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Der Brexit und die Historiker : Jetzt musst du springen

Der Umstand, dass Johnson probeweise zwei Kolumnen für den „Daily Telegraph“ niedergeschrieben hatte, bevor er für oder gegen Europa optierte, ist in Deutschland als Beweis des Zynismus skandalisiert worden. Nach Geppert gehört es zur rhetorischen Schulung des englischen Politikers, dass er vor der öffentlichen Selbstfestlegung eine Debatte mit sich selbst führt und die Argumente beider Seiten kunstgerecht ausformuliert.

In drei dicken Büchern legte Cowling seine Auffassung von den politischen Abläufen dar: „1867: Disraeli, Gladstone and Revolution“ (1967) über die von den Konservativen und nicht von den Liberalen ins Werk gesetzte Wahlrechtsreform, „The Impact of Labour“ (1971) über die Jahre 1920 bis 1924 und „The Impact of Hitler“ (1975) über die Jahre 1933 bis 1940. Auch mit den Buchtiteln betrieb Cowling eine Politik der Provokation: Er betrachtete die Labour-Partei als ein Phänomen von der Art Hitlers, als äußere Bedrohung für das System von Westminster.

Guerillamarketing im Werben um das Volk

Geppert holte die strukturhistorische Pointe dieses geradezu unverfroren elitären Modells der „hohen Politik“ ans Licht. Cowling entwickelte seine Theorie für „Scharniermomente“ der englischen Geschichte, in denen es um Krieg und Frieden oder Bürgerkrieg und Klassenfrieden ging. Die Geschlossenheit des parlamentarischen Betriebs ließ sich als Moment der Stabilität darstellen. Im Vergleich mit den Staaten Kontinentaleuropas hatte Großbritannien die Umwälzungen des früher revolutionär oder industriell genannten Zeitalters besser überstanden, weil die Verfolgung eigener Interessen durch die Politiker an den Grenzen des Parlaments haltmachte. Das Parlament selbst wurde nicht in Frage gestellt.

Das hat sich geändert: Geppert sprach von „Guerillamethoden“ der Referendumskampagne, die Johnson im bevorstehenden Parlamentswahlkampf jetzt gegen das Parlament wenden werde. Ein Nachahmer Cowlings könnte ein Buch mit dem Titel „The Impact of Brexit“ schreiben. Aber der Brexit, das Versprechen, die Kontrolle über die eigenen nationalen Angelegenheiten zurückzugewinnen und dabei auch noch Geld zu sparen, ist kein Ereignis, das der englischen Verfassung äußerlich bleiben kann. Die Austrittsentscheidung kann man nach Cowlings Methode erklären (wobei Geppert auch andere Faktoren außer dem Machtkampf der Parteipolitiker heranzog, neben „politics“ auch „polity“ und „policy“, die Strukturen der Verfassung und die Richtlinien zumal der Wirtschaftspolitik), aber es ist gut möglich, dass sie Cowlings Welt zerstört hat.

Dann ginge Boris Johnson als der Antipode Benjamin Disraelis in die englische Geschichte ein, der 1867 das liberale Projekt der Wahlrechtsausdehnung übernahm und damit den Grund dafür legte, dass die Konservativen zur natürlichen Regierungspartei wurden. An die Reform von 1867 knüpft sich im Gedächtnis der politischen Klasse das Wort vom „Sprung ins Dunkle“. Nicht der Schatzkanzler Disraeli sprach es, sondern der Premierminister Lord Derby. Wie Angus Hawkins in seiner Biographie Derbys zeigte, war das Bild in den Diskussionen um das Wahlrecht längst geläufig. Die Debattenroutine veralltäglicht die Risikoerwartung. Andersherum gewendet: Gerade in einem ungefährdeten Herrschaftsraum können kühne Reden geschwungen werden.

Seit Disraeli gibt es in England das Muster einer Politik, die das gesellschaftliche Experiment mit dem persönlichen Risiko des Politikers verkoppelt, ja, scheinbar sogar absichert. Bei Roberts, der Johnson mit allen Mitteln zu überreden versuchte, wirklich gemäß Cowlings Gesetz zu handeln, begegnet das Muster im klassischen Bild: Der Brexit wäre „ein großer Sprung ins Dunkle“ – und Johnson müsse „springen“, um seine Chance zu nutzen. Cowling widmete sein Buch über 1867 dem Premierminister von 1967 – weil Harold Wilson den Typus des manipulativen Parteiführers verkörperte. Wenn Dominik Geppert ein Buch über den Brexit schreibt, wird er es wohl nicht Boris Johnson widmen.

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