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Nachlass von Peter Noll : Was steht dem Recht im Weg?

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Um Bücher zu schreiben, die Kollegen in Halbleder mit Goldrand gedruckt sehen wollen, muss man viel gelesen haben: Peter Noll hatte das Studium der Rechte 1945 in seiner Heimatstadt Basel begonnen und setzte es in Lausanne und Paris fort. Von Paris aus besuchte er 1946 das Schloss von Sceaux. Bild: Schweizerisches Literaturarchiv

Gesetze sollen Missstände beseitigen, also muss ihre wissenschaftliche Analyse bei den wirklichen Verhältnissen ansetzen. Der Nachlass des aus Basel gebürtigen Juristen Peter Noll, den diese Maxime leitete, ist für die Forschung erschlossen.

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          Nein, Montesquieu, der wusste sicherlich / noch nichts von der Existenz des Nollerich.“ Neben solch kuriosen Versen aus einem von Schülern gestalteten Pamphlet finden sich im neu erschlossenen Nachlass von Peter Noll (1926 bis 1982) zahlreiche Typoskripte und Entwürfe, Fotografien und eine weitgespannte Korrespondenz. Nicht nur mit den namhaften deutschsprachigen Juristen seiner Zeit stand der gebürtige Basler in Kontakt; er verkehrte genauso mit Dürrenmatt und Frisch, dem Verleger Siegfried Unseld oder dem Soziologen Helmut Schelsky – der einen längeren Briefausschnitt von Noll sogar in einem Aufsatz wiedergibt. In ihrem Zusammenspiel lassen die Dokumente ein weites Stück Hochschul-, Zeit- und Rechtsgeschichte lebendig werden.

          Bei aller Breite ist die erhaltene Korrespondenz ausgesprochen lückenhaft. Im Verhältnis zur F.A.Z. haben sich beispielsweise nur die beiden Briefe erhalten, die der kürzlich verstorbene Karl Heinz Bohrer an Peter Noll richtete, nicht aber dessen Antworten. In seinem zweiten Schreiben bedankt sich der damalige Literaturchef für die Zusage zu einer Rezension und fügt entschuldigend hinzu: „Wenn ich übrigens nicht wußte, daß Sie für die F.A.Z. schon zweimal geschrieben haben, so lag das gewiß daran, daß ich in diesen Tagen halt nicht die eigene Zeitung genau gelesen habe, jedenfalls nicht den Teil außerhalb des Feuilletons und des Literaturblatts.“

          Nolls Artikel über die Reform des politischen Strafrechts, der im Februar 1967 in dieser Zeitung erschienen war, führt seine Tugenden als Jurist wie Stilist musterhaft vor. Er, der die erste Aufgabe des Rechts in der Machtkritik sah, stellte auch hier der Frage nach den richtigen Gesetzen die nach den wirklichen Verhältnissen voran: „Worin besteht denn zur Hauptsache der Mißstand, der als Problemimpuls den gesetzgeberischen Akt auslöste?“ Die Antwort entnahm er den neuesten Statistiken: „Er besteht in einem auffälligen Missverhältnis zwischen der Zahl der polizeilichen Ermittlungsverfahren in politischen Strafsachen und der Zahl der Verurteilungen.“

          Mitteilungen von Beamten und Erfahrungen mit Gesetzen

          Dieser Zugriff ist bezeichnend für den späteren Autor der „Gesetzgebungslehre“, der sein Forscherleben lang auf eine durchdachtere und besser informierte Gesetzgebung drang und eine engere Zusammenarbeit mit der Kriminalistik anstrebte. Seinen Strafrechtskollegen Günter Stratenwerth zitierte Noll in dem Artikel ebenso wie die Leichenrede des Perikles oder die private Mitteilung „eines hohen eidgenössischen Beamten“ zu Fragen der Spionageabwehr. Ganz nebenbei entstand so, wie sein Frankfurter Kollege Klaus Lüderssen bemerkte, „eine Art Enzyklopädie rechtsphilosophischer, rechtssoziologischer und rechtstheoretischer Probleme“. Von diesen unverhofften Querbezügen her ergeben sich Folgerungen, die wie in die Gegenwart gesprochen scheinen: „Die Mosaiktheorie der Rechtsprechung, nach welcher auch allgemein bekannte Tatsachen, wenn sie systematisch gesammelt und zusammengestellt werden, durch diesen systematischen Zusammenhang ein Geheimnis bilden können, ist angesichts der Computertechnik ein Anachronismus.“ Ohne die Eigengesetzlichkeit und Trägheit des politischen Systems zu verkennen, trat Noll für eine Einschränkung oder sogar Abschaffung der Staatsdelikte ein. Mit der erst vor drei Jahren erfolgten Aufhebung des Paragraphen 103 des Strafgesetzbuchs, der die Majestätsbeleidigung unter Strafe stellte, ist ein weiterer Schritt in dieser Richtung erfolgt.

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