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Soziale Rollensysteme : Schwerenöter und Schwerenöterinnen

  • -Aktualisiert am

Die Rollen sind klar verteilt: Aphrodite, Pan und Eros aus der griechischen Mythologie. Bild: Picture-Alliance

Der triebgesteuerte Mann, die Frau als Opfer seiner Übergriffe: Dieses Rollenbild ist genauso männer- wie frauenfeindlich. Vielleicht sollte der männliche Drang zum Anbaggern weniger biologisch, sondern soziologisch erklärt werden.

          Während die attraktive Frau sich dem einen ihrer Verehrer zuwendet, erwidert sie gleichzeitig die schmachtenden Blicke der anderen, um ihn zu verunsichern. An widerspruchsvollen Handlungen wie dieser hat Georg Simmel einst die erotische Werbung zu analysieren versucht. Auch den heutigen Soziologen gilt sie als eine Art des Kommunizierens, die aus guten Gründen mehrdeutig bleibt, aber ebendeshalb auch zu zahlreichen Missverständnissen und Erwartungsenttäuschungen führt. Die Konflikte sind dabei gleichsam schon programmiert.

          Das beginnt schon mit der Unterscheidung zwischen der Spielform des Flirts und dem Ernstfall der scharfen Anmache. Der Flirt gilt, und zwar mit einem seiner soziologisch wichtigsten Prädikate, als harmlos. Sich einem Flirtversuch zu verweigern oder der eigenen Partnerin vorzuwerfen, dass sie dies Dritten gegenüber versäumt habe, kann als humorlos gerügt werden. Deshalb trifft die Ablehnung hier weniger hart, als wenn ein unmissverständlicher Antrag abblitzt.

          So senkt der Umstand, dass neben der Anmache auch ihre unverbindliche Pantomime zur Verfügung steht, die Schwellen vor dem ersten Schritt: Flirtend kann man sie überschreiten, ohne ein ernsthaftes Interesse auszudrücken und sich dadurch verwundbar zu machen. Aus demselben Grund muss dann aber auch die Grenze zur Anmache unklar bleiben. Sie hat nicht die Form einer klaren Linie, sondern eher die einer breiten Zone der Überschneidung, und innerhalb dieser Zone ist es dann mehr oder minder normal, dass jeder der beiden die Situation anders interpretiert als der andere.

          Von Kommunikation, deren Absicht nicht belegbar ist

          Es wäre schön, wenn man Kommunikation einsetzen könnte, um Klarheit zu schaffen. Das ist jedoch nicht immer der Fall. Denn die erotische Werbung besteht aus indirekten Kommunikationen, das heißt aus solchen, die beabsichtigt zu haben man unwiderleglich bestreiten kann. Das gilt vor allem für die Rolle der Frau. Da es Sache des Mannes wäre, die Initiative zu ergreifen oder die nächstfällige Schwelle zu nehmen, kann sie ihn dazu nur in Formen ermuntern, die ihr nicht als Handlung mit Aufforderungscharakter zurechenbar sind: die eine Dame lässt ihr Tüchlein fallen, die andere sucht ihr Feuerzeug und findet es nicht. Das erleichtert es ihr, unschuldig zu bleiben und mit Empörung zu reagieren, wenn es ernst wird.

          Wenn eine Dame nein sagt, dann meint sie vielleicht, wenn sie vielleicht sagt, dann meint sie ja, und wenn sie ja sagt, dann ist sie eben keine Dame. Diesen Satz Talleyrands muss man nicht unterschreiben, um festzuhalten, dass in der erotischen Werbung auch auf die Unterscheidung von Ja und Nein kein Verlass ist. Wie wenig der schlichte Grundsatz „Nein heißt Nein!“ das kommunikative Verhalten umworbener Frauen trifft, zeigte eine Befragung amerikanischer Studentinnen aus dem Jahre 1988. Fast vierzig Prozent der Befragten gaben seinerzeit zu, dass sie schon einmal nein gesagt haben, wo sie ja meinten, etwa um den Mann zu weiteren Anstrengungen anzustacheln, oder weil sie wollten, dass er sie anfleht. Aber wie kann der Zurückgewiesene die gespielte Unnahbarkeit von echtem Unwillen unterscheiden – außer durch einen erneuten Versuch, der dann aber das Risiko läuft, von der Unwilligen völlig zu Recht als übergriffig gebrandmarkt zu werden.

          Diese Soziologie der erotischen Werbung hat den Vorzug, das Verhalten der Männer wie der Frauen auf soziale Merkmale zurückzuführen, die an einer gesellschaftlichen Rollendifferenzierung hängen und mit ihr sich ändern ließen. Sie kommt ohne die feste Zuschreibung spezifisch männlicher oder spezifisch weiblicher Eigenschaften aus. Darauf hat unlängst der Mainzer Geschlechtersoziologe Stefan Hirschauer in einem ebenso kurzen wie gehaltvollen Zeitschriftenbeitrag zur MeToo-Debatte aufmerksam gemacht: In den dort angeprangerten Aggressionen der Männer spiegele sich eher ihre bisherige Rolle in der Kontaktanbahnung als ein unverlierbares Merkmal ihres Geschlechts. Hirschauer kann sich daher auch vorstellen, dass es bei umgekehrter Verteilung der Initiativrechte die Frauen wären, die sich in ähnlicher Weise danebenbenähmen.

          Das soziologische Argument richtet sich nicht gegen die Ziele der feministischen Kampagne, sondern gegen ihre semantische Ausstattung, in der Hirschauer einen geschlechterpolitischen Rückfall sieht. Der Mann als geborener Schwerenöter, der beim Anblick einer attraktiven Frau immer sogleich die Besinnung verliert, und die Frau als argloses Opfer seiner Anzüglichkeiten und Übergriffe – diese zugleich männer- und frauenfeindliche Vorstellung verführe dazu, seinen Anteil zu überschätzen und ihren zu unterschätzen. Die Inszenierung weiblicher Schönheit sei niemals nur „Selbstausdruck“, sondern immer auch mächtige Einflussentfaltung. Der Titel des Beitrags ist denn auch an die Frauen adressiert: You Too.

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