenden Frage nach der Bedeutung der Corona-Krise beginnt Stichweh mit der klassischen Frage der Soziologie nach den trennenden Kräften der modernen Gesellschaft. Also nicht mit der Frage, was verbindet die Individuen (etwa ihre angebliche Gleichheit vor dem Virus), sondern was trennt sie? Die einschlägige Antwort Émile Durkheims war: Arbeitsteilung. Die Teilung der Arbeit, die Herausbildung professioneller Spezialisierung also sei gerade das, was diese Individuen als Gesellschaft wieder zusammenschweiße. Heute würden wir sagen: Was die Einzelnen zusammenhält, ist unsere Inklusion in die Funktionssysteme der Gesellschaft, also in Bildung, Wirtschaft, Wissenschaft, Politik, Recht, Kultur und Konsum. Im Prinzip sind wir alle in diese Systeme inkludiert, nehmen also teil an ihnen als Schüler, Angestellter, Forscher, Politiker, Wähler, Theaterbesucher oder Kunde. Es ist klar, dass diese Inklusion sehr unterschiedlich ausfallen kann. Aber reichen diese Unterschiede im Grad von Inklusion schon, um von einer „gespaltenen Gesellschaft“ zu sprechen?

          Exkludierende Inklusion

          Es mag derzeit in Mode sein, etwa die Vereinigten Staaten von Amerika als eine solche Gesellschaft zu bezeichnen. Und auch die deutsche erscheint in vielen Beiträgen bereits als tief gespalten. Stichweh mahnt einen strengeren Umgang mit dieser Diagnose an. Ungleich verwirklichte Teilnahme in Funktionssystemen mache allein noch keine gespaltene Gesellschaft aus. Dass Schulen auch Verlierer produzieren, dass die Wirtschaft auch Niedriglohnjobs anbietet und die Politik enttäuschte Wähler erzeugt – das allein reicht nicht. Stichweh bringt sein Kriterium auf die paradoxe Formel der „exkludierenden Inklusion“. Man ist dann etwa am Wirtschaftsleben beteiligt, also inkludiert, aber diese Beteiligung resultiert in einem dauerhaften Ausschluss von den eigentlichen Versprechungen dieser Beteiligung. Die Erfahrung der unteren Mittelklasse Europas und Amerikas der vergangenen dreißig Jahre sei geprägt gewesen von Einkommensverlusten und der stetigen Gefährdung durch Arbeitslosigkeit, so Stichweh, aber nie von einem Anteil an den gleichzeitigen Einkommenszuwächsen, die allein den oberen Klassen zugutekamen. Man muss teilnehmen, und bleibt gleichzeitig ausgeschlossen. Wenn es eine Klasse der dauerhaft „Draußenbleibenden“ gibt, müsse man eine Gesellschaft als gespalten charakterisieren. Wen trifft das? In diesem Fall Menschen ohne oder nur mit einfacher Ausbildung, Alleinerziehende, Ältere und Migranten. Und solche, deren Wohnorte vom Schicksal der Entindustrialisierung getroffen wurden.

          Auf der Seite der Einstellungen schlage sich diese Erfahrung der Undurchdringlichkeit der Türen zum Aufstieg in die dauerhafte Zugehörigkeit zu dauerhaften Enttäuschungen, resümiert Stichweh. Und zu einem wachsenden Misstrauen: Das Misstrauen, dass andere bevorzugt würden, obwohl ihnen diese Vorzugsbehandlung nicht zustehe. Gespaltene Gesellschaften polarisieren sich soziokulturell und bringen so eine weitere Dimension der Spaltung ins Spiel: Sie basiere auf der Furcht, dass hinter dem eigenen Ausgeschlossensein die anderen stünden, denen es besser geht und die diese Exklusion von Teilen der Gesellschaft ganz bewusst wollten. Die damit konfrontierten „Globalisierungsgewinner“ wiederum weisen diesen Vorwurf zurück und kontern ihn ihrerseits mit der Anschuldigung, es mangele den Ausgeschlossenen am Willen zur Inklusion und an der Bereitschaft zur Anpassung an die Bildungs- und Leistungserwartungen der Erwerbsgesellschaft. Insbesondere Bildung scheint laut Stichweh inzwischen zu einer Art Universalschlüssel zum Zugang zu allen gesellschaftlichen Funktionssystemen geworden zu sein.

          Rudolf Stichweh: Divided Society. Persistent Inequality, Asymmetrical Dependency and Sociocultural Polarization as Divisive Forces in Contemporary Society. September 2020.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der britische Premierminister Boris Johnson in Hartlepool. In der früheren Labour-Hochburg gewannen die Konservativen eine Nachwahl für das Parlament.

          Britische Regierungspläne : „Stop the brain drain“

          Boris Johnson will, dass die Bürger für die Arbeitssuche nicht mehr in die Metropolen ziehen müssen. Die Times spricht von einer „historischen Abkehr“ von der Thatcher-Zeit.
          Die Runde von „hart aber fair“: Hubertus Heil, Julia Friedrichs, Lencke Wischhusen, Arndt Kirchhoff, Djamila Kordus und Frank Plasberg (von links).

          TV-Kritik: Hart aber fair : Fünf Häuptlinge und eine „Indianerin“

          Was bedeutet das Versprechen des sozialen Aufstiegs? Früher hieß es, die Bürger sollten mitbestimmen. Das „Wirtschaftswunder“ zielte auf sozialen Ausgleich. Wie es um den bestellt ist, zeigt „hart aber fair“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.