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Leben im Anthropozän : Die Pandemie ist kein Überfall von Außerirdischen

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Die evolutionäre Rolle der Viren blenden wir einfach aus

Auch die Viren sind Teil dieser Lebenswelt. Erhebliche Teile unseres Erbgutes bestehen aus verstümmelten Viren. Die Geschichte des Lebens und der Evolution ist also auch eine Geschichte der Viren. Obwohl wir also ein naturwissenschaftliches Wissen über die Langzeitrolle der Viren in unserer Welt haben, blenden wir sie aus unserem Weltverständnis aus. Sie werden von unserem konsumptiven Weltmodell an den Rand gedrückt, passen in dessen Logik nicht hinein. Wir entwickelten kein Sensorium dafür, dass da eine Welt existiert, die konstitutiv für die unsere ist. Deshalb wird die Ausbreitung des Coronavirus wie ein Überfall von Außerirdischen empfunden und auch so beschrieben. Da wir keine Umgangsweisen für die sogenannten Randbedingungen unserer individuell-konsumptiven Lebensform entwickelt haben, sind wir gezwungen, egal was es kostet, Geld einzusetzen. Dieses Whatever it takes ist die Kompensation für ein Lebensmodell ungebremsten, auf Individuen abgestimmten Wachstums. Die Folgen des Klimawandels, die bisher auch als Kollateralschäden des dominanten Weltmodells verbucht wurden, könnten die nächsten Krisen auslösen.

Mittagspause in einer Automobilfabrik in Wuhan am 23. März.
Mittagspause in einer Automobilfabrik in Wuhan am 23. März. : Bild: AFP

Da dieses kostspielige Krisenmanagement nicht unbegrenzt angewandt werden kann, besteht die Herausforderung der Corona-Pandemie darin, neue Lebensmodelle zu entwickeln. Es muss darum gehen, Praktiken und Denkformen, ja ein neues Alphabet des Lebens und Zusammenlebens zu entwickeln, das die Einzelnen nicht als abgeschottete Monaden versteht, sondern sie als in eine komplexe Welt von Beziehungen eingebettet begreift. Um diese Austauschbeziehungen mit der materiellen und sozialen Welt im Sinne eines dynamischen Gleichgewichts zu erhalten, kann es nicht nur um die Durchsetzung der eigenen Interessen gehen; gleichzeitig muss ein Sensorium für die anderen und die Welt entwickelt werden. Dieses muss in einem Geben und Nehmen bestehen, in einem Einwirken auf, aber auch Sorge um die Welt, um eine persönliche Entfaltung, die aber die Solidarität mit den anderen miteinbezieht.

Zur Entwicklung dieser Praktiken ist auch eine neue Raumpolitik nötig: Es braucht kleine, dezentrale lokale und regionale Einheiten, die für alle Akteure einen gemeinsamen Erfahrungsraum darstellen. Auf dieser Grundlage gilt es, Mikroökonomien und -politiken zu entwerfen. Diese Erfahrungsräume könnten dank digitaler Kommunikationsstrukturen weltweit miteinander vernetzt sein. Allerdings sollte diese Vernetzung nicht durch Plattformen erfolgen, sondern durch Strukturen, die Nutzer unmittelbar in Kontakt bringt, um den dezentralen Charakter der Kommunikation aufrechtzuerhalten. Diese ökonomischen und politischen Strukturen würden dann auf einer Logik der Relationen und nicht auf einer Logik der Skalierung aufbauen, bei der es nur um möglichst große Stückzahlen, um immer größeren Profit geht – mit planetarischen Konsequenzen. In der Relationenlogik treten gleichwertige Einheiten, die jeweils lokale Strategien verfolgen, miteinander in einen Austausch.

Angesichts des Coronavirus hat sich in unseren Gesellschaften ein kleines Fenster geöffnet, um Handlungsspielräume zu gewinnen. Dieses Fenster gilt es ein Stück weit offen zu halten. Satelliten haben in den letzten Tagen Bilder aus Industrieregionen gesandt, deren Luft in der Vergangenheit völlig verschmutzt war. Jetzt wird die Atmosphäre klarer. Die Erde scheint an einigen Stellen durchzuatmen. Wir sollten ihrem Beispiel folgen und die Zeit nutzen, um die Frage zu beantworten, welche Welt wir wollen.

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