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Leben im Anthropozän : Die Pandemie ist kein Überfall von Außerirdischen

  • -Aktualisiert am

Es gibt keinen Ort, an den wir uns zurückziehen können

Die anthropozäne Welt ist eine Welt, in der es außer dem Weltraum kein Außen mehr gibt. Da menschliches Wissen und Technologie den Planeten als Ganzes transformieren, sind wir als Akteure immer auch Teil des Geschehens. Wir stellen permanent die Welt her, der wir dann auch ausgesetzt sind. Das Coronavirus verbreitet sich dank der Mobilität seines Wirtes auf dem gesamten Planeten aus. Deshalb gibt es keinen Ort, an den wir uns zurückziehen können, um von dort aus, geschützt vor dem Virus, auf die Erde zu blicken. Wir müssen unser Handeln und Denken als immanenten Teil dieser Prozesse begreifen. Die Idee, dass wir mit unserem Wissen die Welt beherrschen könnten, erweist sich somit als Illusion.

Das Virus und damit die Pandemie breitet sich aufgrund der anthropozänen Lebensformen mit einer bisher ungekannten Schnelligkeit aus. Die lokalen medizinischen Infrastrukturen kollabieren an vielen Stellen. Aus diesem Grund erkaufen wir uns jetzt mit Milliardenbeträgen Zeit, die es uns erlaubt, die adäquaten Lösungen für die existentielle Bedrohung zu entwickeln. Es sind Geldsummen notwendig, die jede menschliche Vorstellung übersteigen, um kompensatorisch auf die von uns selbst verursachte Problemlage zu reagieren. Diese ist eng verbunden mit der Logik der Beschleunigung, bei der die Wissensprozesse der letzten Jahrzehnte vor allem im Hinblick auf ihre technologische Anwendbarkeit und Profitabilität, aber nicht im Hinblick auf den gesellschaftlichen Nutzen und Sinn hin entwickelt wurden. Dabei haben wir in der Vergangenheit Strukturen geschaffen, die unsere Zukunft verbauen.

Ein Strand bei Hongkong, aufgenommen am 19. April.
Ein Strand bei Hongkong, aufgenommen am 19. April. : Bild: AFP

Die anthropozäne Welt beruht auf gigantischen technologischen Infrastrukturen, die sich über den ganzen Planeten erstrecken, von Staudämmen über Raffinerien, Flughäfen, Straßen- und Eisenbahnnetzen bis zu Ölpipelines, Lieferketten zwischen verschiedenen Produktionsstandorten und digitalen Infrastrukturen mit ihren weltumspannenden Kabelnetzwerken und Serversystemen. Diese Infrastrukturen werden mehr und mehr digital miteinander vernetzt und entwickeln sich zu einer eigenen Sphäre, der Technosphäre. Die Technosphäre ist äußerst kapitalintensiv und führt zur Akkumulation von ökonomischer Macht.

Dies hat zwei Konsequenzen, die durch die Corona-Krise aufgedeckt werden. Die Herstellung der Infrastrukturen, die für die Beschleunigungsphänomene des Anthropozäns verantwortlich sind, hat Gelder aus Bereichen abgezogen, die nicht im engeren Sinne produktiv für diese Entwicklung waren. Dies gilt insbesondere für das Gesundheitswesen, das in fast allen Ländern nicht auf diese Form der Pandemie vorbereitet war.

Hinzu kommt, dass die ursprünglichen Verbreiter der Pandemie Akteure der globalisierten Welt sind, Menschen, die aus wirtschaftlichen oder touristischen Gründen Grenzen und Kontinente überqueren. Betroffen von der Pandemie sind aber auch sehr viele Menschen des globalen Südens, die von diesen Prozessen nicht profitieren, aber ihnen ausgesetzt sind. Ihnen stehen fast keine Mittel zur Verfügung, sich gegen die Ausbreitung des Virus zu wehren. Viele verlieren ihre Jobs aufgrund der Wirtschaftskrise, Tagelöhner können sich nicht mehr frei bewegen, ihnen fehlt der tägliche Lohn für ihre Arbeitskraft. Wer trotz der schlechten Versorgung nicht krank wird, gerät aufgrund der kollabierenden Ökonomien in eine existentielle Bedrohungslage. Die Politik erobert das Primat gegenüber der Ökonomie zurück, jedoch ohne die eigene globale Verantwortung zu akzeptieren.

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