https://www.faz.net/-gwz-9szl9

Die Frauen und das Konzil : Solange es noch Zeit ist

  • -Aktualisiert am

Was hat sich getan? Papst Franziskus und seine Kardinäle feierten am 19. Oktober 2014 die Seligsprechung von Paul VI., dem zweiten Papst des Zweiten Vatikanischen Konzils. Bild: AP

Eine versäumte Chance der Kirchengeschichte? Den Konzilsvätern des Zweiten Vaticanums legten ihre Schwestern im Glauben Eingaben vor, die heute wieder auf die Tagesordnung drängen.

          3 Min.

          „Bitte, nehmen Sie die Frauen ernst und für volle Glieder der Kirche, solange es noch Zeit ist, solange sie noch am Gottesdienst teilnehmen! Wenn die Frauen en gros erst einmal die Konsequenz daraus gezogen haben, dass sie in der Kirche dauernd negiert werden, ist es zu spät.“ Eindringlich wandte sich die Theologin Josefa Theresia Münch im Juli 1965 an die deutschsprachigen Bischöfe, die als Konzilsväter am Zweiten Vatikanum teilnahmen. In ihren Konzilseingaben setzte sich die 1930 geborene Volksschullehrerin für das Priesteramt der Frau ein. Überzeugt von ihrer eigenen Berufung, hatte sie in München und Tübingen Theologie studiert – und war, mangels kirchlicher Einstellungsmöglichkeiten, nach dem Diplom in den Schuldienst zurückgekehrt.

          Als sich die Juristin Gertrud Heinzelmann, in der Schweiz Vorkämpferin für das Frauenwahlrecht, 1962 in einer mit Gleichberechtigungsargumenten begründeten, thomistisch grundierten Konzilseingabe für die Öffnung des Priesteramtes starkmachte, hatte Münch mit einer pragmatisch-pastoral begründeten Petition nachgezogen, in der sie auf die Gefahr drohenden Priestermangels hinwies und sich deutlich vom theologischen Feminismus Heinzelmanns absetzte, von dem sie fürchtete, er könne auch „gutwillige Konzilsväter“ verschrecken.

          Insgesamt sieben Eingaben richtete sie an das Konzil, unter anderem zu einer inklusiven Sprache in der Liturgie und zur geschlechtergerechten Revision des Kirchenrechts. Ihr Antrag, Canon 968 Paragraph 1 so zu ändern, dass künftig jeder getaufte Mensch die Priesterweihe empfangen könne, blieb erfolglos. Gemeinsam mit Gertrud Heinzelmann und den Theologinnen Iris Müller und Ida Raming hat Münch aber, urteilt die Mainzer Kirchenhistorikerin Regina Heyder, „entscheidend zu einer Sensibilisierung für die Thematik ,Frauen und Kirche‘“ beigetragen.

          Befragung unter Abonnentinnen

          In einem ausgezeichnet kommentierten Dokumentenband haben Heyder und die Bonner Kirchenhistorikerin Gisela Muschiol eine Fülle bislang unveröffentlichter Petitionen, Berichte, Korrespondenzen und Fotografien herausgegeben („Katholikinnen und das Zweite Vatikanische Konzil“. Petitionen, Berichte, Fotografien. Aschendorff Verlag, Münster 2018. 698 S., geb., 29,80 ), darunter Münchs Eingaben und die Konzilsberichte der „kirchenpolitisch aktiven Romreisenden“ Marianne Dirks, die als Präsidentin des Zentralverbandes der Katholischen Frauen- und Müttergemeinschaften das Gespräch mit Klerus, Episkopat, internationalen Frauenverbänden und nichtkatholischen Beobachtern suchte und für die Verbandszeitschrift „Frau und Mutter“ vom Konzil berichtete.

          Aus einer Befragung der 650 000 Bezieherinnen der Zeitschrift war die Konzilspetition des Verbandes hervorgegangen, die der Kölner Kardinal Josef Frings im Juli 1961 nach Rom schickte – mit einer von der Bundestagsabgeordneten Helene Weber und der Leiterin der Kölner Verbandszentrale, Gertrud Ehrle, verfassten Eingabe des Katholischen Deutschen Frauenbundes. Begleitet von einem eleganten lateinischen Anschreiben, das zugleich Wertschätzung und Distanzierung von den Frauenverbänden zum Ausdruck brachte, die nicht nur liturgische Reformen wie die Gestattung der Muttersprache im Gottesdienst, sondern auch ein „wegweisendes Wort in der Ehenot unserer Tage“ erbaten.

          Gertrud Ehrle, zusammen mit der Generalsekretärin der Vereinigung der Höheren Ordensoberinnen Deutschlands, der Dernbacher Schwester Juliana Thomas, eine von 23 „Laienauditorinnen“, war als Nichte eines Kurienkardinals in Rom bestens vernetzt und konnte auf die Unterstützung engagierter Kirchenmänner zählen, etwa des Kölner Weihbischofs Augustinus Frotz und des amerikanischen Benediktiners Placidus Jordan. Selbst das Wort ergreifen durften Frauen in der Konzilsaula nicht.

          Im Geist Hildegards von Bingen

          Auch in deutschen Klöstern verfolgten sie aber aufmerksam das Konzilsgeschehen – und nahmen gezielt Einfluss. „Das Konzil mit all seinen Ereignissen hat meine Seele in Brand gesteckt und sie zu einer neuen Gesamtsicht geführt“, schrieb Schwester Marianna Schrader, Benediktinerin der Abtei St. Hildegard, in einem Memorandum für ihre zunächst skeptische Äbtissin (die ihren Konvent freilich bald selbst mit einer profunden theologischen Eingabe zur Erneuerung des Ordenslebens in Rom ins Gespräch brachte).

          Die fast achtzigjährige Marianna Schrader hatte in einem langen Klosterleben durch umfangreiche quellenkritische Studien den Beweis für die Echtheit der Schriften Hildegards von Bingen erbracht, Voraussetzung für deren spätere Erhebung zur Kirchenlehrerin. Nun trat sie energisch gegen die „in der Kirche leider bis jetzt unüberwindbare Unterbewertung der Frau“ ein und regte die Erneuerung der frühkirchlichen Diakonenweihe für Frauen an, die „sie in den klerikalen Stand erheben und ein ihrer Eigenart entsprechendes weites Arbeitsgebiet einräumen“ würde.

          Die Zeit sei dafür noch nicht reif, lautete der Bescheid selbst von Vertretern des Episkopats, die für die „Frauenfrage“ sensibilisiert waren. Im Januar 1969 erinnerte Marianna Schrader den Limburger Bischof Wilhelm Kempf noch einmal an die Dringlichkeit von Reformen. Unhaltbar sei es, „dass der heutigen gewandelten gesellschaftlichen und bildungsmäßigen Stellung der Frau noch keine Anpassung ihrer Rolle in der katholischen Kirche gefolgt ist“.

          Weitere Themen

          Was darf in den Adventskranz?

          Ab in die Botanik : Was darf in den Adventskranz?

          Alteuropäische Weihnachtsbrauch-Traditionalisten müssen stark sein: Von Jahr zu Jahr bestehen Adventskränze immer weniger aus Kiefergewächs und stattdessen umso mehr aus Deko-Trends. Schlussendlich sind es jedoch die Kerzen, die entscheidend sind.

          Topmeldungen

          Die neuen Vorsitzenden der SPD Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans

          Umfrage : SPD gewinnt, AfD verliert

          Zum Abschluss ihres Parteitags gibt es für die SPD gute Nachrichten von den Meinungsforschern. Unter den neuen Vorsitzenden Esken und Walter-Borjans kann die Partei in der Wählergunst zulegen.

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.