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Der Brexit und die Historiker : Jetzt musst du springen

Wer der erste Mann in Westminster bleiben will, muss die Kunst des polemischen Fingerzeigs beherrschen. Boris Johnson in der Fragestunde des Unterhauses am 23. Oktober 2019 Bild: AP

Die Privatschulen und die beiden alten Universitäten Englands sind immer noch Pflanzstätten des politischen Nachwuchses. Der Historiker Dominik Geppert sagt: Die Rivalität von Cameron und Johnson gleicht einem verspäteten Schulhofkampf.

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          Andrew Roberts hat es prophezeit. Der freischaffende, in Cambridge ausgebildete Historiker, Autor von Biographien über Winston Churchill, dessen Gegenspieler Lord Halifax und den großen viktorianischen Premierminister Lord Salisbury, sagte am 31. Mai 2015 in der „Sunday Times“ voraus, dass Boris Johnson sich an die Spitze der Kampagne für einen Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union stellen werde. Neun Monate später geschah es. Am 21. Februar 2016, einen Tag nachdem Premierminister David Cameron den 23. Juni 2016 als Tag des Referendums bekanntgegeben hatte, trat der Bürgermeister von London vor die Tür seines Hauses, um den Journalisten mitzuteilen, dass er für den Austritt plädieren wolle.

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Johnson hatte über viele Jahre das Image des Unberechenbaren kultiviert. Roberts glaubte sein Verhalten gleichwohl berechnen zu können, ausdrücklich unter Rückgriff auf ein Gesetz: „Cowling’s Law“. Der 2005 verstorbene Historiker Maurice Cowling, von 1963 bis 1993 Fellow von Peterhouse, dem konservativsten College in Cambridge, war zwar ein höhnischer Kritiker des Projekts der politischen Wissenschaft gewesen, das menschliche Leben auf Regelmäßigkeiten zu reduzieren. Aber Roberts goss für seinen Zeitungsartikel eine fundamentale Hypothese der unübertrefflich dicht beschreibenden Monographien Cowlings zur politischen Geschichte Englands im neunzehnten und zwanzigsten Jahrhundert in Gesetzesform.

          Es kommt nur auf sechs Männer an

          Zu jedem beliebigen Zeitpunkt, so fasste Roberts Cowling zusammen, gebe es in Westminster nur ungefähr sechs Politiker, auf die alles ankomme. Sie befänden sich in einem Verhältnis der Konkurrenz, und zwar unabhängig von der Parteizugehörigkeit. Ständig belauerten sie einander, und gleichzeitig liege jeder von ihnen auf der Lauer, um eine Welle der öffentlichen Meinung abzupassen, die ihn an die Macht tragen könne. „Immer wenn fünf von diesen sechs zu einer großen Streitfrage des Tages dasselbe sagen, ist es unvermeidlich, dass der Sechste das Gegenteil sagt.“

          Für den Fall, dass Johnson sich die Gelegenheit entgehen lassen sollte, stellte Roberts das Szenario in den Raum, dass Philip Hammond, der damalige Außenminister, während der Verhandlungen mit Brüssel über die Bedingungen eines Verbleibs in der EU wegen eines technischen Details überraschend seinen Rücktritt erklären könnte, um den vakanten Platz an der Spitze der Austrittsbewegung einzunehmen. Nach der Ernennung Johnsons zum Premierminister trat Hammond am 24. Juli 2019 als Schatzkanzler zurück; seitdem spricht er im Unterhaus für die Tories, die einen Austritt ohne Deal abwenden wollen. In Cowlings Universum war das keine Überraschung.

          Als Dominik Geppert an der Universität Potsdam über den Brexit seine Antrittsvorlesung als Professor für Geschichte des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts mit dem Titel „Der Primat der Politik“ hielt, griff er zur Erklärung von Johnsons Entscheidung für die Austrittspartei ebenfalls auf Cowling zurück. Geppert, ein Schüler von Hagen Schulze, der vor seinem Wechsel nach Potsdam als Nachfolger Klaus Hildebrands an der Universität Bonn lehrte, steht als Verfasser einer Habilitationsschrift über den öffentlichen Meinungskampf als Außenseite des deutsch-britischen Antagonismus vor 1914 und als Gründungsvorsitzender der Arbeitsgruppe Internationale Geschichte im Historikerverband in einer deutschen geschichtswissenschaftlichen Tradition, die von einer relativen Autonomie der auswärtigen Politik ausgeht. In der von Cowling inspirierten Peterhouse-Schule hat man es mit politisch oft explizit konservativen Historikern zu tun, die eine extrem zugespitzte Variante der Lehre vom Primat der Innenpolitik vertreten.

          Überzeugungen sind Mittel zum Zweck

          Für die von Cowling zur Erklärung der politischen Welt ausgebaute Innensicht des politischen Systems, so referierte ihn Geppert, sind nationale Interessen nur eine Funktion von Parteiinteressen. Die Aktionen der maßgeblichen Politiker, deren Kreis Cowling immerhin zehnmal größer fasste als sein journalistischer Anwender Roberts, sind Reaktionen auf Handlungen anderer, und die Äußerung von Überzeugungen dient im politischen Spiel als Mittel zum Zweck. Geppert machte die sozialhistorischen Voraussetzungen eines solchen exklusiven Verständnisses von Politik namhaft: die Sozialisierung der Politiker. Die Privatschulen und die beiden alten Universitäten sind immer noch Pflanzstätten des politischen Nachwuchses, wie gerade das Kabinett Cameron zeigt. Geppert beschrieb die Rivalität von Cameron und Johnson als einen verspäteten Schulhofkampf.

          Der Umstand, dass Johnson probeweise zwei Kolumnen für den „Daily Telegraph“ niedergeschrieben hatte, bevor er für oder gegen Europa optierte, ist in Deutschland als Beweis des Zynismus skandalisiert worden. Nach Geppert gehört es zur rhetorischen Schulung des englischen Politikers, dass er vor der öffentlichen Selbstfestlegung eine Debatte mit sich selbst führt und die Argumente beider Seiten kunstgerecht ausformuliert.

          In drei dicken Büchern legte Cowling seine Auffassung von den politischen Abläufen dar: „1867: Disraeli, Gladstone and Revolution“ (1967) über die von den Konservativen und nicht von den Liberalen ins Werk gesetzte Wahlrechtsreform, „The Impact of Labour“ (1971) über die Jahre 1920 bis 1924 und „The Impact of Hitler“ (1975) über die Jahre 1933 bis 1940. Auch mit den Buchtiteln betrieb Cowling eine Politik der Provokation: Er betrachtete die Labour-Partei als ein Phänomen von der Art Hitlers, als äußere Bedrohung für das System von Westminster.

          Guerillamarketing im Werben um das Volk

          Geppert holte die strukturhistorische Pointe dieses geradezu unverfroren elitären Modells der „hohen Politik“ ans Licht. Cowling entwickelte seine Theorie für „Scharniermomente“ der englischen Geschichte, in denen es um Krieg und Frieden oder Bürgerkrieg und Klassenfrieden ging. Die Geschlossenheit des parlamentarischen Betriebs ließ sich als Moment der Stabilität darstellen. Im Vergleich mit den Staaten Kontinentaleuropas hatte Großbritannien die Umwälzungen des früher revolutionär oder industriell genannten Zeitalters besser überstanden, weil die Verfolgung eigener Interessen durch die Politiker an den Grenzen des Parlaments haltmachte. Das Parlament selbst wurde nicht in Frage gestellt.

          Das hat sich geändert: Geppert sprach von „Guerillamethoden“ der Referendumskampagne, die Johnson im bevorstehenden Parlamentswahlkampf jetzt gegen das Parlament wenden werde. Ein Nachahmer Cowlings könnte ein Buch mit dem Titel „The Impact of Brexit“ schreiben. Aber der Brexit, das Versprechen, die Kontrolle über die eigenen nationalen Angelegenheiten zurückzugewinnen und dabei auch noch Geld zu sparen, ist kein Ereignis, das der englischen Verfassung äußerlich bleiben kann. Die Austrittsentscheidung kann man nach Cowlings Methode erklären (wobei Geppert auch andere Faktoren außer dem Machtkampf der Parteipolitiker heranzog, neben „politics“ auch „polity“ und „policy“, die Strukturen der Verfassung und die Richtlinien zumal der Wirtschaftspolitik), aber es ist gut möglich, dass sie Cowlings Welt zerstört hat.

          Dann ginge Boris Johnson als der Antipode Benjamin Disraelis in die englische Geschichte ein, der 1867 das liberale Projekt der Wahlrechtsausdehnung übernahm und damit den Grund dafür legte, dass die Konservativen zur natürlichen Regierungspartei wurden. An die Reform von 1867 knüpft sich im Gedächtnis der politischen Klasse das Wort vom „Sprung ins Dunkle“. Nicht der Schatzkanzler Disraeli sprach es, sondern der Premierminister Lord Derby. Wie Angus Hawkins in seiner Biographie Derbys zeigte, war das Bild in den Diskussionen um das Wahlrecht längst geläufig. Die Debattenroutine veralltäglicht die Risikoerwartung. Andersherum gewendet: Gerade in einem ungefährdeten Herrschaftsraum können kühne Reden geschwungen werden.

          Seit Disraeli gibt es in England das Muster einer Politik, die das gesellschaftliche Experiment mit dem persönlichen Risiko des Politikers verkoppelt, ja, scheinbar sogar absichert. Bei Roberts, der Johnson mit allen Mitteln zu überreden versuchte, wirklich gemäß Cowlings Gesetz zu handeln, begegnet das Muster im klassischen Bild: Der Brexit wäre „ein großer Sprung ins Dunkle“ – und Johnson müsse „springen“, um seine Chance zu nutzen. Cowling widmete sein Buch über 1867 dem Premierminister von 1967 – weil Harold Wilson den Typus des manipulativen Parteiführers verkörperte. Wenn Dominik Geppert ein Buch über den Brexit schreibt, wird er es wohl nicht Boris Johnson widmen.

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