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Die stille Revolution

Von JOHANNA KUROCZIK

15. November · Einst war es verboten, sich mit dem Körper auszudrücken. Heute wird erforscht, wie die Gebärdensprachen weltweit zusammenhängen.

Briten und Amerikaner können manchmal große Schwierigkeiten haben, einander zu verstehen. Für ein freundliches „Good Morning“ mag sich ein Engländer in New York gar eine Backpfeife einhandeln. Zumindest, wenn beide Gesprächspartner gehörlos sind und mit Gebärden kommunizieren, denn der britische Morgengruß kann in der amerikanischen Gebärdensprache als eine anzügliche Bemerkung, „schöne Brüste“, missverstanden werden.

Solche Anekdoten überraschen die mehr als 200 000 Menschen in Deutschland, die gemäß der Bundesfachstelle Barrierefreiheit die Deutsche Gebärdensprache nutzen, wohl nicht. Ihnen ist klar, nur weil in den Vereinigten Staaten und Großbritannien Englisch gesprochen wird, heißt das nicht, dass sich auch die Gebärdensprachen gleichen. Schätzungsweise gibt es weltweit mehr als 140 Gebärdensprachen, sie haben ihre eigenen Sprachlinien, ihre eigenen Geschichten. Wissenschaftler mühen sich, diesen auf den Grund zu gehen, so erschien Anfang des Jahres eine Studie im Fachjournal Royal Society Open Science, in der Linguisten historische Fingeralphabete analysierten und nach Parallelen suchten. Doch die Wissenschaft der Gebärden ist ein recht junges Forschungsgebiet, bis Mitte des 20. Jahrhunderts spielten Gebärdensprachen in den Sprachwissenschaften praktisch keine Rolle. Lange wurden sie als Kommunikationshilfe zweiter Klasse abgetan und waren sogar verboten.

Selbst heute wissen vermutlich die wenigsten, dass die Deutsche Gebärdensprache, kurz DGS, eine vollwertige, eigene Sprache ist. Sie ist keine Übersetzung des Deutschen, in der etwa Begriffe pantomimisch mit Händen nachgestellt würden. Wie Unterhaltungen in Gebärden aussehen, lässt sich in einer neuen Doku-Soap beobachten, die auf Netflix derzeit viel Aufmerksamkeit erregt: „Deaf U“ folgt Studenten der amerikanischen Gallaudet University in Washington, D.C., der einzigen Universität auf der Welt, die ihr gesamtes Studienangebot auf Hörgeschädigte ausrichtet. Wenn nun Studenten über die große Liebe sinnieren oder über Kommilitonen herziehen, an Poetry-Slams oder Demonstrationen teilnehmen, ist meist der ganze Körper in Bewegung: Der Oberkörper dreht sich, die Hände sausen durch die Luft, die Wangen werden aufgeblasen oder die Lippen gespitzt. Das passiert meist mit Absicht, denn in Gebärdensprachen gehören die Mimik, wie der Mund geformt wird, und auch die Bewegungen des Oberkörpers zum Wortschatz und zur Grammatik. In der DGS deutet ein geneigter Kopf mit hochgezogenen Augenbrauen beispielsweise auf einen Konditionalsatz hin. Und die begleitende Mimik kann die Bedeutung eines Verbs bestimmen: Wird etwa die Gebärde für „arbeiten“ mit zusammengezogenen Augenbrauen ausgeführt, hat die betreffende Person hart gearbeitet; ein zurück geneigter Kopf weist eher auf einen entspannten Arbeitstag hin. Auch ist es wichtig, an welcher Position im Gebärdenraum, also dem Bereich vor dem Oberkörper, eine Gebärde ausgeführt wird.

Solche Feinheiten spielen in allen Gebärdensprachen eine Rolle. Auf welche Weise sich die Sprachen ähneln oder ob sie gar verwandt sind, ist allerdings schwierig zu erforschen. Es fehlt schlicht an Daten. Gebärdensprachen verfügen im Allgemeinen nicht über eine schriftliche Entsprechung. Zwar existieren für einige historische Aufzeichnungen von bestimmten Gebärden, doch diese werfen mehr Fragen auf, als sie beantworten. „Wir können nicht mit Bestimmtheit sagen, was diese historischen Wörterbücher festhalten: Wurden diese Gebärden nur im Schulunterricht benutzt? Gab es noch mehr?“, erklärt der Linguist Justin M. Power von der University of Texas in Austin. Er wählte deshalb ein anderes Mittel, um die Evolution der europäischen Gebärdensprachen zu studieren: Gemeinsam mit dem Linguisten Johann-Mattis List vom Max-Planck-Institut für Menschheitsgeschichte in Jena und dem Biologen Guido Grimm analysierte er 76 teils mehrere Jahrhunderte alte Fingeralphabete, in denen die Buchstaben bestimmten Handformen zugeordnet sind. Zwar lässt sich nicht direkt von einem Fingeralphabet auf die Gebärdensprache schließen, denn es kommt in den alltäglichen Unterhaltungen kaum zum Einsatz. Trotzdem könnten diese Alphabete helfen, die Gliederung der geschichtlichen Entwicklung nachzuvollziehen, ist Power überzeugt.

Mithilfe von phylogenetischen Methoden der Evolutionsbiologie, wobei sie die Handformen so kodierten, dass Algorithmen sie auswerten konnten, identifizierten die Forscher mehrere europäische Sprachfamilien, die sich meist rund um historische Schulen für Hörgeschädigte entwickelten. In Frankreich ausgebildete Lehrer wanderten zum Beispiel nach Amerika aus, so dass sich die amerikanischen und französischen Fingeralphabete sehr ähneln. Auch die österreichische Schule prägte wohl mehr Sprachen, als bislang vermutet, neben der deutschen auch die dänische und russische Gebärdensprache. Hier sind die Parallelen allerdings nicht so ausgeprägt wie in der französischen oder gar britischen Linie, da sich das Fingeralphabet aus Großbritannien auch in den früheren Kolonien verbreitete. „In allen Gruppen gab es jedoch charakteristische Merkmale – besondere Handformen – die Hinweise liefern, welche Gebärdensprachen in Gruppen zusammengehören“, sagt Power. „Für die deutsche und österreichische Gebärdensprache sind beispielsweise die Handformen, die den Buchstaben g darstellen, sehr ähnlich.“ Anzumerken wäre, dass es sich um historische Alphabete handelt, heute wird in Deutschland und Österreich anders buchstabiert. Die Forscher vermuten, dass sich sowohl die österreichischen als auch die französischen Lehrenden ursprünglich an dem ältesten überlieferten Fingeralphabet orientiert haben, veröffentlicht vom spanischen Franziskanermönch Melchior de Yebra im 16. Jahrhundert.

Ihre Hypothesen zur Entstehung hielten die Wissenschaftler in einer Karte fest. Betrachtet man diese, fallen geradezu kuriose Verbindungen auf. So kommt man nicht umhin, sich zu fragen, was die schwedische Gebärdensprache mit Portugal zu tun haben könnte, und das ist ein Beispiel für die besondere Art, mit der sich die Gebärdensprachen gegenseitig beeinflusst haben. Da Gehörlose immer nur eine kleine Gemeinschaft bildeten, wurden die Sprachen stark von einzelnen Schulen für hörgeschädigte Kinder, ja von einzelnen Lehrern, geprägt. „Paris spielt eine wichtige Rolle, weil hier die erste große Schule entstand“, sagt List.

Gehörlose wurden in vielen Kulturen für dumm gehalten, im antiken Griechenland beklagte Aristoteles etwa, die Tauben hätten keine Sprache, die zur Bildung des Verstands nunmehr essentiell sei. Mitte des 18. Jahrhunderts beobachtete der Geistliche Abbé Charles-Michel de l’Epée, wie sich Tauben in den Straßen von Paris auch ohne Worte über alles Mögliche zu unterhalten schienen. Er gründete 1755 die erste Schule für gehörlose Kinder, in der mit Gebärden unterrichtet wurde, und diese Sprache wurde um Elemente der französischen Grammatik ergänzt. „Die Schule machte uns Stolz auf unsere Sprache und uns selbst, sie gab uns eine Vision, von dem was wir erreichen könnten“, beschreibt Harlan Lane in seiner 1984 erschienenen historischen Biographie „Mit der Seele hören“ die Eindrücke des tauben Laurent Clerc, der als Erwachsener nach Amerika auszog, um in Connecticut 1817 die erste amerikanische Schule für Gehörlose zu gründen, heute die „American School for the Deaf“. Ein Lehrer ist es auch, der für die schwedisch-portugiesische Verbindung verantwortlich ist: Die erste Schule für Gehörlose, die 1823 in Lissabon eröffnete, wurde vom Schweden Pär Aron Borg geleitet, nach wie vor gleicht das portugiesische Fingeralphabet dem schwedischen.

Allerdings dürfe nicht vergessen werden, dass Fingeralphabete künstlich geschaffen sind, meint die Linguistin Annika Herrmann: „Ich würde basierend auf den Fingeralphabeten noch keine finalen Diskussionen über Abstammung der Sprachen an sich führen, das ist zu neu und kaum erforscht.“ Herrmann leitet das Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser an der Universität Hamburg, kurz IDGS, die einzige Hochschule in Deutschland, an der man das Fach „Gebärdensprache“ studieren kann. Fingeralphabete seien ein an der Schriftsprache orientiertes Phänomen, erklärt sie. „Viele taube Senioren nutzen das Alphabet im Alltag gar nicht.“ An dem Hamburger Institut läuft seit mehr als zehn Jahren ein großes Forschungsprojekt, das DGS-Korpus-Projekt, mit dem Ziel, erstmals ein umfassendes, digitales Wörterbuch der Deutschen Gebärdensprache zu erstellen. Dafür haben bereits mehr als 330 Probanden in vielen hundert Stunden von Videositzungen ihre Gebärden und somit ihre Dialekte eingespeist.

Dass es heute nur wenige historische Quellen oder umfassende Wörterbücher für Gebärdensprachen gibt, hängt unter anderem mit der düsteren Geschichte zusammen. Während gegen Ende des 18. Jahrhunderts in ganz Europa Gehörlosenschulen eröffnet wurden, mehr als zwanzig hatten allein l‘Epées Schüler gegründet, erstarkte eine Bewegung von meist hörenden Gelehrten, die sich der „oralen Methode“ verpflichtet sahen. Sie glaubten, das Ziel müsse sein, Taube an die Gesellschaft anzupassen und ihnen unbedingt das Sprechen beizubringen. Was nütze es, sie in Gebärden zu unterrichten, wenn sie sich in der lautsprachlichen Welt nicht zurecht finden könnten? Ein berühmter Vertreter war der britische Erfinder Alexander Graham Bell, dessen Mutter zwar taub war, die es aber stets leugnete. Im schicksalsträchtigen Jahr 1880 wurde auf dem sogenannten Mailänder Kongress für Pädagogen von hörgeschädigten Kindern beschlossen, alle Gehörlosenschulen zu schließen und die Gebärdensprache in Europa zu verbieten. Die London Times titelte daraufhin „Taubheit wird abgeschafft“. An Schulen konzentrierten sich die Lehrer nun darauf, ihren tauben Schülern mit viel Qual das Sprechen zu lehren, statt ihnen Inhalte zu vermitteln. Die Ergebnisse waren katastrophal und wirkten lange nach. Der Psychologe Reuben Conrad zeigte 1979 in Studien, dass taube Kinder im Alter von 16 Jahren so schlecht lesen konnten, wie etwa hörende Kinder mit sieben Jahren. Siebzig Prozent sprachen so schlecht, dass man sie nicht verstehen konnte. „Natürlich wurde die Gebärdensprache weiterhin heimlich genutzt, in den Pausen, auf den Schultoiletten, im Privaten“, meint Herrmann. „Aber die Sprache und damit die Gemeinschaft und deren Kultur, wurde unterdrückt.“

Erst die Forschungserkenntnisse in der jüngeren Vergangenheit halfen, die Abwehrhaltung zu ändern. Etwa die Arbeiten des amerikanischen Linguisten William Stokoe, der in den Sechzigerjahren zeigte, dass die amerikanische Gebärdensprache eine eigene Grammatik und Struktur aufweist und als vollwertige Sprache angesehen werden kann. Hirnforscher lieferten Hinweise, dass Gebärdensprachen den Lautsprachen ähnlicher sind als gedacht: So berichteten Mediziner in den achtziger Jahren von Hörgeschädigten, bei denen das für Sprachmotorik zuständige Hirnareal etwa nach einem Schlaganfall geschädigt war, und die folglich große Schwierigkeiten hatten, Gebärden zu formen, obwohl sie weiterhin alles verstehen konnten. „Gebärdensprachen werden im Gehirn in den sprachrelevanten Regionen verarbeitet, in denen auch Lautsprachen verarbeitet werden“, erklärt die Linguistin Julia Krebs von der Universität Salzburg. Sie sucht nach Verarbeitungsmechanismen, die alle Sprachen gemein haben, auch durch die Messung von Hirnströmen bei Gebärdenden. „Bei der Verarbeitung der Gebärdensprache sind auch Bereiche aktiv, die für die visuelle Verarbeitung verantwortlich sind.“

Seit 2002 ist die Deutsche Gebärdensprache offiziell als Sprache anerkannt, aber Amtssprache wie in Neuseeland ist sie nicht. Zwar werden seither mehr Gebärdensprachdolmetscher ausgebildet, doch im Bildungssystem sind längst nicht alle Bedürfnisse erfüllt. So gibt es an Schulen für hörgeschädigte Kinder nicht genügend Lehrer, welche die Gebärdensprache beherrschen, bemängelt der Deutsche Gehörlosen-Bund. Dessen Forderungskatalog umfasst die verschiedensten Themen, von arbeitsrechtlichen Fragen und barrierefreien Medien bis hin zur Förderung der Gebärdensprache. Will man den wissenschaftlichen Erkenntnissen gerecht werden, wäre politisch noch einiges zu tun, oder wie es der Linguist Stokoe formulierte, sei die Arbeit erst beendet, wenn jeder Lehrer, der gehörlose Kinder unterrichte, deren Gebärden verstehe.

Eine Prothese fürs Gehör

Ist das Innenohr geschädigt, können Cochlea-Implantate helfen. Und zwar in mehr Fällen, als die meisten Betroffenen ahnen.

Als 1985 in den Vereinigten Staaten der „Nucleus 22“ zugelassen wurde, das erste kommerzielle Cochlea-Implantat-System, war das Gerät noch so groß, dass man es in einer Tasche am Gürtel tragen musste. Dennoch schien es wie ein Wunder: Taube Menschen konnten hören. Heute lassen sich die modernsten Geräte via Bluetooth auch mit einem Smartphone verbinden, so dass Anrufe praktisch direkt ins Innenohr geleitet werden.

Von tausend Kindern kann eines von Geburt an auf beiden Ohren nichts hören, in Deutschland leben schätzungsweise 80 000 Gehörlose. Der Deutsche Schwerhörigenbund hat für das Jahr 1999 berechnet, dass etwa 1,2 Millionen Erwachsene hochgradig schwerhörig sind. Wenn im Alter das zuvor gute Gehör nachlässt, können viele noch von einem Hörgerät profitieren: Das wirkt wie ein Verstärker und kann deshalb nur jenen helfen, die sonst alles verstehen könnten. Warum ein Mensch nichts hört, kann aber auch andere Ursachen haben. Ist die Taubheit zum Beispiel angeboren, liegt es möglicherweise an einer Viruserkrankung der Mutter während der Schwangerschaft, oder das Kind weist eine eigene genetische Anomalie auf; in seltenen Fällen ist die Gehörlosigkeit vererbt. Meist tritt die Taubheit im Laufe des Lebens auf, etwa nach einer Verletzung, einer Gehirnhautentzündung oder durch bestimmte Medikamente. Ist zum Beispiel das Innenohr geschädigt, kann den Betroffenen ein sogenanntes Cochlea-Implantat helfen.

Um zu verstehen, wie diese Geräte die Taubheit überwinden, muss man zunächst wissen, wie aus schwingender Luft ein Geräusch wird: Schallwellen treffen auf das Trommelfell am inneren Ende des Gehörgangs und versetzen es in Schwingung, wodurch die dahinterliegenden kleinen Gehörknöchelchen in Bewegung geraten. Die leiten den verstärkten Impuls ans Innenohr weiter zur Cochlea. Deren knöcherne Gänge erinnern an ein Schneckenhaus und enthalten eine träge Flüssigkeit, welche die Schwingungen so weiterträgt, dass sich dadurch die sogenannten Haarzellen bewegen. Entlang der Gehörschnecke wandeln sie die mechanischen Signale in elektrische Impulse um, die dann über den Hörnerv ins Gehirn geschickt werden. „Die Ohrschnecke ist gewissermaßen wie eine Tonleiter konstruiert“, erklärt Timo Stöver, Direktor der Klinik für HNO-Heilkunde am Universitätsklinikum Frankfurt. Das heißt, die Haarzellen am Eingang der Hörschnecke übermitteln die hohen Töne, die an der Spitze die tiefen. Von außen fällt beim Träger eines Cochlea-Implantats heute nur noch der Audioprozessor hinter der Ohrmuschel auf, der einem sehr dicken Brillenbügel gleicht. Dieser ist über eine magnetische Spule mit dem Implantat verbunden, das mit einem operativen Eingriff unter die Haut gesetzt wird, etwas hinter und über dem Ohr. Von dort muss ein Kanal in den Knochen gebohrt werden für die teils mehr als zwanzig Elektroden, die zur Hörschnecke führen. „Der Audioprozessor zerlegt den Schall in einzelne Frequenzen und sendet sie an das Implantat“, erklärt Stöver. Über die Elektroden in der Hörschnecke empfängt der Nerv dann die Impulse, das Innenohr wird so in gewisser Weise umgangen.

In der Gemeinschaft der tauben Menschen sind solche Implantate allerdings bis heute umstritten. Viele empfinden ihre Gehörlosigkeit nicht als ein medizinisches Problem, als Mangel, sondern verstehen sie als Teil ihrer kulturellen Identität. Manche fürchten auch, die Gebärdensprache könnte verlorengehen, denn Therapeuten empfahlen Eltern oft dogmatisch, nicht mehr in Gebärden mit ihren Kindern zu kommunizieren, nachdem diesen eines der Geräte implantiert worden war. Sogar vor Gericht wurde über diese Eingriffe bei Kindern gestritten, gleichzeitig ist zahlreichen Schwerhörigen oft nicht bewusst, dass man ihnen helfen kann.

An der Universitätsklinik in Frankfurt werden seit mehr als dreißig Jahren Cochlea-Implantate eingesetzt. „Am Anfang war das Ziel, Patienten, die vollständig gehörlos sind, dabei zu unterstützen, von den Lippen zu lesen und ihnen den Alltag etwas zu erleichtern“, sagt Stöver. Auch wenn sie keine Sprache verstehen konnten, war es doch nützlich, Geräusche wahrzunehmen, für das Richtungshören zum Beispiel. Seit Anfang der neunziger Jahre erhalten auch gehörlose Kinder solche Implantate, mittlerweile erfolgt der Eingriff meist schon im Alter von einem halben Jahr. Mit dem Ziel, dass sie möglichst wie normale Kinder hören und sprechen lernen. „Je früher die Versorgung stattfindet, desto besser sind die Ergebnisse“, erklärt Stöver. „Es gibt da ein kritisches Zeitfenster.“ Das Gehör braucht gewissermaßen Reize, sonst verkümmert es. Eine italienische Studie aus dem Jahr 2009 mit 13 Kindern kam zu dem Schluss, dass nur bei jenen, die bei der Implantation höchstens elf Monate alt waren, eine altersgerechte Sprachentwicklung möglich gewesen sei. Ein Cochlea-Implantat funktioniert außerdem ganz anders als eine Brille, die man aufsetzt und sofort klar sieht. Das Gehör muss trainiert werden, Menschen mit einem Cochlea-Implantat verstehen nicht sofort jedes Wort. Gerade für Kinder, die erst spät behandelt werden, bedeutet es meist viele Jahre intensiver Sprach- und Hörtherapie; nicht zu vergessen: ebenso für die Eltern. Und oft sind sie dann trotzdem stets darauf angewiesen, ihren Gesprächspartnern auf den Mund zu schauen, um sie zu verstehen.

Therapeuten und Mediziner hielten die Eltern zudem meist dazu an, gar nicht mehr in Gebärdensprache zu kommunizieren, um die Sprachentwicklung des Kindes zu fördern. Inzwischen entspricht das aber nicht mehr der Lehrmeinung. Untersuchungen zeigten sogar, dass die Gebärdensprache den Erfolg eines Implantats begünstigt, wenn diese schon früh als Erstsprache erlernt werde, berichtet die Linguistin Julia Krebs von der Universität Salzburg: „Für die Entwicklung eines Kindes ist wichtig, möglichst früh mit einer Sprache in Kontakt zu kommen.“ In welchem Alter Kinder eine Sprache erlernen, ob Gebärdensprache oder Lautsprache, wirke sich auf den späteren Lernerfolg, etwa in der Schule, aus.

„Ein Kind muss in der Sprache der Familie aufwachsen“, meint Roland Zeh, Leiter der Abteilung für Hörstörungen und Cochlea-Implantate an der Kaiserberg-Klinik in Bad Nauheim und Präsident der Deutschen Cochlea Implantat Gesellschaft. Rund fünf Prozent der Kinder, die gehörlos zur Welt kommen, haben ebenfalls taube Eltern. Solche Kinder könnten mit einem Cochlea-Implantat versorgt werden und dennoch mit ihrer Familie in Gebärden kommunizieren, sagt Zeh, zusätzlich sollten Sprachtherapien erfolgen. Für diese Form eines „bilingualen“ Ansatzes sprechen sich sowohl Pädagogen als auch der Gehörlosen-Bund aus, die Entscheidung für einen Eingriff können allerdings nur die Eltern treffen. Auch wenn es 2017 in Goslar sogar in einem Fall zum Prozess kam: Ein Krankenhaus hatte gehörlose Eltern verklagt, die ihr taubes Kind nicht transplantieren lassen wollten.

Berichten Medien über die Cochlea-Implantate, dreht sich in der Regel meist alles um taube Kinder. Aber laut Zeh sind die Träger überwiegend Erwachsene, die im Laufe ihres Lebens ertaubt sind. Und es könnten noch mehr Menschen von einem Transplantat profitieren: Senioren würden zwar etwas mehr Hörtraining brauchen, um sich an das Implantat zu gewöhnen, doch ein hohes Alter sei kein Hindernis. „Mein ältester Patient war 98 Jahre alt“, berichtet Roland Zeh. Auch Timo Stöver bestätigt, dass gerade Altersschwerhörige eine gute Prognose hätten, ihr Gehör zu verbessern. Wenn sie den Mut aufbringen, denn offenbar scheuen viele davor zurück, aus Angst, den Rest ihres Hörvermögens zu verlieren, oder sie wissen schlicht nicht um die Möglichkeiten eines Implantats.


In der Bismarcksee Mann spricht deutsch
Sprechen Sie Māori? Was sagen Sie denn dazu?

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung

Veröffentlicht: 17.11.2020 11:43 Uhr