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Wiedergeburt : Bist du es denn?

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Fenster der Seele. Drusisches Mädchen aus dem Dorf Sharoun im Libanon mit der traditionellen Kopfbedeckung, dem Mandil Bild: Getty

In der Religionsgemeinschaft der Drusen hält sich der Glaube an Reinkarnation. Für Anthropologen ist das faszinierend, für die Betroffenen mitunter problematisch.

          Ungefähr fünf Jahre nachdem Saeeds Mutter bei einem Unfall gestorben war, berichtete ihm ein Mann aus dem Nachbardorf von ihrer Wiedergeburt – im Körper seiner vierjährigen Nichte. Das Mädchen war Saeed unbekannt. Und doch habe es seinen Namen und die seiner Geschwister gekannt und Details aus ihrem täglichen Leben erzählt. Als die Anthropologin Anne Bennett von der California State University Ende der 1990er Jahre mit dem damals siebzigjährigen Mann sprach, hatte er noch immer engen Kontakt zu der jüngeren Frau, in der er seine Mutter erkannte.

          Saeed ist Druse. Wie viele Angehörige dieser vor allem in Syrien und dem Libanon beheimateten Religion glaubt er an Reinkarnation. Aus westlicher Sicht wirkt das befremdlich und wirft Fragen nach den sozialen, rechtlichen und psychologischen Folgen auf, wenn ein Kind plötzlich zu zwei Familien gehört. Als die Anthropologen Gerhard Fartacek und Lorenz Nigst vom Phonogrammarchiv der Österreichischen Akademie der Wissenschaften sich im vergangenen Jahr bei Drusen im Libanon aufhielten, ging es auch um solche Probleme. Doch das Phänomen ist vor allem interessant, weil es ungewöhnlich ist für eine Glaubensrichtung, die dem Islam entstammt.

          Zwischen einer halben und einer Million Drusen leben noch im Nahen Osten. Etwa 200.000 haben die Region inzwischen verlassen.

          Die Drusen spalteten sich Anfang des 11. Jahrhunderts in Ägypten von den Ismailiten ab, einem Zweig des schiitischen Islams. Bald nach dem Tod ihres Gründers wurden sie in Ägypten verfolgt, woraufhin sie sich im syrischen und libanesischen Bergland niederließen. Dort schloss sich die Gemeinschaft. Seither wird man Druse allein durch Geburt, geheiratet wird nur untereinander. Der Koran spielt für Drusen eine Rolle, allerdings vorwiegend als Quelle für religiöses Wissen. Ebenso wichtig sind die Briefe drusischer Gelehrter, in denen sufistische, esoterische und schiitische Elemente sowie Einflüsse der griechischen Philosophie sichtbar werden.

          An manche Geheimnisse kommen selbst Forscher nicht ran

          In vieler Hinsicht ist das Drusentum aber eine Geheimreligion. Bestimmte Glaubensinhalte sind nur Eingeweihten bekannt, Wissenschaftler erhalten nur bedingt Auskunft. Nigst und Fartacek gehen ohnehin „emisch“ vor, wie die Sozialwissenschaftler das nennen: Sie sammeln Fallgeschichten aus Sicht der Betroffenen. Inwieweit die Erzählungen Nichteingeweihter aber mit den drusischen Lehren konform gehen, muss zumeist offenbleiben. Für die Wiener Forscher spielt das jedoch nur eine untergeordnete Rolle, denn sie interessiert weniger die Doktrin, sondern „die gelebte Religion, die lokalkulturellen Vorstellungen der heutigen Drusen“, erklärt Fartacek. Deswegen ist es ihm wichtig, zwischen der abstrakten Vorstellung der Wiedergeburt und konkreten Fällen zu unterscheiden, in denen Menschen angeben, sich an ein voriges Leben zu erinnern. „Innerhalb der drusischen Religionsgemeinschaft besteht hinsichtlich des Prinzips der Wiedergeburt ein gewisser Common Sense“, sagt Fartacek. Im Einzelfall können die Meinungen indes geteilt sein, wobei besonders die Eingeweihten oft skeptisch blieben. Insgesamt aber habe er die Drusen im Libanon als sehr offen erlebt: „Die Menschen unterhalten sich gerne über Wiedergeburt – zumindest solange sie nicht persönlich involviert sind und unangenehme Enthüllungen befürchten müssen.“

          Ganz anders erlebte es Anne Bennett bei ihren Aufenthalten im Süden Syriens zwischen 1994 und 2004. Ihre Gesprächspartner dort gingen mit dem Thema äußerst vorsichtig um, groß erschien Bennett ihre Furcht vor Vorurteilen und Ablehnung. Fartacek kann das aus früheren Reisen bestätigen: „Wiedergeburt war in Syrien vor dem Krieg ein extremes Tabuthema.“ Als er dagegen in Österreich mit geflohenen syrischen Drusen sprach, konnte er keinerlei Hemmung feststellen, im Gegenteil.

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