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Ungleiche Bildungschancen : Von guten und schlechten Eltern

  • -Aktualisiert am

Wer eine gute Erziehung genießt hat im Bildungswesen deutlich bessere Erfolgschancen. Bild: Arno Burgi/dpa

Wenn sozial Schwächere geringere Bildungserfolge erzielen, hat das nicht nur materielle Gründe – die einfache Gleichung zwischen dem sozialen Status und den Bildungschancen geht oftmals nicht auf. Doch was entscheidet dann über den Erfolg des Nachwuchses?

          Kinder aus sozial schwachen Familien haben schlechtere Bildungschancen als solche aus bessergestellten Haushalten – das gilt als unbestreitbarer Befund der Bildungsforschung. Diese Kinder müssten entsprechend gefördert werden, um das gesellschaftliche Ziel der Chancengleichheit nicht preiszugeben. Doch schon hier fangen die Fragen an: Wie sollte eine solche Förderung eigentlich aussehen? Die Antworten unterscheiden sich gravierend, je nachdem, worin man eigentlich den Grund für die Bildungsnachteile sieht.

          Etwa der Zugang zu Bildungsressourcen: Wer zur Erklärung von schlechteren Schulerfolgen von Kindern aus sozial schwachen Familien darauf verweist, dass die Einkommen dieser Familien kaum oder nur geringe Ausgaben für Bücher, Klavierstunden oder Museumsbesuche zuließen, muss auch eine Antwort darauf haben, warum solche Familien ihre Bücher nicht umsonst in der Stadtbücherei ausleihen oder die vielfältigen Vergünstigungen für sozial Schwache in Anspruch nehmen, die etwa das Bildungspaket bietet.

          Liegt es gar nicht an den mangelnden Ressourcen, sondern am mangelnden Willen, diesen Mangel auszugleichen? Aber selbst wenn dem so wäre, erklärte das nicht, warum es dennoch Kinder aus sozial schwachen Familien gibt, die das Milieu ihrer Eltern verlassen möchten – und es am Ende auch schaffen. Warum motiviert die Armut der Familie das eine Kind zum Aufstieg und entmutigt das andere?

          Die soziale Ungleichheit ist vielfältig

          Aber vielleicht sind es auch ganz nüchterne Kosten-Nutzen-Entscheidungen, die hinter einer Schulwahl stehen. Warum sollten sich Eltern nicht aus Kostengründen gegen das Abitur und für eine Berufsausbildung für ihre Kinder entscheiden? Dass ein sogenanntes Arbeiterkind selbst wieder ein Arbeiter wird, also innerhalb der sozialen Schicht der Eltern bleibt, muss ja nicht zwingend als ein Versagen gewertet werden.

          Auch hinter dem Wunsch des Statuserhalts kann Ehrgeiz und Leistungswille stehen. Vielleicht sind auch solche Versatzstücke wie sozial schwach, bildungsfern, Unterschichtsangehöriger oder Arbeiterkind grundsätzlich untauglich, weil die soziale Ungleichheit einfach zu vielfältig ist, als dass man sie auf solche Formeln reduzieren könnte. So gilt gemeinhin der Migrationshintergrund als Bildungsbenachteiligung, weil er sowohl eine wirtschaftliche als auch kulturelle Schlechterstellung bedeute.

          Was dann aber wiederum nicht für Migranten aus Vietnam gilt, deren Haushaltseinkommen meist niedrig ist, deren Kinder sich aber oft durch schulische Höchstleistungen auszeichnen – selbst dann, wenn die Eltern zu Hause praktisch kein Deutsch sprechen. Befunde wie diese Erfolge der vietnamesischen Schüler im deutschen Bildungssystem erscheinen irritierend.

          Ein Zusammenhang von Erziehung und Bildungserfolg

          Offensichtlich widersprechen sie den Erwartungen eines engen Zusammenhangs von sozialer Schicht und Bildungserfolg – es sei denn, man schöbe eine weitere Erklärung ein, die irgendetwas mit dem Familienleben zu tun haben könnte. Wäre es möglich, dass Kinder aus sozial schwachen Familien geringere Aussichten auf Schulerfolge haben, weil ihre Eltern sie falsch erziehen?

          Li Jianghong, Till Kaiser und Matthias Pollmann-Schult sind dieser Frage jetzt mit dem Familien-Investment-Modell nachgegangen. Es geht davon aus, dass sich ein niedriger sozioökonomischer Status mittels Schichtunterschieden im Erziehungsverhalten tatsächlich in geringeren Bildungschancen der Kinder niederschlage.

          Die Forscher untersuchten daher, ob spezielle Verhaltensweisen im Umgang der Eltern mit ihren Kindern sowie Verhaltensauffälligkeiten bei diesen (etwa Aggressionen, Hyperaktivität oder mangelndes Benehmen) das gesuchte Verbindungsstück zwischen Sozialstatus und Bildungserfolg sein könnten.

          Gute Eltern erziehen erfolgreiche Kinder

          Sie fanden mit Daten der Erhebung „Familien in Deutschland“ (FiD) heraus, dass nachteilige Erziehungsstile allein den Zusammenhang beider Größen nicht erklärten. Allerdings führe ein niedriger sozialer Status der Eltern zu nachteiligen Erziehungsstilen, diese wiederum zu psychischen Problemen und Verhaltensauffälligkeiten der Kinder und damit letztlich zu schlechteren Schulnoten.

          Wir wissen nun, so das Resümee der Studie, dass es nicht nur die sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Ressourcen sind, die den Kindern aus bessergestellten Haushalten größere Bildungschancen verschafften, sondern auch deren seelische Gesundheit und die Fähigkeiten ihrer Eltern in der Erziehung.

          Aber was sind „nachteilige Erziehungsstile“? Als nachteilig habe sich insbesondere eine Erziehung erwiesen, die von großen Inkonsistenzen geprägt sei. Unstimmigkeiten, Widersprüche und der Mangel an Verlässlichkeit im Verhalten der Eltern belasteten Kinder nachhaltig und führten zu den besagten Verhaltensauffälligkeiten, die sich dann wiederum negativ auf den Schulerfolg auswirkten.

          Und ein inkonsistenter Erziehungsstil, so die Autoren der Studie, finde sich eben eher in den sozial schwächeren Elternhäusern. Wer deren Kinder politisch fördern will, sollte also nicht nur an mehr Sozialleistungen denken, sondern auch an die Erziehung dieser Eltern zu besseren Eltern.

          Literaturhinweis:

          Li Jianghong, Till Kaiser, Matthias Pollmann-Schult: The Reproduction of Educational Inequalities: Do Parenting and Child Behavioural Problems Matter? In: Acta Sociologica, 2018, Jg. 61, 1-20.

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