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Wie verändert sich das Bild von Pius XII., wenn die Historiker die Akten seines Pontifikats studieren? 1957 saß der Papst in Castel Gandolfo dem schottischen Maler Leonard Boden Modell. Bild: akg-images / AP

Die Akten zu Pius XII. : Der „Stellvertreter“ hat abgedankt

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Seit zwei Jahren sind die vatikanischen Bestände zu Pius XII. zugänglich. Mit der Erfassung der von einem eigenen Büro bearbeiteten Bittgesuche verfolgter Juden könnten sich Rolf Hochhuths Vorwürfe erledigen.

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          Vor zwei Jahren, am 2. März 2020, öffnete der Heilige Stuhl seine Archive für die Zeit des gesamten Pontifikats von Pius XII. (1939 bis 1958). Es hätte kaum ein symbolträchtigeres Datum geben können, denn am 2. März 1876 wurde Eugenio Pacelli geboren, der am 2. März 1939 zum Papst gewählt wurde. Sein Pontifikat war durch den Zweiten Weltkrieg und den Kalten Krieg geprägt. So überrascht es kaum, dass dieser Papst zeitgenössischer Kriegspropaganda ausgesetzt war und nicht erst nach seinem Tod gegensätzlich beurteilt wurde. Nationalsozialisten und sowjetrussische Kommunisten haben schon im Krieg dieselbe Schwarze Legende über ihn verbreitet: Pius XII. habe zur deutschen Judenverfolgung geschwiegen, um Hitlers Krieg gegen den Bolschewismus zu unterstützen. Die Legende fand durch Rolf Hochhuths Theaterstück „Der Stellvertreter“ von 1963 weite Verbreitung. Hochhuth trieb mehrere Historikergenerationen vor sich her, die sich befleißigten, die Legende zu bestätigen oder zu widerlegen. Der Dichter wurde zum „Fallensteller“, wie es der Historiker Thomas Brechenmacher 2001 formulierte.

          Der Heilige Stuhl veröffentlichte daraufhin von 1965 bis 1981 mehr als 7000 Dokumente aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs in einer elfbändigen Edition („Actes et Documents du Saint Siège“). Während vergleichbare Akteneditionen aus Deutschland, der Schweiz, Großbritannien, den Vereinigten Staaten, Frankreich oder Italien als Beiträge zur Grundlagenforschung gelten, sah sich die vatikanische Edition dem Generalverdacht ausgesetzt, dass Archivalien, die Pius XII. belasten könnten, nicht publiziert worden seien. Tatsächlich dokumentiert diese Edition die zahllosen diplomatischen Anstrengungen des Papstes. Privater Schriftverkehr, auch jener mit verfolgten Juden, die sich hilfesuchend an den Papst wandten, gehörte nach den international standardisierten Editionskriterien nicht in eine derartige Aktenedition.

          Ein zusätzlicher Lesesaal

          Als am 2. März 2020 die Vatikanischen Archive die Akten des Pontifikats von Pius XII. bereitstellten, kamen Historiker aus aller Welt, um die gut 16 Millionen Blatt in den verschiedenen Archiven des Heiligen Stuhls einzusehen. Bischof P. Sergio Pagano, der Leiter des Vatikanischen Apostolischen Archivs, das bis 2019 noch Vatikanisches Geheimarchiv hieß, hatte während des laufenden Betriebs die Räumlichkeiten modernisiert und einen zusätzlichen Lesesaal errichten lassen. Übrigens ist der Heilige Stuhl Vorreiter einer revolutionären Archivpolitik. Das Historische Archiv des päpstlichen Staatssekretariats für die auswärtigen Angelegenheiten bietet seinen Benutzern ausschließlich digitalisierte Dokumente statt Originalunterlagen. Dank einem elektronischen Inventar können sie gleichzeitig allen Besuchern unter Schonung der Originale präsentiert werden. Es mag technisch zwar möglich sein, diese Digitalisate online auch außerhalb von Rom zur Verfügung zu stellen, doch gebietet es die wissenschaftliche Seriosität, dass ein Archiv solche Quellen nicht ohne Weiteres aus der Hand gibt. Sie müssen gründlich erschlossen und eingeleitet werden, wie es die Universität Münster mustergültig bei den Nuntiaturberichten Pacellis vorgemacht hat.

          Der Heilige Geist hatte die Wahl: Am Aschermittwoch des Jahres 1939, dem 22. Februar, veröffentlichte die amerikanische Tageszeitung „The Minneapolis Star“ die Liste der Kardinäle, die nach dem Tod von Pius XI. in Rom zum Konklave zusammentraten.
          Der Heilige Geist hatte die Wahl: Am Aschermittwoch des Jahres 1939, dem 22. Februar, veröffentlichte die amerikanische Tageszeitung „The Minneapolis Star“ die Liste der Kardinäle, die nach dem Tod von Pius XI. in Rom zum Konklave zusammentraten. : Bild: Star Tribune

          Wegen der Pandemie waren die neu geöffneten Bestände zunächst nur vom 2. bis 10. März 2020 zugänglich. Trotzdem publizierte „Die Zeit“ vom 23. April 2020 einen Artikel, in dem eine Studiengruppe der Universität Münster auf zwei Zeitungsseiten neue Archivfunde vorzustellen beanspruchte. Nur ein einziges Dokument war wirklich neu, der Entwurf einer Antwort auf eine amerikanische Bitte um Verifikation von Informationen zur nationalsozialistischen Judenverfolgung, und aus einer einzelnen Formulierung zogen Hubert Wolf und seine Mitarbeiter weitreichende Schlüsse über antisemitische Vorurteile in der kurialen Bürokratie. Aktenstücke können aber nur im Zusammenhang interpretiert werden.

          Deswegen ist das im September 2020 erschienene Buch „Le Bureau. Les Juifs de Pie XII“ des vatikanischen Archivars Johan Ickx besonders wertvoll. Wegen der Auswirkungen der Pandemie ist es die einzige Veröffentlichung, die wirklich neue Quellen präsentiert, im Plural und im Sinne eines zusammengehörigen Bestandes. Ickx hat eine sensationelle Entdeckung gemacht: Pius XII. hat bei Kriegsbeginn eine eigene Organisationseinheit im Staatssekretariat eingerichtet, die sich ausschließlich mit Anfragen und Bittschriften von verfolgten Juden aus ganz Europa befasste. Auf diese Weise liefen im Staatssekretariat Informationen über Deportationszüge, Razzien und schließlich auch systematische Vernichtung in den Konzentrationslagern zusammen.

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