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Der Fall Konrad Lorenz : Salzburg kultiviert weiter eifrig das Nichtwissen

  • -Aktualisiert am

Diesen Preis kann ihm niemand mehr nehmen: Konrad Lorenz bei der Nobelpreisverleihung in Stockholm 1973. Bild: AFP

Im Dezember 2015 entzog die Universität Salzburg Konrad Lorenz postum den Ehrendoktor. Ihr Vorgehen ist selbst Gegenstand einer Aufarbeitung geworden, die noch nicht wirklich begonnen hat.

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          Im Dezember 2015 erkannte die Universität Salzburg Konrad Lorenz jenen Dr. h.c. wieder ab, den sie ihm im November 1983 verliehen hatte. Über den postumen, ohne Nachahmung gebliebenen Widerruf wird auch vier Jahre später immer noch gestritten. Die Einwände reichen von prinzipiellen Vorbehalten gegen postume Aberkennungen über die Verteidigung des wissenschaftlichen Werks bis hin zur expliziten politischen Relativierung inkriminierter Aussagen.

          In alldem spiegelt sich die anhaltende Selbstreflexion über den Umgang Österreichs zunächst mit der NS-Vergangenheit, längst aber auch mit der späteren Aufarbeitung und Erinnerungspolitik. Letztere hat auch ihre hochschulrechtliche Seite. Denn der 2015 erfolgte Widerruf stützte sich auf den Tatbestand der „Erschleichung“. Dass dieser erfüllt war, bestritten auch Kritiker, die das politische Anliegen des Senats nachvollziehen konnten: nämlich einen hochschulpolitischen Fehler der achtziger Jahre rückgängig zu machen.

          Als Reaktion auf die heftige Kritik organisierte die Universität Salzburg 2016 eine Tagung, deren Ergebnisse nun zusammen mit einer Dokumentation der Causa Lorenz veröffentlicht wurden („Zuviel der Ehre?“ Interdisziplinäre Perspektiven auf akademische Ehrungen in Deutschland und Österreich. Herausgegeben von Alexander Pinwinkler und Johannes Koll. Böhlau Verlag, Wien 2019. 512 S., geb., 39,99 ). Dort sieht man primär ein Versagen der Wissenschaftskommunikation; im Geleitwort bekundet der Rektor, es sei der Universität Salzburg „nicht gelungen, ihre Position differenziert zu kommunizieren“.

          Versachlichung durch Verallgemeinerung?

          Tatsächlich holt der Band nun weit aus, um universitäre, politische und rechtliche Rahmenbedingungen der Zu- und Aberkennung von akademischen Ehrungen in Geschichte und Gegenwart zu ergründen. So entsteht aber ein Missverhältnis zwischen Thematisierung des Allgemeinen und Aufarbeitung des Eigenen. Angefangen beim generell gehaltenen, protowissenschaftlichen Untertitel, drängen Aufmachung und Themensetzung den Anlassfall zugunsten einer „Versachlichung der Diskussion“ weiter in den Hintergrund.

          Im Zeitalter von Fake News entspringt diese Schaffung einer extensiven Faktenlage zwar der institutionellen Logik einer Wissenseinrichtung. Die aufklärerische Intention des Bandes wird damit aber abgeschwächt: Je näher man zeitlich und geographisch der Universität Salzburg und dem Jahr 2015 kommt, desto weniger erfährt man über wichtige Stichworte wie die lokale akademische Elite und deren Motive.

          Zur „Erschleichung“ erläutert der Grazer Staatsrechtler Karl Stöger, sie liege vor, wenn eine „Partei“ vorsätzlich oder fahrlässig falsche Angaben von wesentlicher Bedeutung gemacht habe. Bei einer Ehrung müsste es um die Beurteilung der „Ehrungswürdigkeit“ gehen. Leider diskutiert Stöger nicht, wer hier „Partei“ und damit in der Begründungspflicht gewesen ist: der Geehrte selbst oder die vorschlagende Körperschaft? Im maßgeblichen österreichischen Kommentar zum Wissenschaftsrecht schreibt Bettina Perthold-Stoitzner: „Ein Erschleichen ist dabei dann anzunehmen, wenn die Behörde auf die Angaben der Partei angewiesen ist und eine Situation besteht, in der ihr nicht zugemutet werden kann, über die Richtigkeit und daher auch Vollständigkeit der Angaben Erhebungen von Amts wegen zu pflegen.“

          Wer wusste was wann?

          Der Beschluss von 2015 moniert „Erschleichung“ im Wege der Verschweigung und erwähnt die mögliche Kenntnis von der NS-Vergangenheit bei Salzburger „Entscheidungsträgern“. Zwar übermittelte Lorenz im April 1983 Unterlagen an einen Salzburger Fachkollegen. Brieflich ergänzte er, „leider“ habe er „keine Kopie von dem Curriculum Vitae mehr“. Die „Irreführung“ als Tatbestandsmerkmal und Entscheidungsgrundlage wird aber nicht diskutiert.

          „Fehlende Informationen“ bleiben damit eine juristische Fiktion, die dramatisch hinter dem allgemein verfügbaren Wissensstand des Jahres 1983 zurückbleibt und die damaligen Entscheidungsträger schützt – und ebenso die Entscheidungsträger von 2015. Denn Kritik an der Entscheidung von 2015 wird als „Kommunikationsproblem“ in die PR-Abteilung abgeschoben, als wäre die kritische Öffentlichkeit nicht auf Augenhöhe mit der Universitätsverwaltung gewesen.

          Ausweichend liest sich noch die Selbstkommentierung von 2016: Obwohl der Universität „hätte bekannt sein müssen, dass im Falle einiger Persönlichkeiten belastende Zeugnisse aus der Zeit des Nationalsozialismus vorliegen, sind diese beim Beschluss über die Ehrungen nicht zur Sprache gekommen“. Im Fall einer anderen Ehrung heißt es, die NS-Verstrickungen seien an der Universität „zu wenig bekannt“ gewesen. Auch mit dieser Formel wird die präzise Frage von Wissen beziehungsweise Nichtwissen einzelner Personen oder Gremien umkurvt.

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