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Leben im Anthropozän : Die Pandemie ist kein Überfall von Außerirdischen

  • -Aktualisiert am

Diese Luftaufnahme vom 2. April zeigt den Nachtmarkt in Shenyang in der nordöstlichen chinesischen Provinz Liaoning. Bild: AFP

Die weltweite Verbreitung von Covid-19 führt uns die Konsequenzen unserer Lebensweise vor Augen. Im Virus begegnen wir unserem Selbst und unserer Beziehung zur Natur. Aus den Fehlern sollten wir lernen.

          8 Min.

          Sars-CoV-2 dringt immer tiefer in unsere Welt ein. Es verändert tiefgreifend unseren Alltag, unser Leben. Es ist eine Situation, die wir so in Mitteleuropa bisher nicht erlebt haben und für die wir keine eigene Sprache ausgebildet haben. Nicht selten wird vom Krieg gegen die Viren gesprochen. Aber wer ist eigentlich der Gegner, gegen den dieser Krieg zu führen ist? In der Wissenschaft ist es umstritten, ob Viren überhaupt Lebewesen sind. Die Tatsache, dass sie sich vermehren können, deutet zwar darauf hin, allerdings sind sie dabei auf einen Wirt angewiesen. Der Wirt bietet das Milieu, in dem sie sich teilen, in dem sie aber auch mutieren. Sie selbst verfügen vor allem über das Programm, das die Teilung und damit Vermehrung steuert, nicht aber über eigene Stoffwechselprozesse. Insofern sind sie nicht selbständig und nicht als Lebewesen zu betrachten. Man kann Viren auch nicht im Sinne eines Krieges töten, sondern nur ihre Vermehrung stoppen.

          Menschliche Zellen werden zu Wirten des Coronavirus. In diesem Zuge wurden menschliche Lebensweisen, ökonomische Austauschprozesse sowie politische Strukturen zu den eigentlichen Medien der Vermittlung des Virus. Das Virus selbst erhält sich erst durch seinen Träger, ohne den es nicht existieren kann.

          Vor dem Hintergrund seiner biologischen Funktionsweise wird nun die kulturelle und soziale Rolle des Coronavirus klar. Es nistet sich in einen Träger ein, nämlich die Menschen, die seit geraumer Zeit den Planeten umgestalten. Diese Transformation des Planeten durch den Menschen wird heute als Anthropozän bezeichnet. Das neue Coronavirus interveniert nun in die Logiken der anthropozänen Welt. Dies ist kein von Menschen intendierter Prozess. In ihm tritt der Mensch zunächst als natürliche Spezies auf, als Träger und Übermittler von Viren. Diese greifen die durch Menschen geschaffene Welt an. Durch die rasante Vermehrung des Virus und seine Weitergabe werden Strukturen und Defizite dieser anthropozänen Welt wie unter einem Brennglas ausgeleuchtet und auf die Probe gestellt.

          Neuwagen auf Halde, aufgenommen mit einer Drohne am 30. April in Richmond, Kalifornien.

          Das Merkmal des Anthropozäns besteht darin, dass der Mensch durch die selbst geschaffenen Technologien und Infrastrukturen so tief in das Erdsystem eingreift, dass er nicht nur den Planeten als Ganzes transformiert, sondern auch das bisherige Gleichgewicht aus der Balance bringt. Dies zeigt sich daran, dass wesentliche Erdparameter vom Anstieg des Kohlendioxid-Gehalts bis zur Versauerung der Meere, vom Wasserverbrauch bis zur Herstellung von Plastik exponentiell ansteigen, ein Phänomen, das die Wissenschaft als „Great Acceleration“ – als große Beschleunigung – bezeichnet. Der Klimawandel, von dem wir in den letzten Jahren zunehmend betroffen sind, ist eine Konsequenz dieser Entwicklung.

          Ein grundlegendes Problem vieler dieser anthropozänen Prozesse besteht darin, dass sie nicht unmittelbar erfahrbar sind und deshalb auch keine Strategien entwickelt wurden, um mit ihnen umzugehen. Das hat wesentlich mit den Skalierungseffekten zu tun. Wir erleben zwar Trockenheit und Regen, aber nicht die Klimaveränderungen über längere Zeiträume. Wir unternehmen zwar Fernreisen, können aber nicht fassen, was es für den Planeten bedeutet, wenn täglich mehr als zweihunderttausend Flugzeuge Millionen von Menschen um die Erde transportieren. Das Virus führt uns nun die Konsequenzen einer im Rahmen der großen Beschleunigung exponentiell angestiegenen Mobilität vor Augen, in der Flüge über den Atlantik oder Reisen nach Fernost Teil der beschleunigten ökonomischen Austauschprozesse sind. Es sind genau diese Mobilitätsstrukturen, die zum Transportmittel des Virus werden.

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