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Leben im Anthropozän : Die Pandemie ist kein Überfall von Außerirdischen

  • -Aktualisiert am

Es lauert die Gefahr des Überwachungsstaates, der seine Bürger nicht nur schützt

Statt neue Formen der Solidarität mit den vom Virus am härtesten Betroffenen im globalen oder auch nur Europas Süden zu suchen, schottet sich der Norden systematisch ab. Und die neuen Nationalisten nutzen unter völliger Verkehrung der wirklichen Ursachen die Wohlstandsängste aus, indem sie die alten Metaphoriken von Infektionskrankheiten neu beleben. Alte Rassismen aber dienen der Befeuerung einer martialischen Rhetorik, die darauf dringt, die Grenzen dichtzumachen. Hier zeigt sich erneut die Gerechtigkeitslücke, die auch bei anderen anthropozänen Phänomenen wie dem Klimawandel eine grundlegende Rolle spielt. Die am stärksten Betroffenen sind nicht die Verursacher der Prozesse.

Abstand halten ist auch das Gebot auf dem Leipziger Wochenmarkt, aufgenommen am 7. April.
Abstand halten ist auch das Gebot auf dem Leipziger Wochenmarkt, aufgenommen am 7. April. : Bild: dpa

National, aber auch global bedarf es Strategien, die diese Gerechtigkeitslücke schließen. Im nationalstaatlichen Rahmen erfolgt nicht nur in Deutschland zur Zeit angesichts der Pandemie eine solche politische Neubewertung, aber nur für die eigene Bevölkerung. Milliarden werden eingesetzt, um die am meisten Gefährdeten, ältere und kranke Menschen, im Innern zu schützen. So richtig dieser Schritt ist, löst er nicht das globale Gerechtigkeitsproblem.

Die Infrastrukturen der Technosphäre haben mittlerweile eine solche Komplexität erreicht, dass sie sich der Kontrolle entziehen und unsere Freiheitsräume und damit unsere Zukunft zubauen. Die Bekämpfung der Pandemie in China, die zunächst nur die Speerspitze dieser Entwicklung deutlich macht, führt besonders eindrücklich vor Augen, was alle Gesellschaften vor enorme Herausforderungen stellt: Die Mobilität und technische Durchdringung aller Lebensbereiche erzeugt zunehmend Phänomene, die scheinbar die totale Überwachung und Kontrolle aller sozialen Abläufe notwendig macht.

Erscheint inmitten der Krise die entschlossene staatliche Intervention als Gebot der Stunde, so lauert doch gleichzeitig die Gefahr des Überwachungsstaates, der seine Bürger nicht nur schützt, sondern auch kontrolliert. Dieser Ausnahmezustand könnte zur Regel werden.

Die Herausforderungen der anthropozänen Welt haben ihre Wurzeln in der Entwicklungsgeschichte der westlichen Moderne. Für lange Zeit bestand das Versprechen der westlichen Moderne darin, die Freiheit und Autonomie jedes Menschen zu garantieren. Dieses Autonomieversprechen wurde aber damit erkauft, dass die Natur zur ausbeutbaren Ressource erklärt wurde. Voraussetzung dafür war über Jahrhunderte, dass viele nichtwestliche Gesellschaften von der Reichtumsakkumulation ausgeschlossen wurden, indem sie nicht der Zivilisation, sondern der auszubeutenden Natur zugerechnet wurden.

Fahrradausflug in Zeiten von Corona, aufgenommen am 22. April bei Köln-Merkenich.
Fahrradausflug in Zeiten von Corona, aufgenommen am 22. April bei Köln-Merkenich. : Bild: dpa

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelten sich Konsumgesellschaften, in denen das ursprüngliche Freiheitsversprechen der Moderne mehr und mehr als Recht auf uneingeschränkten Konsum ausgelegt wurde: Die Möglichkeit für jeden Einzelnen, zu jeder Jahreszeit alle erdenklichen Produkte kaufen und überall hin reisen zu können, wurde zu einer grundlegenden Antriebskraft der Great Acceleration und damit des Anthropozäns. Die Logiken der Konsumgesellschaft plünderten die Ressourcen des Planeten und brachten ihn an den Rand des Kollapses.

Das Autonomie-Projekt der Moderne entwickelte sich damit mehr und mehr zu einem Angriff sowohl auf den Planeten als auch das Leben. Das Schutzprojekt, nämlich der Schutz der Freiheit des Einzelnen, entpuppte sich zunehmend als ein Expansionsprojekt, das unsere ganze Lebenswelt transformierte.

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